Donnerstag, 8. März 2001

Steffi Graf rennt um Gold

Nach Hallen-EM-Gold und Olympia-Silber im Vorjahr peilt Stephanie Graf von Freitag bis Sonntag bei den 8. Leichtathletik-Hallen-Weltmeisterschaften in Lissabon ihr drittes Edelmetall in Serie bei einem Großereignis an.
Im NEWS-Interview sprechen Österreichs Lauf-Ladys Stephanie Graf und Karin Mayr (Bild) über Popularität, WM-Ziele, Doping und Psychostress.

"Ich will in Lissabon zeigen, was ich kann", betont die 27-jährige Kärntnerin, die auch nach ihren großen Erfolgen keine großen Sprüche klopft, sondern sich weiterhin lieber in "geheimnisvoller" Zurückhaltung übt. Ihr Manager Robert Wagner spricht dagegen Klartext: "Steffi ist nur auf Gold aus. Bei jedem anderen Ergebnis ist sie sicher enttäuscht."

Medaillenchancen auch für andere ÖLV-Athleten

Graf weiß, dass die größten Medaillenhoffnungen einmal mehr auf ihr ruhen, doch sieht sie sich nicht allein auf weiter Flur: "Es schaut diesmal für den ÖLV sehr gut aus, weil Elmar Lichtenegger und Karin Mayr ebenfalls Medaillenchancen besitzen". Auch Wagner, der neben Graf auch den Hürdensprinter und die ÖLV-Rekordlerin über 60 und 200 m managt, traut seinen drei Schützlingen Edelmetall zu: "Wenn Elmar ins Finale kommt, dann ist für ihn alles möglich. Bei Karin gibt's dagegen ein Problem: Sie ist besser als sie selbst weiß!"

Das NEWS-Interview

news: Altersmäßig sind Sie beide „Spätstarter“. Haben Sie in all den Jahren bis zum Erfolg nie ans Aufhören gedacht?

Graf: Oft. Das gehört dazu. Ich habe 15 Jahre gebraucht, um dort hinzukommen, wo ich jetzt stehe. In unregelmäßigen Abständen fragt man sich da, ob sich Verzicht und Quälerei überhaupt rechnen. Und dann gibt es diese unglaublichen Erfolgsmomente, wo man wieder Energie für die schlimmen Phasen tankt.

Mayr: Ich bin von der Leistung mit der Steffi sicher nicht vergleichbar. Aber auch ich bin froh, dass ich mich 1996 auf die Kurzdistanzen spezialisiert und nicht aufgegeben habe.

news: Was sind die größten Verzichte?

Graf: Man ordnet sein Leben 24 Stunden am Tag dem Sport unter. Man kann nicht auf Urlaub fahren, ausgehen oder essen wie andere.

Mayr: Egal was man macht, man hat immer im Hinterkopf: Kann mir das jetzt schaden?

news: Apropos Körperbewusstsein. Ihr seid extrem muskulös. Fühlt ihr euch weniger fraulich deswegen?

Graf: Das empfinden vielleicht andere. Ich selbst fühl mich total als Frau. Es ist sogar ein wunderschönes Gefühl, wenn jede Faser deines Körpers fit ist. Ich bekomme die Grausbirnen, wenn ich mir denke, dass das im Alter vielleicht nicht mehr so ist und der Bauch weich wird. Ich bin sehr stolz auf meinen Körper.

Mayr: Stimmt. Ich bin zwar nicht eitel, aber heikel. Und ich setze weiblich nicht mit dicklich oder weicher Haut gleich.

news: Was sind die Ziele bei der Hallen-WM? Holt die aktuelle Nummer 1 über 800 m den Titel?

Graf: Ich gehe nicht davon aus, aber ich wünsch es mir. Im Sport lässt sich nichts mit Zirkel und Lineal planen. Außerdem gibt’s noch viele andere Ziele: Weltrekord, den Gewinn der Grand-Prix-Wertung und in der Leichtathletik eine ganz Große zu werden. So wie Marion Jones.

Mayr: Na ja. Von der Papierform wäre eine Medaille über 200 Meter möglich. Aber ich sag mal – wenn ich in einem Finale laufe, ob 200 oder 60 m, dann ist das ein Riesenerfolg.

news: Welche ist eigentlich die spannendere Disziplin – 800 oder 60 Meter?

Graf: In meiner Disziplin zählt, wer taktisch schnell reagieren und die letzten 300 Meter am besten durchbeißen kann.

Mayr: Über 60 m darf man keinen Fehler machen. Die Entscheidung fällt quasi beim Start.

news: Wie groß ist eigentlich der Psychostress vor einem Top-Rennen?

Graf: Ich hab da schon immer die Hose voll – vor den Schmerzen, dem Psycho-Spiel mit der Konkurrenz. Darum hab ich so viele Rituale, die mir Sicherheit geben: idente Tagesabläufe, bestimmte Gegenstände, die dabei sein müssen.

Mayr: Ich hab auch so Ticks: Einmal hab ich eine Saison lang dieselben Socken getragen.

news: Mehr und weniger umstrittene Dopingfälle sorgen immer wieder für Schlagzeilen – wie knapp verlaufen die Grenzen?

Graf: Die Grenzen sind ganz klar in einer Dopingliste definiert. Klar versuchst du, deinem Körper alles zu geben, was ihm hilft: Vitamin-C-Infusionen oder Kohlehydratpulver. Ich mein, du schöpfst schon alles aus. So weit es halt geht: Das Kontrollsystem ist in den letzten Jahren ganz strikt eingehalten worden. Man sieht ja, dass die Leistungen teilweise schon zurückgegangen sind. Und es gibt auch nicht mehr die richtigen Mannsweiber.

news: Ich denke an Erzrivalin Maria Mutola …

Graf: Die Maria ist vom ganzen Habitus männlich. Ich denke an die ehemaligen Ostblockathletinnen. Da hat man die Vermännlichung nicht nur am Bartwuchs gemerkt. Aber Dopingsünder wird es immer geben. So wie Steuerhinterzieher in der Wirtschaft oder rauschgiftsüchtige Musikinterpreten. Im Sport sind besonders die gefährdet, die kein zweites Standbein, keine andere Ausbildung haben.

news: Inwiefern hat bereits Olympiasilber das Leben der Steffi G. verändert?

Graf: Ein Popularitätsschub ist gekommen. Mittlerweile wissen die 60-jährigen Omis im Supermarkt, wie schnell ich die 800 m laufen kann.

news: Haben Sie mit Olympia „ausgesorgt“?

Graf: Sicher habe ich gut verdient, und mein Marktwert hat sich etwa verdreifacht. Ich bin derzeit über die 800 m die Schnellste der Welt. Das gehört entsprechend honoriert. Dennoch jetzt kann ich mir ein Haus leisten. Mit der Leistung in einer anderen Sportart wären’s vielleicht drei Häuser …

Das ÖLV-Aufgebot für Lissabon

FRAUEN (3):

Stephanie Graf (K/27 Jahre/LCC Wien/800 m)

Karin Mayr (OÖ/29/SV Schwechat/60 und 200 m)

Brigitte Mühlbacher (OÖ/25/Union Salzburg/1.500 m)

MÄNNER (2):

Leonard Hudec (N/27/SV Schwechat/60 m Hürden)

Elmar Lichtenegger (K/26/VST Laas Völkermarkt/60 m Hürden)

Zeitplan der ÖLV-Athleten

FREITAG

60 m Hürden - Hudec, Lichtenegger (Vorläufe ab 11:45 MEZ, Semifinali ab 14:25 MEZ, Finale 20:00 MEZ)

200 m - Mayr (Vorläufe ab 12:25 MEZ, Semifinali ab 19:00 MEZ)

800 m - Graf (Vorläufe ab 13:40 MEZ)

SAMSTAG:

800 m - Graf (Semifinali ab 16:15 MEZ)

1.500 m - Mühlbacher (Vorläufe ab 16:35 MEZ)

200 m - Mayr (Finale 18:45 MEZ)

SONNTAG:

60 m - Mayr (Vorläufe ab 15:45 MEZ, Semifinali ab 17:20 MEZ, Finale 18:55 MEZ)

1.500 m - Mühlbacher (Finale 16:50 MEZ)

800 m - Graf (Finale 17:40 MEZ)

8.3.2001 10:08