Europa zittert vor „englischen Verhältnissen“

Frankreich hat als erstes Land einen (EU-widrigen) Aufruf erlassen, auf Reisen nach Großbritannien zu verzichten. Der gesamte Kontinent zittert vor
Als die Teilnehmer des „5. Europa Forum Lech“ am Innsbrucker Flughafen landen, müssen sie einen Seuchenteppich passieren, den das österreichische Bundesheer vorsorglich ausgelegt hat: Ohne zu zögern überschreiten sie das auf dem Boden liegende nasse Vlies. Sicher ist sicher. Die Erreger der Maul- und Klauenseuche (MKS) haben keinen Respekt vor großen Namen.
Den Fußballstars von Liverpool samt Anhängern geht es ähnlich: Nach ihrer Landung vor dem UEFA-Pokal-Spiel gegen Porto werden sie durch eine Seuchenschleuse geleitet. Sogar ihr Gepäck wird mit Desinfektionsmittel abgewischt.
Kontrollen am Kanal. Am strengsten sind die Sicherheitsvorkehrungen entlang des Ärmelkanals. In Calais, Dover und Cherbourg rollen alle Fahrzeuge im Schritttempo durch eine Reinigungslösung. Das Gleiche gilt für den Eurotunnel. Die Länge der wartenden Kolonne zeigt, wie genau es die Sicherheitsmannschaften mit der Kontrolle nehmen. Von Reisenden mitgeführte Lebensmittel werden beschlagnahmt und vernichtet.
Die aus Großbritannien kommenden Autofahrer haben Verständnis: Seit Tagen gibt es im Königreich kaum ein anderes Thema. Jeder weiß, wie groß das Übertragungsrisiko ist. Belgien, Holland und Deutschland setzen zusätzlich auf verschärfte Lkw-Kontrollen: Entlang der Grenzen winkt die Polizei einen Transporter nach dem anderen aus den Kolonnen, um Frachtpapiere zu überprüfen und die Ladung zu kontrollieren.
Bedrohtes Festland. Dass sich die ansteckende Tierseuche auf diese Weise vom Festland abhalten lässt, halten Experten für unwahrscheinlich. Vor Verhängung des britischen Transportstopps am 23. Februar sind Tausende Schafe, Ziegen und Schweine von Großbritannien aus in zahlreiche Länder der EU – vor allem nach Irland, Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland – geliefert worden. Jetzt ist Detektivarbeit angesagt: Die Tiere sollen möglichst rasch und vollzählig aufgespürt, geschlachtet und vernichtet werden. Selbst wenn das gelingen sollte, wäre die Gefahr nicht gebannt. Das Virus kann nicht nur von jedem Frachter, von jedem Touristen und sogar von jedem Vogel eingeschleppt werden. Es ist auch durch die Luft übertragbar. Ängstlich beobachten Frankreichs Seuchenexperten die stündlichen Windvorhersagen. Bisher zeigt der Wettergott Verständnis: Der Wind bläst nur schwach Richtung Südwest. Wird er stärker und dreht nach Süd oder Südost, können auch Seuchenteppiche keinen Schutz bieten. 1941 hat sich die Seuche auf dem Luftweg nach Irland ausgebreitet, 1966 wurde sie auf eine Kanalinsel vor der britischen Küste getragen. Von der deutschen Ostseeinsel Riems, auf der Tierseuchen erforscht werden, blies der Wind Erreger bis nach Dänemark.
Nationaler Notstand. Was Europa droht, wenn sich die Seuche nicht eindämmen lässt, erleben zurzeit die Bürger Großbritanniens: Weil Viehmärkte gesperrt, der Transport verboten und die Schlachthöfe stillgelegt sind, drohen erste Versorgungsengpässe: Hamsterkäufe haben den Supermärkten zuerst Rekordgeschäfte und danach leere Regale beschert. Die Lockerung der Einschränkungen erfolgte zu spät: Nach vorheriger veterinärmedizinischer Untersuchung dürfen seit einigen Tagen Tiere in
die nächstgelegenen Schlachthöfe gebracht werden.
Mehr als von der Verknappung und Verteuerung von Fleisch sind die Briten von den für die Seuchengebiete verordneten Sicherheitsmaßnahmen betroffen: Zuerst wurden einzelne Höfe, dann vorübergehend – bis zur Auslegung von Seuchenteppichen – ganze Ortschaften und Landstriche zu Sperrzonen erklärt. Nationalparks und Zoos bleiben geschlossen, Wanderwege sind gesperrt. In den betroffenen Gebieten werden Jagdpartien, Kulturveranstaltungen, Pferderennen und Fußballspiele abgesagt. Sogar ein Teil der Kirchen bleibt sonntags geschlossen. „Das ist nicht übertrieben“ meint der Wiener Seuchenexperte Prof. Walter Baumgartner, Vorstand der II. Medizinischen Klinik für Klauentiere. „Die Engländer haben richtig gehandelt. Auch wir müssten im Ernstfall solche Maßnahmen treffen!“
Frankreich hat als erstes Land einen (EU-widrigen) Aufruf erlassen, auf Reisen nach Großbritannien zu verzichten. Gäste und Geschäftsreisende aus anderen Ländern bleiben auch ohne Aufruf aus. Londons Hotels beklagen einen Nächtigungsrückgang um bis zu 10 Prozent, Krisengebiete ein Minus von bis zu 90 Prozent.
Wahlverschiebung. Auch die große Politik ist Opfer der Krise: Die Regierung befürchtet, die für den 29. April festgesetzte Volkszählung verschieben zu müssen. „Ein bürokratischer Alptraum“ wäre das nach Aussage von Agrarminister Nick Brown. Ein teurer dazu: Mit 70.000 Helfern müssten neue Vereinbarungen geschlossen, 32 Millionen Formulare eingestampft werden. Die Vorbereitungen für einen neuen Termin würden zumindest vier Monate in Anspruch nehmen. Sogar die Parlamentswahlen sind gefährdet. Eigentlich hatte Premier Tony Blair die Gunst der guten Umfragen nützen und am 5. April wählen lassen wollen. Wahlkampf in einem mit Sperrzonen und Desinfektionsschleusen überzogenen Land aber kann sich niemand vorstellen.
Solidaritätsbonus. Auf der anderen Seite profitiert die Regierung auch von der Seuche: Der von der „Countryside Alliance“ für Mitte März geplante Sternmarsch auf London, mit dem das Landvolk gegen das drohende Verbot von Fuchsjagden protestieren wollte, ist abgesagt. Im Volk kassiert Tony Blair einen Solidaritätsbonus, im Parlament bleibt er von harten Attacken verschont: Bei der jüngsten Fragestunde erlebten die Zuschauer an den Fernsehgeräten sachliche Diskussionen statt der üblichen Beschimpfungen – ein unübersehbares Signal, dass sich das Land im Ausnahmezustand befindet.
Europa wird sich auf ähnliche Zustände einstellen müssen. Selbst schärfste Sicherheitsbestimmungen bieten keinen zuverlässigen Schutz. Auch Österreich könnte betroffen sein, wie der steirische Landesveterinärdirektor Josef Köfer einräumt (siehe Kasten rechts). Den Grad der Wahrscheinlichkeit will er nicht abschätzen. Dafür ist er sicher, dass die Alarmpläne von Bund und Ländern „alles enthalten, was im Ernstfall getan werden kann“.
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