Samstag, 3. März 2001

Wenn Dot.coms sterben, rollt oft nur der Ball weiter

Pleiten, Pech und Pannen in der amerikanischen New Economy. Seit Monaten macht ein Web-Unternehmen nach dem anderen dicht. Im Zuge der Online-Massenflaute florieren mittlerweile Liquidationsunternehmen, die die Überreste der Start-up-Bankrotteure verhökern.

Des einen Leid, des andern Freud'. Neben Online-Arbeitsvermittlern profitiert in den USA derzeit vor allem ein Geschäftszweig von der anhaltenden Dot.com-Flaute: Liquidatoren. Zur Freude aller Hightech-Schnäppchenjäger verramschen Unternehmen wie DoveBid, Bid4Assets oder Cowan Alexander den Nachlass bankrotter - oder zumindest maroder - Internet-Firmen. Darunter finden sich neben Highend-Servern, Flachbildschirmen, Laptops, Handhelds nicht selten auch beliebte "Dot.commy"-Accessoires wie etwa Tischfußballgeräte und Air-Hockey-Spieltische.

Die Branche boomt wie nie zuvor

Die Auktionsfirma Cowan Alexander bestreitet Eigenangaben zufolge bereits mehr als 60 Prozent ihres Umsatzes aus dem häppchenweisen Verkauf krisengeschüttelter Online-Firmen. Vergangenes Jahr hatte das Unternehmen mit Filialen in San Francisco, Los Angeles und Portland 44 Internet-Companys liquidiert und gebrauchtes Equipment im Wert von 60 Millionen US-Dollar veräußert.

DoveBid aus der Silicon-Valley-Gemeinde Foster City hat allein im Februar fünf Web-Firmen aufgelöst. Für März stehen CEO Ross Dove zufolge sieben weitere Dot.com-Liquidationen an. "Im Zuge der Krise des Internet-Business läuft unser Geschäft derzeit prächtig", erklärt Dove. "Letzten Monat haben wir mehr Online-Unternehmen liquidiert als im ganzen Jahr 2000." Dazu gehören etwa die Start-ups Riffage.com, ZapMe!, Zatso und Lifespire.com.

Kurze Misserfolgsstorys

Die kurzen Misserfolgsstorys der hochgelobten und schließlich verhökerten Jung-Companys lesen sich in der Regel alle gleich: Business-Modell unbefriedigend, Millionenkapital verbrannt, Massenentlassungen, Konkurs. Was nach der Pleite bleibt, ist oft nicht viel mehr als ein, zwei Räume voll Auktionsware - meist Büroausstattung und Hardware, ab und an landen auch Domainnamen unter dem Hammer.

Und die Online-Pleitewelle hält gemäß Experten wie Merrill-Lynch-Börsenguru Henry Blodget - einst für den Boom der Web-Werte mitverantwortlich - weiter an. Dove geht bereits davon aus, dass in nächster Zeit Dot.com-Überreste im Wert von drei Milliarden Dollar versteigert werden.

Vergangene Woche hat sein Unternehmen im kalifornischen Hayward den Nachlass des bankrotten "Pay to Surf"-Start-ups Alladvantage.com veräußert. Mehr als 200 Second-Hand-Tech-Shopper feilschten vor Ort um Desktop-Rechner, Laptops, Designer-Büromöbel und allerhand Netzwerkequipment. Insgesamt wurden über 500.000 US-Dollar in die leeren Kassen des ehemaligen Online-Bannervermarkters gespült.

"Vor allem Wiederverkäufer, Studenten und mittlerweile auch immer mehr Mitarbeiter von anderen Internet-Firmen kommen zu den Dot.com-Auktionen", erklärt DoveBid-Marketing-Managerin Shanta Avadani. "Denn meistens kann man sich ziemlich günstig mit Hardware eindecken." Zweite-Hand-Dealer im Silicon Valley freuen sich bereits darüber, dass sich die Zahl der Versteigerungen in der San-Francisco-Bay-Area verdoppelt hat: "Noch vor Monaten bin ich täglich auf eine oder zwei Veranstaltungen gegangen", erklärt Hightech-Händler Paul Flood aus Morgan Hill. "Nun kann ich aus drei oder vier Auktionen auswählen." Teilweise kauft Flood auch im Auftrag von Web-Firmen bei den Liquidationen deren Konkurrenz.

Drohende Pleite?

Oftmals werden die Dot.com-Nachlassverwalter bereits Monate vor dem eigentlichen Konkurs der Unternehmen konsultiert. "Online-Firmen mit Geldproblemen kontaktieren uns nicht selten schon, sobald sie die ersten Raten für Geräte oder Mieten nicht mehr bezahlen können", erläutert Auktionator Adam Alexander. "Zunächst werden dann Teile der Ausstattung verhökert, um kurzfristig wieder liquide zu werden." Bei E-Commerce-Unternehmen wird einfach die Ware wieder an die Großhändler zurückgesandt.

Bei DoveBid können Interessenten seit einigen Monaten auch via Internet mitbieten. So war etwa die Alladvantage-Versteigerung eine kombinierte Offline-Online-Veranstaltung. Mehr als 500 Surfer beteiligten sich übers Netz, fast jeder vierte Artikel wurde online versteigert - dabei hatten die Organisatoren nicht einmal die Hälfte der Web-Bieter erwartet. "Zum Teil werden bei den Auktionen sogar 60 bis 80 Prozent über das Internet verkauft", erklärt Avadani. "Doch das hängt natürlich von den angebotenen Gegenständen ab. Computerhardware eignet sich wesentlich besser als große Industrieanlagen, die man vorher einfach gesehen haben muss."

DoveBid - seit 1937 im Liquidationsgeschäft - hatte im vergangenen Jahr bereits die Geschäftseinrichtungen so bekannter amerikanischer New-Economy-Firmen wie Pets.com oder Productopia.com versteigert. Kommende Woche steht der Webvan-Ableger Homegrocer.com auf dem Auktionskalender. Für Mitte des Monats ist eine Versteigerung bei einem "führenden E-Commerce-Application-Software-Provider" im nordkalifornischen Folsom anberaumt - den Namen des Unternehmens hält DoveBid geheim. Zur Auktionsmasse sollen 250 PCs, Laptops und Server sowie eine komplette Telefonanlage zählen.

Die Tech-Preisfüchse sind bereits in Lauerstellung - auch hier dürften einige Schnäppchen zu machen sein. Bei der von Cowan Alexander organisierten Geschäftsauflösung des gescheiterten Web-Finanz-Start-ups EBalance wechselten Mitte Februar etwa 17-Zoll-Flachbildschirme für 600 bis 800 US-Dollar den Besitzer. Neupreis der nicht mal ein Jahr alten Geräte: mehr als 1200 US-Dollar. Doch auch die Auktionshäuser verdienen ordentlich an den Online-Pleiten: Dove schätzt, dass seine Branche in den nächsten Monaten Provisionen von bis zu 300 Millionen US-Dollar aus den Verkäufen von Dot.com-Pleitiers kassieren wird.

3.3.2001 12:45