FORMAT: Die Notbremse gezogen

Das Geschäft mit Internetzugängen steckt in der Krise: Die Libro-Tochter Lion.cc trennt sich deshalb von ihrem Providerbusineß, Netway will seinen Mitarbeiterstand nahezu halbieren.
Damit hatte keiner der dreihundert Mitarbeiter von Netway gerechnet: Als die Geschäftsführung des Internetproviders die Belegschaft am 23. Februar davon in Kenntnis setzte, daß der Personalstand bis Jahresende auf 170 nahezu halbiert werden soll, war dieses Ausmaß selbst für langjährige Mitarbeiter überraschend.
Netway ist nicht der einzige Provider, der massiv zu kämpfen hat. Yline hat sich bereits Ende vergangenen Jahres von seinem Providergeschäft getrennt. MCN mußte kürzlich überhaupt seine Pforten schließen, nachdem die Telekom aufgrund von Zahlungsrückständen schlicht die Leitungen gekappt hatte.
Bis zuletzt butterten vor allem junge Unternehmen Hunderte Millionen in Werbung und Marketing; mit nur einem Ziel vor Augen: in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Kunden an Land zu ziehen, um sich diese dann anläßlich eines Börsengangs oder einer Übernahme teuer abkaufen zu lassen. Eines der erfolgreichsten Lockmittel für den Kundenfang: der Gratiszugang ins Internet.
Eine Strategie, auf die auch Lion.cc, die Onlinetochter des Buchhandelskonzerns Libro, setzte. Das Ergebnis: Mit rund 70.000 Kunden avancierte der Senkrechtstarter binnen eines Jahres zu einem der größten Internetprovider des Landes.
Warten auf die Börsenchance
Doch auch Lion.cc muß jetzt wohl oder übel die Notbremse ziehen. Für Heinz Lederer, seit vergangener Woche Vorstandssprecher der Libro-Tochter und Nachfolger von Herbert Mayrhofer, liegen die Prioritäten klar auf der Hand: Wir müssen in erster Linie für ein klares Kostenmanagement sorgen und unsere Cash-burning-Rate deutlich senken. Schließlich wollen wir, wenn der Markt wieder dreht, an die Börse.
Allein die Kosten für das Providergeschäft belasten das Ergebnis von Lion.cc mit etwa 105 Millionen Schilling. Voraussichtlicher Gesamtverlust im soeben abgelaufenen Geschäftsjahr: rund 400 Millionen.
Kein Wunder, daß sich die Eigentümer, allen voran Libro und WAZ, vom Busineß mit den Gratiskunden lieber heute als morgen verabschieden wollen. Und ein Käufer scheint bereits gefunden: die Telekom Austria. Um kolportierte 120 Millionen Schilling soll die Telekom den Lion-Kundenstock übernehmen.
Aus der Vergoldung der Kunden dürfte damit allerdings nichts werden, denn bei dieser Kaufsumme erhält Lion für jeden Kunden gerade einmal 125 Euro. Vor weniger als einem Jahr wurde in der Branche noch mehr als das Zwanzigfache hingeblättert: So hat etwa Raiffeisen für jeden Netway-Kunden der UTA vor wenigen Monaten noch fast 3.000 Euro verlangt. Noch ist der Vertrag allerdings nicht unterschrieben. Die Telekom will, quasi als Trostpflaster für die Übernahme des Verlustgeschäfts, auch noch love.at dazubekommen mit rund zwanzig Millionen Pageviews eine der erfolgreichsten Kontaktseiten im Web.
Gerüchte, denen zufolge auch die UTA Interesse an den Lion-Kunden gehabt hätte, weist Kurt Lüscher, Chef des zweitgrößten Internetproviders, zurück: Es gab keine Gespräche, und es wird auch keine geben. Kein Wunder: Lüscher hat selbst alle Hände voll zu tun, um Netway wieder auf Vordermann zu bringen. Vor allem der Personalabbau soll möglichst schmerzlos über die Bühne gehen. Netway-Sprecherin Christine Wahlmüller: Unser Ziel ist es, alle Leute bei Partnerfirmen oder in ausgelagerten Unternehmensbereichen unterzubringen.
Einer dieser Bereiche ist die Onlinewerbevermarktung, die soeben unter dem Namen Adworx.at rechtlich verselbständigt wurde. Prominenter Gesellschafter: der ORF mit 47,5 Prozent. Die Geschäftsführung übernimmt der ehemalige Netway-Chef Helmut Jahnel.

