Franz Rottmeyer im FORMAT-Interview

Franz Rottmeyer, Automanager und designierter ÖBB-Präsident, über Politeinfluß und sein Verhältnis zur Bahn.
Zur Person:
Franz Rottmeyer, 62, ist Chef von Opel Austria. Der Motorenerzeuger in Wien-Aspern gehört zum US-Konzern General Motors. Eisenbahnersohn Rottmeyer ist Präsident der amerikanischen Handelskammer in Österreich und demnächst Boß des ÖBB-Aufsichtsrates
Format: Herr Rottmeyer, Opel ist einer der größten Güterverkehrs-kunden der ÖBB. Wie sehen Sie deren Leistungsfähigkeit?
Rottmeyer: Wir transportieren 98 Prozent der von uns erzeugten Produkte per Bahn und sind außerordentlich zufrieden. Die ÖBB liegt im Cargo-Bereich gut. Von der alten Staatsbahnenmentalität ist da nichts mehr zu merken.
Format: Sie sind Automanager und können kaum Interesse haben, daß viel Bahn gefahren wird. Würde da nicht der Bock zum Gärtner gemacht, wenn Sie jetzt ÖBB-Präsident werden?
Rottmeyer: Ich sehe in keiner Weise einen Widerspruch. Wir müssen den Verkehr entkrampfen. Die Städte würden ohne Zug hoffnungslos am Pendlerverkehr ersticken. Auch der Gütertransport auf der Schiene ist sehr sinnvoll. Wir brauchen eine vernünftige Symbiose zwischen Auto und Bahn.
Format: Können Sie persönlich mit Zügen etwas anfangen?
Rottmeyer: Sehr viel. Mein Vater und mein Onkel waren Lokomotivführer. Ich stamme aus einer alten Eisenbahnerfamilie. Die Regiefahrkarte war ein fixer Bestandteil meiner Kindheit und Jugend.
Format: Sie kennen also die Eisenbahnermentalität aus der eigenen Familie?
Rottmeyer: Ich habe großes Verständnis für die Leistungen der Eisenbahner. Die müssen Sonn- und Feiertag, Tag und Nacht zum Dienst bereit sein. Das gibt es in dieser Form in der Industrie nicht.
Format: Dafür gehen viele mit fünfzig Jahren in Rente, ohne krank zu sein.
Rottmeyer: Natürlich wird die generelle Diskussion über längeres Arbeiten auch die Eisenbahner nicht verschonen.
Format: Haben Sie auch berufliche Erfahrungen im Schienenverkehr gesammelt?
Rottmeyer: Na ja, ich habe bei den ÖBB in Knittelfeld Schlosser gelernt. Danach hatte ich mit Zügen nie mehr was zu tun.
Format: Sie sind bei General Motors die Mentalität eines US-Konzerns gewohnt. Glauben Sie, daß Sie mit einem Staatsbetrieb zurechtkommen werden?
Rottmeyer: Der neue ÖBB-Aufsichtsrat wird sich an einiges gewöhnen müssen und an manches nicht gewöhnen wollen. Mir ist klar, daß wir uns über vieles wundern werden. Und dann schauen wir, ob noch alles zeitgemäß ist. Es gibt auch bei den ÖBB Leute, die Veränderungen wollen. Auf deren Seite stehe ich.
Format: Fürchten Sie nicht, ständig politischer Einflußnahme ausgesetzt zu sein?
Rottmeyer: Ich gehe davon aus, daß betriebswirtschaftliche Kriterien zählen. Infrastrukturministerin Forstinger nimmt das, auch wenn sie jetzt viel kritisiert wird, sehr ernst. Beim ersten Kontakt mit mir hat sie sich über drei Stunden Zeit genommen.
Format: Beispiel ÖBB-General Helmut Draxler – er hat durchaus Erfolge aufzuweisen, paßt aber einigen in den Regierungsparteien nicht, weil er der SPÖ nahesteht.
Rottmeyer: Die Ausschreibung des Vorstandes läuft gerade, und wir werden danach entscheiden, wer der Beste ist – unabhängig von einer Partei. Ich glaube, daß auch die Politiker Qualifikation wollen. Es gab ja auch beim neuen Aufsichtsrat nicht das Spiel: Rote raus, Blaue rein. Ich bin von General Motors in hohem Maße aufgefordert, mich nicht politisch zu engagieren.
Format: Wie beurteilen Sie die Ära Draxler?
Rottmeyer: Nach allem, was ich höre, wurde gute Arbeit geleistet.
Format: Beispiel Teilung der ÖBB in zwei Unternehmen. Steht da nicht eher eine politische Absicht dahinter, die Zerschlagung eines roten Machtblocks, als ökonomische Überlegungen?
Rottmeyer: Ich kann das noch nicht beurteilen. Generell werde ich immer fragen, ob eine Entscheidung wirtschaftlich gerechtfertigt ist. Wenn der Eigentümer aus politischen Gründen was anderes will, muß er die Kosten tragen und darf nicht Vorstand oder Aufsichtsrat verantwortlich machen.
Format: Was wird sich denn in der Struktur der Bundesbahnen ändern müssen?
Rottmeyer: Darüber kann ich noch nichts sagen. Die ÖBB müssen sich auf Spezialgebiete konzentrieren, von denen sie was verstehen und wo sie eine starke Rolle in der EU spielen können. Welche das sind, müssen wir uns erst noch ansehen. Die Speditionsholding und der Lokpool scheinen mir gute Ansätze.
Format: Werden Teilbereiche privatisiert?
Rottmeyer: Dort, wo es die Möglichkeit gibt, wird es sinnvoll sein, private Partner hereinzunehmen. Aber meine Intention ist nicht, die ÖBB zu zerschlagen oder zu verkaufen. Ich will dorthin kommen, daß die Eisenbahner wieder selbstbewußt auftreten und die Österreicher auf ihre Bahn stolz sind.

