Freitag, 2. März 2001

In Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt

Der NS-Verbrecher Alois Brunner ist in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Dutzende Mitglieder Vereinigung "Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs" saßen im Gerichtssaal auf den Zuhörerbänken und hörten den Urteilsspruch. Sie hatten sich an den Judenstern der Nazizeit erinnernde Plaketten angeheftet.

Die Präsidentin des Pariser Schwurgerichts, Martine Varin, verlas am Freitag nach etwa zweistündiger Verhandlung das Urteil: Lebenslange Haft. Das Gericht folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese warf dem 88-jährigen gebürtigen Österreicher vor, für die Deportation von 345 jüdischen Kindern aus dem Durchgangslager Drancy bei Paris nach Auschwitz und Bergen-Belsen im Sommer 1944 verantwortlich zu sein.

Brunner, der sich in Syrien aufhalten soll, ist nach dem Krieg bereits zwei Mal in Frankreich zum Tode verurteilt worden. Er ist für die Deportation von europaweit mehr als 120.000 Juden in die Todeslager der Nationalsozialisten verantwortlich. Unklar ist, ob der gebürtige Österreicher noch lebt.

Der Anwalt Serge Klarsfeld, der den Prozess angestrengt hat, will mit dem Verfahren die Verbrechen aktenkundig machen und an die Opfer erinnern. 284 Kinder der Transporte Nummer 77 und 80b wurden umgebracht, darunter ein zwei Wochen alter Säugling. In Deutschland haben die Staatsanwaltschaften Köln und Frankfurt am Main 500.000 Mark (255.646 Euro/3,52 Mill. S) für Hinweise zur Ergreifung Brunners ausgesetzt. Syrien hat stets bestritten, dass der Naziverbrecher sich im Land aufhält. 1985 gab Brunner der Illustrierten "Bunte" in Syrien ein Interview, in dem er Stolz über seine Taten zum Ausdruck brachte. In dem Pariser Prozess werden keine Zeugen gehört. Mit dem Urteil wird noch am Freitag gerechnet.

2.3.2001 13:28