Mittwoch, 21. Februar 2001

Hörbiger: „Ich schockiere nur mit Ehrlichkeit“

Universalgenie Christiane Hörbiger spricht im NEWS-Interview über filmische Entblößung, die Politwende und den Nazi-Film der Mutter.

News: Wie findet der Publikumsliebling Julia den Mut für eine so radikale Rolle wie in „Die Gottesanbeterin“?
Hörbiger: „Julia“ ist Familienunterhaltung, vom Enkerl bis zur Uroma. Da sollte man mich nicht gerade bei der Selbstbefriedigung unter der Decke ertappen. In einer Kinorolle ist das durchaus möglich, solange es ästhetisch bleibt. In einem Film wie dieser bösen Satire bleibt kein Platz für die Lüge, nicht umsonst heißt es ja bei der Kamera das Objektiv. Da bleibt nichts als eine gewisse Brutalität auch gegen sich selber, da es hier um Darstellungskunst geht.

News: Sie zerstückeln Leichen, liefern einen Blow-Job. Lust auf Provokation?
Hörbiger: Sicher, aber nicht jene des Publikums. Es ist eine Ehrlichkeit, mit der ich manchmal schockiere. Dass eine Frau zur Blaserei schnell in der Küche gezwungen wird, habe ich mit der Verachtung gespielt, dass Männer so sind. Auch mir passierte Derartiges, Gegrapsche auf den Busen, Küssversuche etc. Als ich jung war, hat man nur wenig Rückhalt bei sexuellen Attacken bekommen. Der Rat meiner Mutter war: Wackel nicht so mit dem Hintern, dann haut dir keiner drauf. Heutige Mädchen haben den Mut, jemandem auf die Finger zu klopfen. Meine Generation hatte den nicht.

News: Nervt Sie das Lady-Image?
Hörbiger: Das Image einer alten Hur’ oder einer Alkoholikerin wäre schlimmer. Und was heißt Lady? Ist man eine Dame, weil man nicht als Künstler verkleidet herumläuft?
news: In der neuen „Julia“ tummelt sich viel Zeitgeschehen.
Hörbiger: Ja, die Laubachs geraten wirtschaftlich ins Trudeln. Gut in einer Zeit der Unsicherheiten. Wo viele meiner Generation nicht wissen, ob die Renten sicher sind. Das Sicherheitsgerüst fängt überall zu knirschen an: Normalverdiener wissen nicht, ob wir mit dem Euro zusammenkommen werden, wie es wird, wenn die Osterweiterung stattfindet. Eigentlich sollten unsere Kinder alle schon viel intensiver Englisch sprechen, denn das Konstrukt Europäische Union kann nur funktionieren, wenn man sich auf eine Sprache einigt. Und, auch das
ist aktuell, denn durch die Zusammenlegung der Bezirksgerichte verlieren viele Menschen ihren Job, auch Julia.

News: Sie wird auch Bürgermeisterin.
Hörbiger: Diese Geschichte entspricht auch einem realen Vorbild. Das ist der parteilose Bürgermeister von Gumpoldskirchen, den die Weinbauern zum Bürgermeister machten, weil er gegen eine Straße gekämpft hat, die die Parteien durch die Weinberge bauen wollten.

News: Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Situation?
Hörbiger: Wir haben einige gute Leute: Unser Herr Bundespräsident, auch Häupl und Pröll. Meine Wahlentscheidung fällt bei der Urne, dass es nicht Haider sein wird, ist klar.

News: In „Olivenbäume“ geben Sie demnächst eine EU-Abgeordnete. Selbst Interesse an einem politischen Amt?
Hörbiger: Ich bin dafür ungeeignet, habe zu dünne Nerven. Aber den Gedanken, dass eine Frau in Deutschland oder Österreich Bundespräsident wird, würde ich unterstützen.

News: In der ersten „Julia“-Folge geht es um einen Hormonskandal. Ihre Meinung zur Fleischkrise?
Hörbiger: Ich bin froh, dass wir noch keinen BSE-Fall in Österreich haben. Obwohl wir bisher selten Fleisch gegessen haben, gehen wir jetzt bekennend zum Fleischhauer, um zu helfen. Wir haben uns entschlossen, keine Angst zu haben. Wenn es uns erwischt, bin ich vermutlich heiße achtzig. Bis dahin ist schon ein Mittel gefunden. Ich verstehe aber die Aufregung um das Thema. Klar, dass sie auf dem Standpunkt stehen: Bevor nur ein Mensch an der Krankheit stirbt, muss man die Konsequenzen ziehen und die Tiere vernichten, so schlimm das klingt.

News: Ist die Klammer vom Kindertraum zum Star geschlossen?
Hörbiger: Ich war immer zukunftsgläubig in meinem Beruf. Aber dass ich mit 62 noch eine Hauptrolle in einem großen Film spielen werde, hätte ich nicht gedacht.
In Hollywood habe ich nur einmal gearbeitet, in einem kleinen Film, doch er war amerikanisch, und darauf war ich stolz. „For Parents Only“ hat es nie nach Europa geschafft, aber ich konnte mir sagen: Du hast es wirklich gemacht.

News: Hat der Nazi-Film „Heimkehr“ Ihrer Mutter auch auf Sie einen Schatten geworfen?
Hörbiger: Er hat mich ein Leben lang verfolgt. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse etwas wieder gut machen. Jenes Schuldgefühl, das meine Mutter nie oder spät zugab. Erst kürzlich habe ich mich getraut, diesen teuflischen Film anzusehen. Wir hingen an den Lippen der Emigranten, Weigel, Deutsch, Lidbergh, die Versöhnung suchten. Erst Jahre danach kam mir zu Bewusstsein: Was hätte ich gemacht? Hätte ich jenen die Hand gereicht, die meine Mütter, Tanten, Familien ermordeten?

21.2.2001 15:51

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Kino

Der Diktator

Komödie, Satire - USA, 2012

Regie: Larry Charles

Mit: Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Megan Fox, John C. Reilly, Ben Kingsley

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