Freitag, 23. Februar 2001

Frontalangriff auf Napster

Nicht genug, dass Napster in den letzten zwei Tagen klar gemacht wurde, dass die Musikindustrie keinen Bedarf für eine mickrige Milliarde hat. Jetzt lassen die Konzerne noch ganz andere Signale folgen: Künftig will man Napster gemeinsam Konkurrenz machen.

Die beiden weltweit größten Musikkonzerne Vivendi Universal und Sony wollen der Musiktauschbörse Napster im Internet Konkurrenz machen. Beide Firmen hätten das Joint-Venture "Duet" für den gemeinsamen Vertrieb ihrer Musiktitel im weltweiten Netz gegründet, sagte der Vorstandsvorsitzende von Vivendi Universal, Jean-Marie Messier, der französischen Wirtschaftszeitung "La Tribune". "Wir wollen 50 Prozent der Lizenzen aller Musiktitel weltweit vergeben."

"Duet" in San Francisco solle bis zum Sommer mehrere zehntausend Musiktitel beider Unternehmen exklusiv vertreiben. Messier betonte, dass die Urheberrechte der Künstler dabei garantiert werden sollten. Er sei auch zur Zusammenarbeit mit Napster bereit, wenn die US-Tauschbörse die Titel nicht mehr kostenlos zum Herunterladen anbiete: "Ich sehe nicht ein, wieso wir Piraten den Vorzug geben sollen."

Vivendi Universal und Sony wollen die nötigen Einnahmen für die Urheberrechtszahlungen durch Mitgliedsbeiträge der Nutzer erwirtschaften - ähnlich wie von Napster geplant. Die Nutzer sollen eine monatliche Gebühr für das Herunterladen von Musik zahlen. "Es wird keinen Unterschied zwischen Musikgeschäften und einem Internet-Anbieter wie MP3, AOL oder Yahoo mehr geben", sagte Messier.

Auch andere Musikfirmen sollen dem Projekt beitreten können, um ein möglichst großes Angebot zu schaffen. Die französisch-kanadische Vivendi Universal und der japanische Elektronik-Konzern Sony hatten 1999 einen Anteil von 40,8 Prozent am weltweiten Musikmarkt.

Damit macht "Duet" nicht nur Napster, sondern auch Bertelsmann direkte Konkurrenz. Die Gütersloher hoffen noch immer, die anderen Musikkonzerne in "ihr Boot" holen zu können.

Das hatten sie schon einmal versucht, im September 2000: Damals kündigte die Bertelsmann Music Group BMG an, mittels ihrer Website www.musicdownload24.de den Kampf mit Napster aufnehmen zu wollen. Thomas Stein, Deutschland-Chef der BMG, ließ verlauten, das zunächst auf BMG-Künstler beschränkte Angebot werde "in naher Zukunft" firmenübergreifend ausgebaut. Vier Wochen später war die angeblich geplante Kooperation vom Tisch und musicdownload24 überflüssig: Bertelsmann dealte mit Napster.

Nun also geht es im "Duet" gegen das Duo Napster/Bertelsmann. Dass die Musikindustrie versucht, per Internet Musik im Download anzubieten, ist nicht neu: Außer Sony engagierten sich alle Unternehmen bereits seit geraumer Zeit - wenn auch so halbherzig wie erfolglos. Neu an "Duet" ist hingegen, dass der Dienst auf einem Abo-Modell beruht und nicht mehr auf dem Einzelverkauf von Titeln.

Die Moral von der Geschichte? Egal ob Napster überlebt oder nicht: Er hat die Musikbranche nachhaltig verändert. Unterm Strich ist "Duet" nämlich nichts als ein Kommerz-Napster: ein Dienst, wie Bertelsmann ihn für den Sommer plant. Das Rennen ist eröffnet.

23.2.2001 11:47