Sonntag, 18. Februar 2001

Enschede-Hinterbliebene fordern rd. 1/2 Milliarde S

Die Hinterbliebenen der Opfer des Zugunglücks von Eschede verlangen von der Deutschen Bahn ein Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 550.000 Mark (281.211 Euro/3,87 Mill. S) für jedes Opfer.

Der Sprecher der Bahn, Dirk Grosse-Leege, bestätigte den Eingang eines Schreibens mit der Forderung einer Interessengemeinschaft der Hinterbliebenen.

Der Anwalt der Interessengemeinschaft hat der Bahn eine Frist bis Ende des Monats gesetzt. Danach sollen Klagen in Deutschland und in den USA eingereicht werden. Unter den Zuginsassen befanden sich nach Angaben der Bahn auch US-Bürger.

Auch US-Gerichte zuständig?
Die Zivilklage in den USA ist für die Selbsthilfe Eschede nicht nur eine Drohung, um die Bahn noch zum Einlenken zu bewegen. Präzedenzfälle hätten nach Angaben des Anwalts der Interessengemeinschaft gezeigt, dass sich US-Gerichte für zuständig erklären werden, da sowohl ThyssenKrupp als auch die Bahn in den USA vertreten und geschäftlich tätig sind. Nach Angaben eines zitierten US-Rechtsfachmannes liegt es im Ermessensspielraum des jeweiligen Richters, ob sich das Gericht einer solchen Zivilklage annimmt.

Nach Angaben des Bahnsprechers wird die Bahn die Forderung bis zu dem verlangten Zeitpunkt nicht erfüllen. So lange das juristische Verfahren um die Katastrophe noch laufe, könne sich die Bahn auch zu Einzelheiten nicht äußern.

Grosse-Leege wies jedoch darauf hin, dass die Bahn unabhängig von der Schuldfrage bereits freiwillig 30.000 Mark als besondere Zuwendung für jedes Unglücksopfer an die Hinterbliebenen gezahlt habe. Sachschäden sind in Einzelfällen mit Beträgen von mehr als einer Million Mark beglichen worden.

Deutsche Bahn soll "erhebliche Mitschuld" tragen
Aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Lüneburg geht laut dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" hervor, dass die Bahn "erhebliche Mitschuld" an der Katastrophe vom 3. Juni 1998 trage. Die Opfer hätten sich zu der Klage auch deshalb entschieden, weil sie nach Einsicht in die Ermittlungsakten sicher sind, dass die Bahn bis in den Vorstand hinein gewusst habe, dass der Radreifen, der für den Unfall verantwortlich war, ein Risiko darstellt. Aus kommerziellen Gründen habe sich die Bahn dennoch entschlossen, das neue gummigefederte Rad der Bauart 064 unter den ICE zu montieren.

Bei der ICE-Katastrophe von Eschede vor rd. zweieinhalb Jahren kamen 101 Menschen ums Leben. Als Ursache für das Zugunglück gilt der Bruch eines Radreifens.

18.2.2001 09:31