Mittwoch, 7. Februar 2001

NEWS: Echtes Fernsehen im Netz

Mit Milliardenbeträgen wollen TV-Bosse die Bilder im Internet zum Laufen bringen. Der beinharte Wettlauf um das Internet-Fernsehen ist bald entschieden.

Netz-Guru Jakob Nielsen bezeichnet ihn als die wertvollste Immobilie der Welt: den Bildschirm. Deshalb soll dieser auch zum universellen Eingangstor aller nur irgendwie zweidimensional darstellbaren Inhalte werden. Scharen von Internetentwicklern bemühen sich darum, Websites, Fernsehsendungen, digitale Fotos und virtuelle Marktplätze in einem einzigen Endgerät zu vereinen. Allerdings würden die meisten derzeit existierenden Web-TV-Versuche die gefürchteten Usability-Ratings von Jakob Nielsen kaum positiv abschließen: Lange Downloadzeiten, unübersichtlich strukturierte Shopping-Malls und schlechte Bildqualität machen dem User eher das Leben schwer, als ihm überwältigende Multimediawelten zu bieten.

Das soll sich jetzt ändern. Als letzter einer Reihe namhafter Web- und Fernsehunternehmer steigt nun Pay-TV-Platzhirsch Leo Kirch
in das Online-Filmgeschäft ein. Das bereits vergangenen Sommer gegründete Unternehmen Kirchnewmedia soll mit einem Budget von umgerechnet 3,5 Milliarden Schilling der digitalen Unterhaltung zum Sprung in neue Dimensionen verhelfen.

Damit schließt Kirch zum bereits anscheinend uneinholbar davongezogenen TV-Konkurrenten RTL auf. Unter der Leitung von Hans Mahr werden über RTLNewmedia bereits seit vergangenem Frühjahr ebenfalls 3,5 Milliarden Schilling in die Entwicklung interaktiver Fernsehsendungen und lebendiger Internetcontents investiert. Die angesichts dieser Summe derzeit noch bescheidenen Resultate:

l Die Begleitsite zur Realityshow „Big Brother“, mittlerweile in der dritten Auflage online, zieht zwar massenweise User an, hat aber nur wenig mit Fernsehen gemein: Die Zahl der Livestreams wurde auf drei Realplayer-Kanäle reduziert, die nur mittelmäßige Qualität bieten.

l Die mit großem Aufwand erneuerte Site zu „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ www.gzsz.de verzichtet noch radikaler auf bewegte Bilder, dient dafür aber umso intensiver dem Gedankenaustausch der Fans und der schönsten Nebensache für Fernsehmacher: dem Verkauf von Merchandising-Artikeln.

l Die Schüler-Websoap „Zwischen den Stunden“ (zwischendenstunden.rtl.de) setzt dagegen ganz auf den täglichen Kurzfilm im Web.
Die Konkurrenzprojekte von Leo Kirch nehmen sich dagegen wie innovative Untergrundveranstaltungen aus: Unter www.shorts- welcome.de läuft derzeit ein Kurzfilmfestival mit Beiträgen aller Genres. Die weitere Stoßrichtung ist allerdings klar vorgegeben: Die vergangene Woche bekannt gegebene Fusion von Kirchnewmedia mit Pro Sieben Digital, der Multimediavermarktungsschiene des Fernsehsenders, soll das neue Unternehmen zu einer Fixgröße in der Vermarktung von Inhalten quer durch alle Medien machen.

Technikvorsprung für Bertelsmann. Während die Fernsehgiganten an neuen Produkten und Verkaufsstrategien feilen, fehlt ihnen allerdings noch die nötige Technik: Fernsehen und Internet existieren nebeneinander.
Werner Lauff, Geschäftsführer der Bertelsmann Broadband Group (BBG), ist jener Mann, der diesen Unterschied schon im Sommer beseitigt haben will. Seit knapp einem Jahr laufen Tests, die E-Mail-Kommunikation, Websites, TV-Kanäle und Video-on-Demand, also zu jedem beliebigen Zeitpunkt abrufbare Fernsehsendungen, im Endgerät Fernseher vereinen. Zusätzlich sind die Fernsehinhalte so interaktiv wie Webpages: Der User kann Hintergrundinformationen abrufen, die in Filmen gesehenen Produkte in Online-Shops suchen lassen oder mit anderen Zuschauern über das Programm chatten. Wenn er von der Auswahl aus rund 500 TV-Kanälen, 1,5 Milliarden Websites und einer unbegrenzten Zahl von Mail- oder Chatpartnern nicht überfordert ist.

Multimedia-TV kommt im Sommer. Was in den USA bereits von Microsoft (WebTV) und America Online (AOLTV) betrieben wird, soll nun auch in Europa umgesetzt werden. BBG-Partner wie Spiegel TV oder n-tv arbeiten bereits an der Umsetzung interaktiver Contents, die unter dem Titel „Enhanced TV“ Filme liefern sollen, die von den Klicks des Users gesteuert werden können und es ermöglichen, ein persönliches Programm zusammenzustellen: Ähnlich wie über Suchmaschinen im Internet können über Web-TV Programmvorschläge nach den Interessen des Users zusammengestellt werden.

Nach diesen Vorbereitungsarbeiten soll die BBG bereits in den nächsten Wochen aufgelöst werden. Die Entwicklung der Inhalte wird zur Gänze von RTLNewmedia übernommen, Bertelsmann wird sich künftig nur noch auf die kaufmännische Seite des Geschäfts konzentrieren.
Wer vom Start weg dabei sein will, kann schon kräftig technisch aufrüsten: Neben der Grundgebühr beim Web-TV-Provider sind noch die Set-Top-Box für den digitalen Empfang, Tastatur für das Surfen im Web und die spezielle Fernbedienung zu bezahlen – was immerhin auch mit rund 10.000 Schilling zu Buche schlägt.

7.2.2001 17:11