2001 gibt es keine Ausreden mehr

Heinz Sundt, Generaldirektor der Telekom Austria, über die Gründe des schwachen Börsenkurses, seine angebliche Amtsmüdigkeit und die neue Aggressivität der Telekom gegen die Konkurrenz.
Format: Herr Sundt, die Telekom-Vorstände werden wie Prügelknaben der Nation behandelt. Lässt Sie das kalt?
Sundt: Der ganze Sektor ist unter Druck geraten, damit die Telekom Austria und deren Management. Das muss ich akzeptieren. Es ist auch nicht zu verschweigen, dass uns die Gewinnwarnung Anfang Jänner besonders unter Druck bringt.
Format:Im Betriebsergebnis fehlen 100 bis 150 Millionen Euro.
Sundt:Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Die Größenordnung ist korrekt.
Format:Die Anleger verstehen nicht, wohin in zwei Monaten seit dem Börsengang 1,4 bis zwei Milliarden Schilling verschwinden.
Sundt:Es gibt im wesentlichen fünf Gründe: Die Entwicklung der Interconnection Fees - der Erlöse für Durchleitungen durch unsere Netze - hat zur Ergebnisverschlechterung beigetragen, weil wir mit vielen in- und ausländischen Betreibern aus der Vergangenheit ungünstige Verträge hatten. Es ist auch nicht wegzudiskutieren, dass wir bei den Personalkosten über Plan liegen, weil Effekte der Personalreduktion später als erhofft eingetreten sind. Das hat damit zu tun, daß das Management wochenlang mit den Börsenvorbereitungen beschäftigt war. In Summe hat es dadurch an Druck gefehlt.
Format: Keine Zeit, Jobs zu streichen?
Sundt:Es hat sich halt verzögert. Dazu kommt, dass wir durch eine gesetzliche Änderung zu Jahresbeginn teilweise die Rückstellungen für Abfertigungen erhöhen mußten. Wir haben weiters einen geringen Rückgang bei den Umsätzen festgestellt. Ein letzter, nicht zu unterschätzender Grund sind uneinbringliche Forderungen, die wir gefunden haben. Wir
haben zuwenig darauf geachtet, dass etliche Wettbewerber sehr gut davon leben, Schulden bei uns möglichst spät oder gar nicht zu zahlen.
Format: Um welche Summen geht es da?
Sundt:Nicht um Peanuts, sondern um größere Millionenbeträge. Wir mußten Forderungen abschreiben oder wertberichtigen. Die Insolvenz von MCN hat jetzt dazu geführt, dass wir Bankgarantien verlangen, wenn Firmen
Telefonverkehr über unsere Netze abwickeln.
Format: Und alles das war beim Börsengang im November noch nicht absehbar?
Sundt:Nein. Wir hatten weder die Interconnection-Abrechnungen, noch konnten wir ein neues Gesetz vorhersehen.
Format: Aber Sie wollten doch einen viel vorsichtigeren Businessplan, der auf Druck Ihrer Eigentümer, vor allem der Telecom Italia, nach oben korrigiert wurde. Jetzt hat genau das die Gewinnwarnung provoziert.
Sundt:Wir haben lange über den Businessplan diskutiert. Ich hätte ihn aber nicht akzeptiert, hätte ich nicht daran geglaubt. Der Plan war aggressiv, aber nicht unrealistisch.
Format: Na ja, er wurde nicht erreicht.
Sundt:Leider. Aber der Vorstand gab nicht utopischen Forderungen nach.
Format: Sie sollen damals intern gesagt haben: "Entweder ich kriege jetzt die Watschen oder in ein paar Monaten."
Sundt:Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben.
Format: Sie haben auch vor einem Börsengang im Herbst gewarnt, darauf
festgelegt hat sich die ÖIAG.
Sundt:Es ist kein Geheimnis, dass es vor dem Börsengang intensive Diskussionen gab. Aber wenn etwas auf Schiene gestellt ist, nehme ich den Strick und ziehe die Sache durch - ähnlich wie ein Elefant. Ich bin kein Mensch, der lamentiert.
Format: Wie steht es mit der Amtsmüdigkeit, die Ihnen nachgesagt wird?
Sundt:Die gibt es nicht. Solange ich hier etwas verändern kann, macht mir der Job großen Spaß. Ich strahle nicht gerade angesichts der Situation, aber es kann auch niemand das Gefühl haben, ich sei ein gebrochener Mann. Bin ich keinesfalls.
Format:Bereuen Sie, nicht im Chefsessel der erfolgreichen Mobilkom geblieben zu sein?
Sundt:Ich würde die Herausforderung der Telekom Austria wieder annehmen.
Format:Nach dem bisherigen Börsenflop wird 2001 Ihr Schicksalsjahr. Entweder Sie kriegen den Karren flott, oder der Vorstand wird zur Verantwortung gezogen.
Sundt:2001 wird das Schlüsseljahr, das Jahr der Entscheidung. Es gibt
keine Ausreden mehr. Wir müssen die Erwartungen der Investoren erfüllen.
Format: Was heißt das konkret? Gewinne?
Sundt:Ich stehe dazu, daß wir eine deutliche Trendumkehr erreichen werden. Aber was eine schwarze Zahl betrifft, bin ich vorsichtig. Die will ich nicht versprechen.
Format:Im neuen Budget 2001 hat die TA eine schwarze Null stehen. Wäre ein leichter Verlust dennoch ein Erfolg?
Sundt:Wir veröffentlichen keine Budgets. Nur so viel: Ich will mich jetzt nicht auf schwarze Zahlen für 2001 festlegen lassen.
Format:Im Kreis Ihrer Großaktionäre, ÖIAG und Telecom Italia, wird schon über Alternativen zum Börsendebakel nachgedacht: Die Italiener kaufen alles, oder sie steigen aus, und wer anderer kommt, oder sie nehmen die Mobilkom, die Deutsche Telekom das Festnetz usw. Wie weit ist der Vorstand in diese Überlegungen eingebunden?
Sundt:Es schwirren viele Gerüchte umher. Faktum ist: Die Telecom Italia hat bisher nie erklärt, dass sie hier die Mehrheit übernehmen möchte. Ich weiß nicht, ob sie zusätzliche Anteile über die Börse kauft. Ich weiß nicht, welche Kooperationen die Italiener mit anderen europäischen
Anbietern vorhaben. Solange sich unsere Partner nicht klar festlegen, sind Spekulationen müßig.
Format:Spekulationen mit einer realen Basis.
Sundt:Ich sage nicht, dass sie absurd sind. Sie sind aber von vielen Dingen abhängig, die sich auf einer gesamteuropäischen Ebene abspielen.
Format:Die Frage ist: Soll die Telekom Austria möglichst bald geschluckt und von der Börse genommen werden, weil die Aktionäre so am besten aussteigen?
Sundt:Ich gehe davon aus, dass einmal alles bleibt, wie es ist. Sollte irgendwann eine Übernahme erfolgen, freut das in der Regel die Aktionäre, weil es die Phantasie des Aktienkurses beflügelt.
Format:Glauben Sie, daß die Telekom Mitte 2002 noch an der Wiener Börse notiert?
Sundt:Das ist eine fast untergriffige Frage. Der Vorstand hat darauf wenig Einfluß. Er kann nur Sorge tragen, den Wert des Unternehmens zu steigern. Daran arbeiten wir mit aller Kraft.
Format:Ist für Sie ein Weg denkbar, bei dem der Mobilfunk getrennt von den anderen Konzernteilen verkauft wird, wenn das den Eigentümern mehr Geld bringen würde?
Sundt:Die Mobilkom ist aus dem Gesamtkonzern nicht wegzudenken. Ich kann niemandem verbieten, Varianten durchzuspielen, ich selbst habe als Vorstandsvorsitzender der Mobilkom über einen getrennten Börsengang nachgedacht. Aber es gibt keinerlei konkrete Pläne für eine Abspaltung der Mobilkom.
Format:Sie haben von Bankgarantien der Konkurrenz gesprochen. Werden Sie den alternativen Anbietern gegenüber, die ja alle TA-Leitungen benutzen und dafür zahlen müssen, aggressiver auftreten?
Sundt:Wir wollen es künftig mit Partnern zu tun haben, die ihre Verbindlichkeiten bei uns auch zahlen können. Das ist jetzt nicht sichergestellt, weil die Forderungen oft nicht im Einklang mit der Bonität der Unternehmen stehen.
Format:Die Telekom verlangt aber auch von Betreibern Bankgarantien, die - anders als etwa die MCN - immer pünktlich zahlten.
Sundt:Da werden Probleme verwechselt. Wenn Sie bei der Bank zehn Millionen Kredit wollen, haben aber nur für zwei Millionen Bonität, kriegen Sie Schwierigkeiten. Genauso sind wir bei unseren Partnern nicht mehr bereit, dieses Risiko zu tragen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass jemand in der Vergangenheit unregelmäßig bezahlt hat. Es geht um die Kreditfähigkeit.
Format:Der erwünschte Nebeneffekt ist eine schnellere Marktbereinigung?
Sundt:Es wird die Marktbereinigung beschleunigen, und das ist gut so. Auch dafür ist 2001 das Entscheidungsjahr.
Format:Wie viele der aktuell
22 Telefonbetreiber in Österreich werden übrigbleiben?
Sundt: 22 sind natürlich um Dimensionen zuviel. Auf eine genaue Zahl will ich mich aber nicht festlegen.
Format:Aber doch einstellig?
Sundt:Das ist schwer zu sagen. Österreich wird von vielen als Testmarkt gesehen. Die Zahl unserer Konkurrenten wird davon abhängen, wie viele der Player Österreich zur Spielwiese erklären.
Format:Baut Ihr Sanierungskonzept darauf, dass Sie durch die Bereinigung verlorene Marktanteile wieder gewinnen?
Sundt:Wir halten nach Gesprächsminuten jetzt bei 64 Prozent Marktanteil und gehen davon aus, dass wir weiter verlieren - aber mit deutlich geringerer Geschwindigkeit und kontrolliert, was in der Vergangenheit nicht immer so war.
Format: In einem früheren Businessplan standen als Worst Case 65 Prozent. Wo liegt jetzt die magische Grenze?
Sundt:Wir rechnen mit einer Größenordnung von über fünfzig Prozent Marktanteil. Darunter sollten wir nach unseren Kalkulationen nicht fallen. Aber wir kompensieren einen Teil der Umsatzverluste durch neue Geschäftsfelder.
Format: Die UTA als Nummer zwei im Festnetz hat Ihnen viele Kunden weggeschnappt: Teile von Raiffeisen und der Wirtschaftskammer, die OMV, die Kirche, das Bundesrechenzentrum. Bundesheer und Mercedes könnten Sie verlieren - das sind Hunderte Millionen Umsatz.
Sundt:Auch wir gewinnen Kunden von der UTA. Mit der Bilanz bin ich da unterm Strich gar nicht so unzufrieden.
Format: Die OMV ging angeblich verloren, weil kein Telekom-Vorstand dort auftauchte.
Sundt:Wäre die Kondition für die Aufrechterhaltung dieses Geschäfts ein Besuch bei der OMV gewesen, wären wir alle vier aufmarschiert. Das hat andere Hintergründe. Wir werden jedenfalls bei der OMV wieder antreten.
Format: Der Knackpunkt für die Telekom-Sanierung sind die Personalkosten, die jetzt noch schneller gesenkt werden müssen.
Sundt:Ich bin da vielleicht missverstanden worden. Wir bauen 5.000 Mitarbeiter bis 2005 ab, wobei der überwiegende Teil 2001 und 2002 passiert. Die beiden Jahre sind für das Gelingen des Turnaround relevant. Das war nie anders vorgesehen.
Format: Wie funktioniert das bei Beamten?
Sundt:Insgesamt achthundert Leute werden noch im Rahmen des Sozialplans die Firma verlassen.
Format: Und der Rest geht mit achtzig Prozent des Gehalts spazieren?
Sundt:Das wollen wir absolut nicht. Wir haben verschiedene Instrumentarien entwickelt: Teilzeit, Outsourcing, Leasingpersonal für Fremdfirmen, Golden Handshakes, eine Arbeitsstiftung mit dem AMS zur Umschulung.
Format:Sie können Beamte nicht zwingen.
Sundt:Stimmt. Aber dort, wo ich keinen Arbeitsplatz mehr habe, kann ich die Person, die dafür vorgesehen ist, auch nicht mehr verwenden. Und bei unserer Struktur der Bezüge hieße das Verlust der Zulagen - 20 bis 30 Prozent des Gehalts. Das erzeugt einen wirtschaftlichen Druck
auf die betreffende Person, den ich auch nicht will, aber so ist die Realität. Und deswegen glaube ich, dass vernünftige und flexible Leute unsere Offerte annehmen werden.
Format:Fühlen Sie sich in der ungewohnten Rolle als Kostenkiller wohl?
Sundt:Das ist keine Frage des Wohlfühlens. Natürlich ist ein Aufbau wie bei der Mobilkom die dankbarere Aufgabe. Den wichtigsten Infrastrukturbetrieb des Landes wettbewerbsfähig zu machen ist härter, aber genauso reizvoll.
Format:Ein Gerücht, das wir hören: Die Konzerndachmarke jet2web wird wieder aufgegeben.
Sundt:Absoluter Unfug, wirklich. jet2web hat eine moderne, zukunftsorientierte Ausstrahlung und wird weiter als Dachmarke verwendet. Wir fahren nur eine differenzierte Strategie, um die Kunden nicht zu überfordern. Der Pensionist, der das Telefonhüttl benutzt, wird mit jet2web wenig anfangen.
Format:Die Auslandsexpansion der Telekom Austria wurde komplett ad acta gelegt?
Sundt:Wir haben eine sehr begrenzte Auslandsstrategie, die sich nur auf Mobilfunk und Internet im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien bezieht. Am ehesten haben wir Slowenien im Auge.
Format:Auch diese Zurückhaltung deutet darauf hin, daß man von einer baldigen Übernahme der TA ausgeht.
Sundt:Nicht unbedingt, weil es immer regionale Player geben wird. Aber ich habe nie gesagt, dass wir auf alle Ewigkeit ein selbständiger Konzern bleiben.
Format:Verraten Sie uns noch, wozu ein US-Listing der Telekom-Aktie gut ist?
Sundt:Immerhin wurde beim Börsengang eine große Tranche in den USA plaziert.
Format:Und sofort wieder verkauft, was den Kurs gleich abstürzen ließ.
Sundt:Es ist zweifellos viel wieder zurückgeflossen. Dennoch: Jedes Telekomunternehmen, das auf sich hält, muss in den USA notieren. Ohne Listing an einer internationalen Börse würden wir viel an Glanz verlieren.
Format:Im Augenblick glänzt wenig. Wurde der Börsengang im Herbst nicht deswegen übers Knie gebrochen, weil schon klar war, dass es besser ganz sicher nicht mehr wird?
Sundt:Nein. Ich bin überzeugt, wir hätten auch später noch Chancen gehabt. Ich wollte einen möglichst frühen Börsengang, weil er jenen Druck auf das Unternehmen erzeugt, den wir dringend brauchen, um den Turnaround zu schaffen.

