Sonntag, 11. Februar 2001

Lauda: "Ohne mein Kapperl? - unmöglich!"

Niki Lauda und Gerhard Berger, Österreichs Motorsportdirektoren und Konkurrenten im Grand-Prix-Zirkus, über die Schwierigkeiten ihres Jobs und die Zukunft der Formel 1.

Format: Herr Lauda, werden Sie jetzt Ihr Kapperl von Ferrari-Rot auf British racing green umfärben?

Lauda: Erstens ist das nicht Ferrari-Rot, und zweitens bleibt das Kapperl, wie es ist.

Format: Ihr neuer Arbeitgeber Jaguar hat damit kein Problem?

Lauda: Na, gefragt haben sie schon. Aber ich hab das ja schon einmal probiert mit einem grünen Kapperl – mit dem Gösser-Logo vorn drauf. Da haben mich die Leute nur komisch angeschaut und gefragt, ob ich deppert worden bin. Bier saufen hat mir keiner abgenommen. Es ist unmöglich, wenn das Lauda-Kappl fehlt.

Format: Es sieht aus, als würde sich das Duell der Österreicher in der Formel 1 auf die Managementebene verlagern. Wie groß ist der gegenseitige Respekt als Manager?

Lauda: Also zwischen uns gibt’s überhaupt keine Probleme. Aber im Augenblick hat Gerhard natürlich die besseren Karten. Er macht das schon länger bei BMW. Und sehr erfolgreich, wie man vorige Saison gesehen hat.

Berger: Ich kann mich noch erinnern, daß ich seinerzeit zum Ferrari-Präsidenten Montezemolo öfters gesagt hab: Wenn der Niki nicht seine Airline hätte, dann wär er genau der Richtige, um den Laden auf Vordermann zu bringen. Jetzt, bei Jaguar, spielt die Lauda-air keine Rolle mehr. Niki wird den neuen Job gut machen.

Format: Haben Sie nicht Angst, daß er Ihnen die Show stiehlt?

Berger: In der nächsten Zeit ist die Chance, daß wir gegeneinander kämpfen, eher gering. In den Haaren liegt man sich erst, wenn man ganz vorn ist. Und da sind wir mit beiden Projekten noch relativ weit weg.

Format: Dennoch ist zu erwarten, daß Jaguar mit Lauda aufholt.

Berger: Also mir wäre Jaguar ohne Lauda natürlich lieber. Andererseits: Konkurrenz belebt das Geschäft. Und es ist besser, wenn dort Menschen arbeiten, mit denen man eine Gesprächsbasis hat.

Lauda: So einfach wird’s für mich nicht werden. Die Saison beginnt in drei Wochen, da kannst du überhaupt nichts beeinflussen. Wir beginnen jetzt mit einem vorgegebenen Konzept von anderen Leuten. Und dann müssen wir schauen, wo das Ganze überhaupt steht. Danach kannst du anfangen, nachzudenken, ob jeder Einzelne im Team seinen Job richtig macht. Frühestens im nächsten Jahr kannst du das Durchschnittsauto dieser Saison, um es höflich zu sagen, ein paar Millimeter nach vorne bringen.

Format: Privat haben Sie bisher Mercedes bevorzugt. Steigen Sie auf Jaguar um?

Lauda: Natürlich. Jaguar ist ein tolles Auto. Ich habe schon einen S-Type und kriege demnächst ein XK8-Coupé.

Format: Wird man Ihnen abnehmen, daß Sie sich voll mit der Marke Jaguar identifizieren?

Lauda: Das geht schnell. Ich glaube, VW-Chef Piëch hat einmal gesagt: Die Leute schauen, was der Lauda und was die Königin von England für Autos fahren.

Format: Sie haben schon Erfahrungen als Teamchef, Herr Berger. Wie soll Niki Lauda seinen neuen Job angehen?

Berger: Das Schwierigste ist: Wir kennen die Materie aus der Perspektive des Fahrers. Da bist du automatisch der Star, bist viel mehr Egoist. Wenn man hinter die Boxenmauer wechselt, muß man umdenken. Du mußt dir vorsagen: Ich bin nur so gut wie meine Truppe. Du mußt einen Schritt zurück machen. Und die Burschen fördern, die für dich am Ende die Kohlen aus dem Feuer holen. In dieser Hinsicht sind die alle wahnsinnig sensibel.

Format: Herr Lauda, Sie gelten nicht unbedingt als ein Prototyp des Teamplayers.

Lauda: Moment. Das ist das Image, das über mich verbreitet wird. Aber das Bild stimmt nicht: Du kannst ohne deine Mitarbeiter nichts weiterbringen. Ich mache sicher nicht den Fehler des Jackie Stewart (Vorbesitzer des Jaguar-Teams, Anm.). Der hat sich als Chef des Teams besonders herausgestellt. Mit dem Effekt, daß er ein Durcheinander zurückgelassen hat.

Berger: Ich hatte mir das auch so vorgenommen wie der Niki: den Überblick bewahren und nur eingreifen, wenn sich Schwachstellen zeigen. Aber das klappt nur bedingt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zum Le-Mans-Projekt von BMW gekommen bin: Da waren die Weichen eigentlich gestellt. Aber nach zwei Wochen hab’ ich gewußt, wenn die das so durchziehen, geht das Unternehmen Le-Mans-Sieg schief. Und dann habe ich alles geändert. Ich wette, das wird bei dir genauso sein, Niki. Die Leute sagen: Wenn der Berger oder der Lauda an Bord sind, dann sollen sie auch dafür sorgen, daß alles funktioniert.

Lauda: Wichtig ist nur der richtige Start. Wenn man den Leuten im Team gleich mit dem nackten Hintern ins Gesicht fährt, dann wäre das grundfalsch. Du mußt zuerst einmal hineinkommen, verstehen, wie das Werkel funktioniert.

Format: Das Team hat über Ihre Bestellung angeblich keine große Freude gehabt?

Lauda: Also, im Jaguar-Werk, wo ich gestern war, haben 300 Leute applaudiert.

Format: Was fasziniert Sie so an der Formel 1, daß es Sie immer wieder dorthin zurücktreibt?

Lauda: Nach dem Rennfahren habe ich bei der Lauda-air in einem ganz normalen Geschäftsbereich gearbeitet. Und da gehen die Uhren ganz anders. Mein größtes Problem war ja, daß einen dieses auf den totalen Wettbewerb ausgerichtete Leben prägt. Übertrieben gesagt, kämpfst du bis zum Tod um eine Weltmeisterschaft. Du riskierst alles. Das ist ja im normalen Geschäftsleben überhaupt nicht so: Da mußt du mit Menschen auskommen, die eben nicht Weltmeister werden wollen in irgendwas. Ich freu’ mich jetzt, ehrlich gestanden, wieder dorthin zurückzukehren, wo mein Blut immer gekocht hat.

Format: Wie haben Sie eigentlich aus der Distanz Nikis Debakel mit der Lauda-air erlebt, Herr Berger?

Berger: Ich kenne die Geschichte im Detail nicht. Nur: Für mich ist es im Grunde unverständlich, daß wir in Österreich die Marke Lauda nicht nützen. Jedes andere Land würde viel darum geben, so einen Imageträger zu haben. Und hier sind sie froh, wenn er geht.

Lauda: Es kommt immer darauf an, in welchem Bereich du tätig bist. Der Mateschitz von Red Bull hat dieses Problem nicht. Der muß keine staatlichen Strukturen bekämpfen, hat es nicht mit politischem Einfluß zu tun. Ich hatte es allerdings immer mit ausgeprägten Abwehrmechanismen zu tun. Irgendwann stehst du an. Das ändert sich in dem Land nicht.

Format: Sie haben die Hoffnung aufgegeben, daß sich daran je etwas ändern könnte?

Lauda: In den letzten Jahrzehnten haben Rot-Schwarz ihr System durchgezogen. Jetzt haben wir eine neue Regierung. Vielleicht ändert sich was. Ansätze sind durchaus da.

Format: Lauda, ein Wendefan?

Lauda: Es ist eine echte Sauerei, daß ich jetzt als Blauer abgestempelt werde, nur weil mir ein paar FPÖ-Politiker medial geholfen haben. Die machen Parteipolitik, indem sie meine Popularität ausnutzen. Das ist okay, würde ich genauso machen. Ich bin aber politisch total unabhängig.

Format: Empfinden Sie den neuen Job bei Jaguar als Aufstieg oder als Abstieg?

Lauda: Egal, mir taugt das einfach. Das Angebot ist genau im richtigen Moment dahergekommen.

Format: Sie wandern aus, ziehen nach Oxford?

Berger: Das wird eine Hetz. Der Lauda in Oxford…

Lauda: …du, da gibt es viele Studenten ...

Format: …Studentinnen.

Lauda: Wahrscheinlich auch. Aber im Ernst: Ich habe mir das angeschaut und werde doch nach London ziehen. Ich brauche die Großstadt. So in 45 Minuten müßte es nach Oxford zu schaffen sein.

Berger: In 45 Minuten kommst in London gerade über eine Themsebrücke. Die haben nur Stau.

Lauda: Zur Not nehme ich halt den Hubschrauber.

Format: Was wünschen Sie Gerhard Berger?

Lauda: Daß BMW die Nummer drei in der Formel 1 verteidigt. Das Zeug dazu haben sie auf jeden Fall.

Format: Und Ihre Wünsche an Niki Lauda?

Berger: Viel Erfolg, aber immer hinter BMW.

11.2.2001 16:08