Sonntag, 11. Februar 2001

"Prager Fernsehkrieg" nach 51 Tagen zu Ende

Vier Unterschriften und ein Händedruck - dann war der "Prager Fernsehkrieg" vorbei.

Nachdem Gewerkschaftsvertreter und Übergangsintendant Jiri Balvin ein Abkommen über das Ende des Arbeitskampfs unterzeichnet hatten, wirkte das Areal des öffentlich-rechtlichen Senders CT am Sonntag, als hätte es die 51 Tage dauernde Auseinandersetzung nie gegeben. Die Bilder von streikenden Reportern und Zehntausenden Demonstranten waren um die Welt gegangen.

Balvin war am Freitag vom Abgeordnetenhaus gewählt worden und hatte bereits am selben Abend Übereinstimmung mit der Belegschaft erzielt: Der 47-Jährige wird die umstrittene Führungsetage des Senders austauschen und Kündigungen gegen streikende Redakteure zurücknehmen. Bis zur Wahl eines regulären Intendanten in etwa fünf Monaten soll er einen ausgeglichenen Haushalt für das laufende Jahr erarbeiten, eine umfangreiche Finanzprüfung in Auftrag geben und die Arbeit im Funkhaus auf den Prager Dohlenbergen wieder in normale Bahnen lenken.

Balvin gilt zwar als exzellenter Kenner von CT und hatte nur wegen eines kleinlichen Finanzstreits 1997 nach 25 Jahren gekündigt. "Es wäre trotzdem naiv zu glauben, dass er ein Zauberstab ist, mit dem alle Probleme zu beseitigen sind", kommentierte die Zeitung "Novy cas". Kompliziert wird wohl vor allem die Akzeptanz "aufständischer Redakteure" bei vielen Zuschauern und Politikern - nachdem sie sich in den vergangenen sechs Wochen im Arbeitskampf engagiert hatten, sind einige CT-Reporter in der Öffentlichkeit zu Reizfiguren geworden.

Viele Fragen sind nun zu stellen, da sich der Pulverdampf des Konflikts verzieht: Hat die CT-Belegschaft mit der Mediennovelle, die eine Politisierung des Senders wahrscheinlicher macht, nicht doch die entscheidende Schlacht im TV-Krieg verloren? Und drohte tatsächlich mit dem umstrittenen Intendanten Jiri Hodac eine feindliche Übernahme eines CT-Kanals durch den privaten Konkurrenten TV Nova, oder war dies nur ein vorgeschobenes Argument gegen einen ungeliebten Chef? Die Erkenntnis, dass das erste Opfer eines Krieges die Wahrheit ist, scheint auch auf den Prager TV-Konflikt zuzutreffen.

Die vergangenen Wochen haben nach Ansicht von Beobachtern aber auch auf eine große Unzufriedenheit in der tschechischen Gesellschaft hingewiesen: Die Auseinandersetzung um CT sei für viele Bürger ein Ventil für ihren Ärger über das lähmende Machtkartell zwischen den Sozialdemokraten und der Demokratischen Bürgerpartei gewesen. In diesem Sinne sei der CT-Krieg ein Warnsignal für die Parteien, glaubt die Zeitung "Pravo" und nennt bereits das nächste Konfliktpotenzial: Die Wahl eines Nachfolgers für Präsident Vaclav Havel Anfang 2003.

11.2.2001 15:09