Wiener SPÖ kämpft um gutes Wahlergebnis

FORMAT über Häupls Starberater
Die Wiener SPÖ kämpft mit amerikanischer Unterstützung um ein gutes Wahlergebnis. Bürgermeister Michael Häupl will mit Millioneneinsatz und modernem Politmarketing seine Macht ausbauen und dabei kein Klima-Schicksal erleiden.
Mister Greenberg besuchte die Bundeshauptstadt erstmals vor drei Wochen. Ein paar Tage nahm sich der Mann aus Washington Zeit für die Niederungen österreichischer Kommunalpolitik. Stanley Greenberg ist Politikberater und Spin doctor, in beiden Metiers einer der besten der Welt. Er betreute Ex-US-Präsident Bill Clinton, Englands Premier Tony Blair, Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder und Südafrikas Nelson Mandela - jetzt ist Michael Häupl an der Reihe.
Der Wiener Bürgermeister setzt im beginnenden Landtagswahlkampf alles auf eine Karte und überwindet dabei sogar seine tiefsitzende Abneigung gegenüber amerikanischem Polit-Know-how. Noch vor knapp einem Jahr schimpfte Häupl im kleinen Kreis über "amerikanischen Schmarrn" und die völlig entglittene Inszenierung rund um Ex-Kanzler Viktor Klima. Dieser sei, war sich Häupl einig mit dem Rest der Partei, vom damaligen Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas zur inhaltsleeren Politmarionette verformt worden. "I brauch' kane Spin-Doktoren", bekräftigte er im Juni 1999 gegenüber FORMAT, um klarzustellen, daß er
überhaupt nichts von neumodischem Wahlkampfschnickschnack halte.
Das ist Schnee von gestern
Für die Schlacht um Wien ist Michael Häupl, der den Kontakt zu Greenberg sogar selbst hergestellt hat, jedes Mittel recht. Es gibt amerikanische Berater, aufwendig betriebene Meinungsforschung und sogar einen verschämt Wahlkampfzentrale genannten eigenen War Room, in dem nach Clintons Vorbild die roten Fäden der Politauseinandersetzung zusammenlaufen.
Die 100-Millionen-Schlacht
Der machtbewußte Bürgermeister will alles versuchen, um seine Macht abzusichern, vielleicht sogar auszubauen. Wien, die letzte Bastion sozialdemokratischer Dominanz im schwarz-blauen Wendeösterreich, darf nicht in die Hände des politischen Gegners fallen. Damit das auch nicht passiert, wurde eine millionenschwere Kampagne in Bewegung gesetzt. Knapp mehr als hundert Millionen Schilling, so die konservativen Schätzungen, werden von der Wiener SPÖ in die Auseinandersetzung gepulvert. Schon seit Monaten wird an den Details gearbeitet, keine noch so scheinbare Nebensächlichkeit vergessen, werden alte Gewohnheiten über Bord geworfen. War in der Vergangenheit vor allem rote Nabelschau angesagt, hieß es zuletzt: Hinaus in die Welt.
Eigener War Room
Das Herz der Häupl-Campaign ist in der Wiener Löwelstraße eingerichtet. Anders als bei Austro-War-Room-Erfinder Andreas Rudas, setzt die Wiener SPÖ auf überschaubare Dimensionen. Hatte Rudas das sozialdemokratische Kampagnenteam in eine Fabrikszentrale in Wien-Margareten übersiedelt, geben sich die Wiener mit einigen wenigen Räumen der verwinkelten Parteizentrale dem Rathaus gegenüber zufrieden. Ein Häupl-Mann ätzt: "Der Rudas ist auf 80 Quadratmetern allein gesessen, bei uns arbeiten auf diesem Platz zwölf Leute." Auch sonst versucht das Häupl-Team aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Daher bemühen sich alle Beteiligten trotz amerikanischer Berater
um möglichst große Nähe zum Wahlvolk und wehren sich unisono gegen Vergleiche mit mißglückten Klima-Auftritten.
"Michael Häupl", sagt etwa Harry Schranz, "würde nie etwas tun, mit dem er sich nicht identifizieren kann." So haben die Wiener Wahlkämpfer trotz aller Bereitschaft zum Aufbruch ihre Probleme. Ganz anders als der Altkanzler, der zu jedem möglichen und unmöglichen Moment samt Frau Sonja und kaukasischem Hirtenhund auftauchte, verwehrt sich Häupl jeden Blick ins Privatleben. Öffentliche Auftritte mit Frau Helga oder den beiden Kindern gibt es kaum, zum Bedauern der Strategen. Und auch verbal will sich Häupl den Regeln moderner Politkommunikation konsequent verschließen.
Häupl will keinen Exzeß betreiben
Er verweigert, erzählt Wahlkämpfer Schranz offen, das "permanente Wiederholen von einigen wenigen Botschaften". Was Viktor Klima mit seinem immer wiederkehrenden "Arbeit schaffen, Neutralität sichern" bis zum Exzeß betrieb, will Michael Häupl tunlichst vermeiden. Schranz: "Der Bürgermeister diskutiert lieber individueller." Ein anonym bleiben wollender ehemaliger Klima-Mitarbeiter zerstreut gleich auch alle weiteren Gefahren eines Kanzlerschicksals: "Bei Klima konnte die Inszenierung das dahintersteckende inhaltliche Vakuum nicht verstecken, der Michael Häupl hat da etwas mehr zu bieten."
Was auch immer, die Wiener Wahlkämpfer tun alles, was das Herz des Chefs begehrt. Häupl ist das größte Asset der roten Wahlbewegung. Der Meinungsforscher Christoph Hofinger (SORA): "Er ist eine wirklich populäre Figur mit hohen Glaubwürdigkeitswerten." Wie glaubwürdig Häupl tatsächlich ist und welche Strategien er noch im Wahlkampf anwenden wird, lesen Sie im neuen FORMAT.
