Freitag, 2. Februar 2001

Acht Nebenbahnen nicht mehr im Sommerfahrplan

Die ÖBB machen mit der Stillegung von Nebenbahnen jetzt ernst. Wenn am 9. Juni der bereits in Druckvorbereitung befindliche Sommerfahrplan 2001 der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) in Kraft tritt, werden acht niederösterreichische Nebenbahnen nicht mehr im Kursbuch aufscheinen.

Die ÖBB sehen sich außer Stande, die durchschnittlichen Kosten von rund 100.000 S je befördertem Fahrgast auf diesen Strecken länger zu finanzieren. Sie berufen sich dabei auf eine von Ex-Verkehrsminister Michael Schmid (F) am 20. Juni 2000 genehmigte Einstellungsliste und einen ÖBB Aufsichtsratsbeschluss vom 29. Juni. Auf all diesen Strecken wird der Personenverkehr eingestellt, und es wird auch keinen Busersatzverkehr geben, sagte ÖBB Pressesprecherin Viktoria Kickinger.

Drei Strecken, für die ebenfalls eine Einstellungsgenehmigung vom Juni 2000 vorliegt, werden von der Niederösterreichischen Verkehrsorganisations Gesellschaft (NÖVOG), einer Stelle der NÖ Landesregierung, ausgeschrieben: Die Mariazeller Bahn mit deren Nebenlinie nach Mank sowie die Ybbstalbahn. Für insgesamt vier Nebenbahnen gibt es eine Vereinbarung zwischen den ÖBB und dem Land Niederösterreich, dass diese bis Ende 2001 von den ÖBB weiterbetrieben werden, wenn sich für sie eine Weiterbetriebsmöglichkeit durch Dritte abzeichnet. Für die Mariazeller Bahn und die Ybbstalbahn soll es konkretes Interesse für einen Weiterbetrieb durch Konsortien geben, heißt es.

Offen ist, was mit den Gleisstrecken passiert, auf denen die ÖBB nicht mehr fahren werden. Laut § 29 Bundesbahngesetz muss die ÖBB Infrastruktur - nach einem relativ komplizierten Verfahrensverlauf - die Schienenanlagen abtragen, wenn der Betrieb überhaupt eingestellt wird. Das ist laut ÖBB erst einmal in der Nachkriegszeit der Fall gewesen, da sich sonst immer touristische Interessenten und Eisenbahnfreunde für einen nachfolgenden Nostalgiebetrieb gefunden hätten. Für die Aufrechterhaltung der Nebenbahn-Infrastruktur müssten die ÖBB in den nächsten Jahren 2 bis 2,5 Mrd. S investieren, was von den ÖBB aber abgelehnt wird. Sie interpretieren das Bundesbahngesetz so, dass der Bund auf bisherigen ÖBB-Strecken die Infrastruktur weiter instandhalten müsse, wenn er an einem Weiterbetrieb interessiert sei.

Die brandaktuelle Liste, auf welchen Strecken die ÖBB ab 9. Juni 2001 ihre Schienenverkehrsleistungen einstellen werden, lautet: * Retz - Drosendorf * Freiland - Türnitz * Siebenbrunn-Leopoldsdorf - Engelhartstetten * Drösing - Zistersdorf

Auf folgenden Strecken werden die ÖBB noch bis Ende 2001 weiterfahren, falls sich dafür rechtzeitig ein Weiterbetrieb abzeichnet: * Mariazellerbahn (St. Pölten - Landesgrenze nächst Mitterbach - Mariazell) * Obergrafendorf - Mank - Ruprechtshofen * Ybbstahlbahn (Waidhofen a.d. Ybbs - Ybbsitz/Lunz am See) * Gmünd - Groß Gerungs

Im Burgenland gibt es im Raum Oberwart/Bad Tatzmannsdorf zwei ehemalige ÖBB-Nebenbahnlinien, die als "burgenländische Regionalbahn" privat betrieben werden, von einem Verleger namens Franz Schuch. Dieser führt Gütertransporte auf der Strecke Oberwart-Rechnitz und einen "Kindermärchenzug" zwischen Oberwart und Bad Tatzmannsdorf. Für einen regulären Personenverkehr fehlt Schuch aber noch eine Konzession durch die Oberste Eisenbahnbehörde. Dem Vernehmen nach soll Schuch auf EU-Förderungen aus dem Status des Burgenlandes als Ziel-1-Gebiet hoffen.

2.2.2001 18:38