Schluss mit lustig.com

Die World Wide Web-Schlappe: Zuerst zerplatzten die Hoffnungen auf das große Geschäft. Dann brachen die Werbeumsätze ein. Jetzt wird aufgeräumt.
Wo die Perspektiven zuvor gar nicht rosig genug ausgemalt werden konnten, regiert nun äußerste Vorsicht. Dass das Internet unendliche Möglichkeiten erlaubt, bleibt unbestritten. Wie man aber im Netz Geld verdienen soll, das will keiner mehr so genau sagen.
Zuerst schien es klar zu sein, dass jeder Nutzer im Netz zu einer klickenden "Cash-Cow" mutiert und nach jedem Besuch eine Handvoll Dollar leichter ist. Diese Hoffnung wurde mit den Milliarden Nutzern multipliziert und erschlug fortan jeden Zweifel. Zu dumm - die weltweite Internet-Gemeinde verhielt sich nicht wie gewünscht und ließ vielen E-Commerce-Ideen nicht einmal die erste Luft zum Atmen.
Mit dem Aus für den Online-Kleiderladen boo.com und vielen weiteren "Dot.gones" kam nach der Euphorie die erste Welle der Ernüchterung. Optimisten sagten, das sei nun der Ausleseprozess, nur die Besten würden überleben - eben wie im richtigen Leben.
Plötzlich fehlten dem Netz die vielen kleinen Firmen, die unbedingt bekannt werden wollten und fleißig Werbung schalteten. Das brachte die zweite Welle in Gang: Online-Riesen wie Yahoo!, die zuvor mit ihren Nutzerzahlen und Werbeeinnahmen protzten, wurden kleinlaut. Der Werbekuchen im Netz wurde nicht immer größer, er schrumpfte. Die großen US-Nachrichtenanbieter reagierten sofort: Fox, NBC, CNN und die "New York Times" dampften ihre verlustträchtigen Internet-Aktivitäten ein.
Nun rollt eine dritte Welle: Disney-Chef Michael Eisner wurde in der "Financial Times" mit den Worten zitiert: "Die Werbewirtschaft hat sich aus dem Netz zurückgezogen. Wenn aus einem Portal ein Webkatalog wird, das ist es nicht das, was wir wollen."
Der Disney-Chef verabschiedet sich damit von hochfliegenden Internet-Plänen. Mit dem Portal go.com wollte Eisner das große Eingangstor in seine Disney-Welt schaffen. Doch bei den Zugriffszahlen lag go.com weit hinter den Branchengrößen AOL und Yahoo!. Auch der Abruf kostenpflichtiger Unterhaltungsangebote verfehlte völlig die Erwartungen.
Damit - und das haben Konzernlenker wie Eisner erkannt - fehlt momentan die kommerzielle Basis für ein ausgedehntes Online-Angebot. Ähnlich wie bei den Film-Sites von Warner Bros. (Entertaindom) und Dreamworks (pop.com) wird die Hoffnung aufgegeben, Unterhaltung direkt über das Netz zu verkaufen. Die Folge: Arbeitsplätze werden gestrichen und die aufwendig gestarteten Angebote werden wieder zur reinen Verkaufsförderung.
Der kollektive Rückzug der größten amerikanischen Unterhaltungs- und Nachrichtenkonzerne aus dem Netz dürfte ebenfalls nicht ohne Wirkung bleiben. Wird nämlich die Qualität und Vielfalt der großen Netzangebote zurückgefahren, so sinkt das Interesse, dort Werbung zu schalten, womit wieder weniger Geld für die Entwicklung der Online-Inhalte zur Verfügung steht.
Eine neue Chance für Disney Interactive sieht Eisner erst, wenn Breitband-Verbindungen überall verfügbar sind. Wann das der Fall sein soll, sagte er nicht - momentan regieren eben die vorsichtigen Töne.
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