Alfred Sirven in Polizeigewahrsam

Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen ist der frühere Elf-Aquitaine-Manager Alfred Sirven nach seiner Festnahme auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen am Samstag zur Vernehmung in das Frankfurter Justizgebäude gebracht worden.
Dort sollte ein Haftrichter dem 74-Jährigen den Haftbefehl eröffnen und ihn zur Sache befragen. Anschließend wurde eine Entscheidung über eine mögliche Auslieferung Sirvens nach Frankreich erwartet.
Der mit vier internationalen Haftbefehlen gesuchte Franzose war am Freitag nach mehr als dreijähriger Flucht in seiner Wohnung bei Manila von Fahndern aufgespürt und in die Lufthansa-Maschine nach Frankfurt gebracht worden. Unmittelbar nach der Landung der Maschine nahmen Beamte des deutschen Bundesgrenzschutzes den 74-Jährigen am Samstagmorgen fest. Ursprünglich war erwartet worden, dass Sirven direkt weiter nach Paris geflogen wird, wo ihm derzeit wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder in Abwesenheit der Prozess gemacht wird.
Offenbar hatten die Ermittler aus Furcht vor möglichen Verzögerungen den ersten passenden Flug genommen. Die beiden französischen Fahnder und ein philippinischer Begleiter trafen daher ohne Gepäck, nur mit T-Shirts bekleidet, im winterlichen Europa ein. Das Flugzeug landete um 06.00 Uhr auf einem abgelegenen Vorfeld des Flughafens. Vor der Festnahme um 06.25 Uhr wurden alle anderen Passagiere aus der Maschine gebracht.
Sirven gilt als Schlüsselfigur im Elf-Schmiergeldskandal. Die Festnahme könnte auch neue Einblicke in die Affäre um die Privatisierung der ostdeutschen Leuna-Raffinerie bringen, bei der Anfang der 90er Jahre Millionenprovisionen geflossen sind. Sirven war 1989 bis 1993 Direktor für "allgemeine Angelegenheiten" beim damaligen Staatskonzern Elf-Aquitaine und baute dort nach Erkenntnissen der Justiz ein gigantisches Schmiergeldsystem auf. Insgesamt soll er mehrere Milliarden Franc über Schweizer Konten an hunderte Empfänger verteilt haben.
Beim vom damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand eingefädelten Verkauf der Leuna-Raffinerie an Elf-Aquitaine kassierte der Lobbyist Pierre Lethier 96 Millionen Franc (14,6 Mill. Euro/201 Mill. S) von Elf-Aquitaine. Weitere 160 Millionen Franc gingen an den deutschen Geschäftsmann Dieter Holzer. Es gibt Spekulationen, das Geld sei zumindest teilweise an die CDU weitergeleitet worden. Sowohl Holzer und Lethier als auch der damalige Parteivorsitzende Kohl haben das energisch bestritten. Sirven dürfte wissen, was mit dem Geld wirklich geschehen ist.
Sirven soll auch Licht in die von der Genfer Justiz vermuteten Schmiergeldzahlungen an deutsche Politiker beim Verkauf der ostdeutschen Leuna-Raffinerie bringen. "Ich bin bereit, nach Paris zu fahren, um Sirven zu vernehmen", sagte der Genfer Untersuchungsrichter Paul Perraudin der Genfer Zeitung "Tribune" am Samstag. "Sirven ist eine der Schlüsselfiguren. Viele haben ihn schwer beschuldigt. Es wäre sehr interessant, seine Version zu erfahren, die nicht unbedingt mit denen der anderen Beteiligten übereinstimmen muss."
Die Genfer Justiz ermitteln in der Elf-Affäre wegen Geldwäsche. Sirven hatte zahlreiche dubiose Zahlungen über die Genfer Filiale von Elf veranlasst. Richter Perraudin hat die Geldströme über ein kompliziertes System von Mittelsmännern bis auf die Konten deutscher Politiker verfolgt und belegt. Die Genfer Justiz hat mehrmals Verwunderung geäußert, dass in Deutschland in dieser Sache bisher keine Ermittlungen aufgenommen worden sind.
