Sonntag, 28. Jänner 2001

Warum er für Rot-Schwarz und gegen Rot-Grün ist

Hinter den Rathauszinnen laufen Vorbereitungen für eine rot-grüne Koalition nach der Wiener Wahl. Wiens Ex-Bürgermeister Helmut Zilk erklärt, warum Rot-Grün in Wien für ihn nicht in Frage kommt und meint, "Wien muss Wien bleiben".

FORMAT: Wie stehen die Chancen für Rot-Grün in Wien?
Zilk: Ich bin überzeugt, dass es eine rot-schwarze Regierung geben wird. Bürgermeister Häupl wird dazugewinnen, die FPÖ wesentlich verlieren und die ÖVP ein paar Punkte mehr machen – die Frage nach Rot-Grün stellt sich daher nicht nur nicht ernsthaft, sie ist schlicht nicht relevant. Wenn ich die Möglichkeit habe, 62 Prozent zusammenzubekommen, muss man sich nicht mehr wünschen.
FORMAT: Ist Rot-Grün für Sie grundsätzlich keine Option?
Zilk: Nein. Von seiten der Grünen wurde – nach meiner politischen Erfahrung – nichts in tatsächlicher, kooperativer Weise je beigetragen. Ich sehe auch die Persönlichkeiten dort nicht, die bereichernd wirken könnten.
FORMAT: Aber ist eine rot-grüne Bundeshauptstadt nicht zumindest ein interessantes Gegenprojekt zum blau-schwarzen Bund?
Zilk: Landes- und Bundespolitik darf man nicht vermischen. Wenn man das tut, dann geht es nicht gut aus – das haben die Steirer bewiesen, der Herr Blazizek, wenn ich mich nicht irre. Es kann nicht Aufgabe der Bundeshauptstadt Wien sein, gewissermaßen eine Rolle
in einem Theaterspiel darzustellen: Als Gegengewicht zum Bösewicht Bund muss sie den Gutmenschen abgeben.
FORMAT: Hat Rot-Grün in Wien für Sie, wenn schon nicht praktisch-politisch, zumindest theoretisch einen Reiz?
Zilk: Wien muss Wien bleiben. Wien hat eine große, starke sozialdemokratische Partei und einen hervorragenden Bürgermeister. Die Stadt wird von beiden maßgeblich geführt, auch wenn es eine Koalition ist, und daher ist sie heute schon Gegenmodell genug. Man kann das Ganze auch anders sehen: Vielleicht ist es ganz gut, wenn dieses alte Modell Rot-Schwarz nicht in Vergessenheit gerät. Das ist die schönere Aufgabe für Wien.
FORMAT: Wien als Erinnerung an die gute alte Zeit der großen Koalition also, die zuletzt aber von vielen in der SPÖ nicht mehr also besonders glücksbringend empfunden wurde?
Zilk: In den Herzen von ernsteren Politikern – auch meiner Parteifreunde – darf kein Platz sein für Frust. Politik ist eine Sache der Vernunft, und vernünftig für Wien ist nun einmal eben Rot, oder wenigstens Rot-Schwarz.
FORMAT: Glauben Sie, daß Ihr Nachfolger Michael Häupl ebenso denkt?
Zilk: Ich denke, er wird es nicht viel anders sehen.

Die komplette Reportage zur Wiener Wahl lesen Sie ab Montag im Nachrichtenmagazin FORMAT.

28.1.2001 08:59