Zadek in NEWS: Rückkehr ans Burgtheater erfolgt nur unter neuer Konstellation

Regisseur über Theaterkrise, Bachler, Kusej & Co

Peter Zadek, der in Wien zuletzt Strindbergs "Totentanz" inszenierte, wäre zur Rückkehr ans Burgtheater bereit - allerdings nur unter einer künftigen neuen Direktion. Das erklärt der Regisseur von Weltrang in einem Interview für aktuelle NEWS-Ausgabe.

Zadek auf eine entsprechende Frage: "Das kommt darauf an. Sollte dort plötzlich wieder jemand sein, der mich interessiert und den ich interessiere, ist das eine andere Situation. Am Anfang habe ich mit Bachler gut zusammengearbeitet. Aber jetzt kümmert er sich nicht mehr und beschäftigt sich mit dem neuen Job in München. (...) Am Burgtheater müssen Sie ein Formular ausfüllen, um ein Requisit zu bestellen. Die Hierarchien dort sind nicht gut - jetzt, muss ich hinzufügen. Bachler hat es dahin rutschen lassen. Ich find ihn in Ordnung, aber wenn man sich nicht gegen die Bürokratien wehrt, übernehmen sie die Macht. Peymann hat diesen endlosen Kampf, den man auch Leben nennen könnte, noch geführt."

Über das Burgtheater sagt Zadek, der im Sommer mit einer Gruppe von Eliteschauspielern auf einem Gut in Brandenburg Shakespeares "Was ihr wollt" erarbeitet: "Diese riesige Qualle von einem Theater würde ich niemandem wünschen. Sie sehen es ja hier am Hamburger Schauspielhaus: ein Desaster nach dem anderen, nichts funktioniert, der Intendant wird damit nicht fertig. An Häusern dieser Größe kann man nicht arbeiten."

Zu den Nachfolgekandidaten in Wien äußert sich Zadek via NEWS dezidiert. Andrea Breth: " Ich würde ihr dieses Haus nicht wünschen. Sie ist schon jetzt bescheuert genug. Als Direktorin würde sie ganz verrückt." Martin Kusej: "Das ist ganz simpel: Ich finde ihn als Regisseur uninteressant, und damit ist der Fall auch schon erledigt. Er ist irgendwie nicht mein Typ."

Matthias Hartmann (Zürich): "Für ihn ist es schlecht, aber für das Burgtheater ist es gut, wenn er es macht. Das ist ein gescheiter, erwachsener Mensch, noch ein bisschen jugendbewegt, ein guter Regisseur, der von den Schauspielern ausgeht, und obendrein fair im Umgang. Er ist eine sinnvolle Möglichkeit, und da gibt es ja nicht viele. (...) Es gibt heute unzählige Theater, aber kaum Intendanten. Und es wird immer schlimmer. Vielleicht muss man sich da einmal etwas anderes ausdenken. Das subventionierte Theater ist an seine Grenzen gelaufen. Es beginnt schon damit, dass es ein Ensemble eigentlich gar nicht gibt: Wenn nicht ein sehr starker Intendant wie Peymann am Werk ist, versammeln sich da irgend welche Leute, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben. Das Repertoiretheater ist eine der großen Katastrophen. Du kannst nicht auf dem Niveau, auf dem wir das gern sehen würden, am Montag ,Don Carlos’, am Dienstag ,Sturm’ und am Mittwoch einen Feydeau spielen. Dazu ist der Apparat viel zu kompliziert geworden. Wenn ich nur an das Akademietheater denke, wieviele Leute da zusammenarbeiten müssen, es aber nicht tun! Es ist auch völlig sinnlos, einen Schauspieler unter den Druck zu setzen, fünf große Rollen gleichzeitig zu spielen. Das geht nicht."

Der Beste sei Claus Peymann, den Zadek in einem NEWS-Interview für die Burgtheater-Direktion favorisierte, der aber sogleich sein Desinteresse artikulierte: "Bei Peymann in Berlin arbeite ich gern. Da weiß ich wenigstens, wo ich dran bin. Er hat seine Nachteile, kann unangenehm sein, aber er kann seinen Beruf, und im Endeffekt haut er einem überhaupt nichts in die Arbeit. Ich wüsste kein Theater, wo ich mich so frei fühle."

Zadek zur Situation des deutschsprachigen Theaters: "Ich erkläre sie schon lange nicht mehr. Die scheint mir so verworren zu sein, für die Kritiker ebenso wie für die Theatermacher. Ich gebe zwischendurch gelegentlich Unterricht in Schauspielschulen. Was da unterrichtet wird, ist ein solcher Nonsens! Man kann sich vorstellen, was da für Leute herauskommen! Einundzwanzigjährige kommen aus den Schauspielschulen und glauben, sie seien Regisseure, statt einmal vier Jahre lang als Assistenten zu lernen. Den Leuten wird eingeredet, dass alles erklärbar, erzählbar und rationell ist: Man muss nur den richtigen Job haben und damit genug Geld verdienen. Meinen letzten Workshop in Hamburg habe ich abgebrochen, weil ich die Haltung der Studenten nicht mehr ertragen konnte. Es geht heute darum, dass ein Regisseur einen Einfall hat und diesen Einfall dann jahrelang reitet. Die jungen Leute denken sehr technisch. Sie meinen, wenn man die Technik kann, kann man das Theater, und wenn man den richtigen e-Mail-Brief an die richtige Stelle abschickt, kann man inszenieren. Deshalb interessieren sich die Regiestudenten nicht für Schauspieler, und das macht die Regisseure so uninteressant und unneugierig. In weiterer Folge natürlich auch die Schauspieler."

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