LEITARTIKEL von

Wer zu spät geht

Die Kalamitäten Prölls und Häupls rühren daher, dass sie den Zeitpunkt für die Amtsübergabe verpasst haben

Eva Weissenberger © Bild: Ian Ehm

Erwin Pröll und Michael Häupl ähneln sich. Und es verbindet sie eine langjährige Freundschaft - sofern das eine politische Kategorie ist. Wobei, über die Parteigrenzen hinweg ist das sogar leichter aufrechtzuerhalten als unter Parteifreunden. Aber dazu später. Neben anderen Gemeinsamkeiten haben beide zugelassen, dass ihr Vermächtnis Kratzer bekommt, weil sie ihre Nachfolge nicht rechtzeitig geregelt haben.

Seit 1992 regiert Erwin Pröll Niederösterreich. Er hat viel für das Land geleistet. Noch mehr verdankt ihm seine Partei, die Landes-ÖVP. (Die Bundespartei verdankt ihm auch einen zu großen Obmann-Verschleiß, aber das ist eine andere Geschichte.) Nun beschäftigt ein Artikel der Zeitung "Falter" die Öffentlichkeit: Das Land unter dem Landeshauptmann Pröll subventioniert eine gemeinnützige Privatstiftung Prölls - wie hoch und wofür genau, das gehe niemanden etwas an, meinen Prölls Leute. Das nicken im Lauf der Jahre auch rote und blaue Mitglieder der Landesregierung ab, sowie ein Ex-Stronachianer. Daher mag die Konstruktion juristisch tadellos sein, politisch-moralisch ist sie das nicht.

Seit 1994 regiert Michael Häupl Wien. Auch er hat viel für die Stadt geleistet. Auch er war lange Zeit der Mächtigste seiner Partei. Auch in Wien soll es schon undurchsichtige Stiftungen im Dunstkreis der SPÖ gegeben haben. Noch fliegt Häupl das aber nicht um die Ohren.

In der Wiener SPÖ zeitigt das Versäumnis, den richtigen Zeitpunkt für die Hofübergabe zu erwischen, diese Folgen: Die Diadochenkämpfe wachsen sich langsam zu einer Schlacht aus. Demnächst wird Blut fließen, metaphorisch gesprochen. Nächste Woche will Häupl bekannt geben, wer - vorläufig -gewonnen hat, und wird die Stadtregierung umbesetzen.

Im Land Prölls ist noch kein Zwergenaufstand notorisch, aber vor ein paar Jahren hätte es wohl niemand gewagt, geheime Unterlagen an Journalisten weiterzugeben. Offenbar traute sich dort ja nicht einmal die Opposition, nachzufragen. Gut möglich aber, dass auch sogenannte Parteifreunde bei der Sache ihre Finger im Spiel hatten, schließlich kommen ja auch nicht alle Kronprinzen und -prinzessinnen dabei gut weg.

Pröll und Häupl mögen sich denken: Wenn ich doch keinen gescheiten Nachfolger habe, was soll ich denn machen? Einen solchen aufzubauen, wäre schon vor zehn Jahren ihre vornehmste Aufgabe gewesen.

Nicht rechtzeitig abtreten zu können, ist keine Spezialität österreichischer Landeshauptmänner. Auch Margaret Thatcher und Helmut Kohl verpassten den richtigen Moment, Angela Merkel läuft vielleicht gerade in diese Falle. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der Angst vor dem Verlust der Macht und dem Versinken in die Bedeutungslosigkeit. Viele mächtige Menschen glauben tatsächlich, ohne sie wären die anderen verloren. Niemand kann ihren Job so gut wie sie selbst.

Das wiederum ist nicht nur Charaktersache (das schon auch, denn das ausgeprägte Selbstbewusstsein brachte sie ja einst in die Position), sondern liegt auch an der Entourage. Manche Mitarbeiter und Gefolgsleute fahren gut im Windschatten der Macht und trachten danach, dass dies möglichst lange so bleibt. Wer keine echten Freunde mehr hat, die einem die Wahrheit sagen, kann sich vom eigenen Glanz blenden lassen.


Wobei, Pröll und Häupl sind doch befreundet. Sie hätten einander warnen können.

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