Wenn Kinder zu "Gegenständen" werden: Psychiater versucht Bluttat zu erklären

Rudas: "Täter hat dreifache Tabusperre durchstoßen" "Wie eine Vase vernichten, um allmächtig zu sein"

Jener 50-jährige Familienvater, der in Mauerbach in Niederösterreich vier seiner Töchter ermordet haben soll, hat bei der Tat vermutlich gleich eine dreifache Tabusperre durchstoßen, erklärte Dr. Stephan Rudas, ärztlicher Leiter der Psychosozialen Dienste in Wien, im Gespräch mit der APA. "Er hat die Opfer nicht mehr als Personen, sondern als Gegenstände gesehen, über die er verfügen kann."

Das eigene Fleisch und Blut zu verletzten, sei normalerweise ein starkes Tabu. Im Fall von Mauerbach habe die Wahrnehmung der Kinder als Sachen die Hemmung vor dem Töten an sich und das Tabu des Ermordens von Kindern aufgehoben.

"Immer wieder müssen wir beobachten, dass gerade die dritte Sperre, das Töten der eigenen Kinder, in schrecklicher und paradoxer Weise die anderen wegreißt." In einem solchen Ausnahmezustand würde das Elternteil die Kinder nicht mehr als Personen, sondern als Besitz wahrnehmen, "die man voller Wut wie eine Vase vernichten kann, um eine Sekunde lang maximalen Schaden anrichten zu können, um allmächtig zu sein", erklärte der Psychiater. Normalerweise würden Eltern ihre Kinder sogar mit dem eigenen Leben schützen. Dass vorwiegend Männer zu solchen Bluttaten fähig sind, sei nicht richtig. "Diese Tabubrüche sind nicht geschlechtsspezifisch."

Die 45-jährige Mutter wusste zunächst offenbar nichts von den schrecklichen Ereignissen: "Sie wird in den nächsten Stunden von Psychologen darüber aufgeklärt werden, dass sie ihre vier Töchter verloren hat", sagte Oberst Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes NÖ. "Eine ideale Lösung, so eine Nachricht zu überbringen, gibt es nicht", meinte Rudas. Nun müsse eine dafür ausgebildete Person auf die individuelle Persönlichkeitsstruktur der Frau eingehen. Eine in allen Situationen anwendbare Methode gebe es nicht. "Auf keinen Fall über einen Kamm scheren", riet Rudas.

Die 21-jährige Tochter, die ihre toten Geschwister gefunden hatte, und die Mutter müssten nun in einer monatelangen, aufwendigen psychotherapeutischen Behandlung betreut werden. "Nur weil seelische Verletzungen nicht im Röntgenbild sichtbar sind, heißt das nicht, dass die Wunden nicht entsetzlich sind", erklärte der Arzt.

"Bei aller Trauer muss der Ablauf der Tat nun minutiös aufgeklärt werden. Viele solcher Taten kündigen sich an", meinte der Mediziner. Nun seien Wissenschaft und Sicherheitsbehörden gefordert, aus solchen Taten Lehren zu ziehen und mögliche Vorwarnzeichen festzustellen.