Weltreise von

Auf Wildsaujagd

Ein gefühltes Chaos, das eine uns vertraute Welt in unbekannte Gefilde führt

Weltreise - Auf Wildsaujagd © Bild: Ian Ehn

"Disruptive Momente" nennt es Angela Merkel etwas elitär und meint Volksentscheide, die so keiner erwartet hätte. Sie signalisieren den Abschied von einer alten, brüchigen Ordnung. Ein gefühltes Chaos, das eine uns vertraute Welt in unbekannte Gefilde führt. Wer nach Brexit und Trump den Bedarf für 2016 noch nicht vollends gedeckt hat, könnte diesen Sonntag erneut auf seine Kosten kommen. In Österreich, aber auch in Italien, Europas viertgrößter Volkswirtschaft. Dort entscheidet sich das Schicksal von Premier Matteo Renzi. Der schien gerade eben noch der Richtige in Rom zu sein. Jung, eloquent, mit rhetorischer Kraft und politischem Kalkül gesegnet, versprach er den Bruch mit dem korrupten System. Die Verfassungsreform, über die das Volk nun abstimmt, sollte sein Meisterstück werden. Jetzt wird sie zur Abrechnung mit ihm.

Verantwortlich dafür ist Beppe Grillo, ein dicker, bärtiger Bär von einem Mann, den ich das erste Mal vor sieben Jahren traf. Das Teatro Smeraldo in Mailand war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum johlte und jubelte umso mehr, je lauter der Dicke auf der Bühne tobte und schrie. Draußen regierte Berlusconi das Land, und drinnen reagierte Grillo sich und den Zuschauern die Wut ab. Gauner, Gangster und Ganoven waren noch die mildesten Zuschreibungen, mit denen Grillo die Politiker bedachte. Schon damals pendelte der Komiker, den in Italien jeder kennt, im Status irgendwo zwischen Hoffnungsträger und Heiligem. An jenem Mailänder Abend blieb es nicht beim Kabarett. Grillo hob seine Fünf-Sterne-Bewegung aus der Taufe. Ganz anders und ganz von unten sei das, erklärte ein nassgeschwitzter Grillo später im Interview. Bürger, die zusammenkommen, sich für Ökologie und örtliche Belange interessieren und nicht länger zulassen, dass über sie hinwegregiert wird. Das klang nett und richtig. "Nimm meine Bekanntheit, mein Gesicht und diese neue Technologie", sagte Grillo damals und meinte das Internet: "Was herauskommt, ist eine Atombombe."

Oder eben ein disruptiver Moment, wie Merkel sieben Jahre später anmerken wird. Der atomare Fallout von Grillos Jüngern blieb nicht ohne Folgen. Etliche der Mandatare, die dank ihm nach oben gespült wurden, erwiesen sich entweder selbst als korrupt oder als vollkommen stümperhaft im politischen Alltag. Grillo kehrte zurück und gibt seither den Italo-Trump. Als Anführer der zweitstärksten Partei wettert er wild gegen die EU, den Euro und eben Renzi. Der sei "wie eine verwundete Wildsau, die verzweifelt um ihr Leben kämpft". Der Wandel des Beppe Grillo scheint abgeschlossen. Vom Wüterich über den Erfi nder der politischen Wutabfuhr zum wirkungslosen, aber umso wüsteren Volkstribun.

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