Wahlen in Ägypten von

Gottes Gesetz

Nach Erdrutschsieg bei Parlamentswahlen könnten Islamisten auch Präsidenten stellen

Wahlen in Ägypten - Gottes Gesetz © Bild: Getty Images/AFP/Patrick Baz

NEWS-Reportage zur historischen Wahl in Ägypten: "Islam ist die Lösung", lautet die Devise der Muslimbrüderschaft. Was die Islamisten an der Macht für das Land bedeuten könnten und wie mobile Kliniken der Muslimbruderschaft die Beschneidung von Mädchen propagieren.

Diese Sequenz der ägyptischen Revolution könnte aus einer Seifenoper stammen, so platt sind die Klischees. Ein Islamist kämpft gegen den letzten starken Mann des Mubarak-Regimes um das höchste Amt in der arabischen Supermacht mit 86 Millionen Einwohnern. Eine „Entscheidung zwischen Licht und Finsternis“, nennt Saad al Husseini die anstehende Stichwahl. Er ist Abgeordneter des politischen Flügels der ägyptischen Muslimbruderschaft, die mit den Salafisten seit dem Winter bereits eine satte Zweidrittelmehrheit im Parlament hält. Dem islamistischen Kandidaten, Mohammed Mursi, einem ungelenken, untersetzten Parteikader, ist die Rolle des „Herren des Lichtes“ nicht zwingend auf den Leib geschrieben. Der 61-jährige Ingenieur mit einem akademischen Grad einer kalifornischen Universität kann sich aber auf die 600.000 Mitglieder starke Muslimbruderschaft verlassen und auf ihre vollen Schatullen. Die sorgen dafür, dass in Busladungen Wähler zu den Stimmlokalen, Fans zu den Kundgebungen gekarrt werden. „Der Koran ist unsere Verfassung, die Scharia, das Gesetz Gottes, ist unser Gesetz. Wir werden eine arabische Union gründen und Jerusalem zur Hauptstadt machen“, plärrte Mursi dann bei solchen Wahlkundgebungen.

Die Hüter der Revolution
In Fernsehinterviews gibt er den sachten Staatsmann, während er sich den jungen Trägern der Revolution als väterlicher Schutzpatron gegen ein Comeback der Mubarak-Schergen präsentiert. Seinen Widersacher tituliert er bei seinen Auftritten am Tahrir-Platz als „Bestie, die das Fleisch der Menschen vertilgen wird“. Dieser Widersacher ist Ahmed Schafik, der (fast) alle Attribute des Herrn der Finsternis aufweist. Der ehemalige Kampfpilot wurde während der turbulenten Revolutionstage zum letzten Regierungschef von Präsident Hosni Mubarak gekürt. Bis knapp vor der Stichwahl war nicht einmal klar, ob ihn das nicht von der Wahl ausschließen würde. Dazu liegen gegen ihn Vorwürfe vor, an Gewalt gegen Demonstranten schuld zu sein. Schafik zu wählen würde bedeuten, die Revolution zu annullieren, sagt Marooa Abdilhamid, eine 23-jährige Buchhalterin, die seit den Jännertagen 2011 immer wieder am Tahrir-Platz im Zentrum Kairos protestiert. Sie hält eine weiße Fahne mit dem schwarzen Schriftzug „SCAF“, aus dem rote Blutstropfen strömen. Unter diesem Kürzel firmiert die Junta, der „Oberste Rat der Streitkräfte“, die Ägypten derzeit interimistisch regiert. „Wir müssen verhindern, dass Schafik und die Armee unsere Revolution stehlen. Um jeden Preis. Denn sonst werde ich keine Interviews mehr geben, sondern ins Gefängnis wandern. Da wähle ich eher die Islamisten. Aber es ist eine sehr bittere Pille, die ich schlucke.“

Schleichende Kulturrevolution
Doch wie bitter ist die Pille? Welches der vielen Gesichter der Muslimbruderschaft erlaubt eine Prognose über die Zukunft Ägyptens? Ein Vorfall in einem kleinen Dorf in Oberägypten, 240 Kilometer von Kairo entfernt, wurde zum Symbol, wie die Muslimbruderschaft ihre neue Macht auch dafür nutzt, ihre gesellschaftspolitische Agenda durchzusetzen. Mitte April 2012 tauchten in dem Dorf Abu Aziz Hunderte Flugzettel der Vereinigung auf. Darin hieß es: „Die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit hat die Ehre, am Freitag, dem 20. 4. 2012, einen Aufenthalt ihrer mobilen Klinik zu organisieren. Treffpunkt: das Islamische Institut nach den Freitagsgebeten. Für Behandlungen von Internisten, Zahnärzten, und Dermatologen wird eine Gebühr von 5 Pfund verlangt. Außerdem werden Fälle von Beschneidungen für Buben und Mädchen gegen ein Entgelt von 30 Pfund angenommen.“ Es sind geringe Beträge von gerade ein paar Euro, aber ein massiver Gesetzesbruch. Seit 2008 ist die Beschneidung von Mädchen in Ägypten strikt verboten. Viele moderate islamische Rechtsgelehrte verurteilen die Praktik. Doch konservative islamische Strömungen vereinnahmten die Beschneidung – eine uralte Tradition – in ihren strikten Moralvorstellungen. Ihr kruder Hintergedanke: Das erotische Verlangen von Frauen müsse reduziert werden, um ihre Treue zu sichern. Die Verstümmelung wird „als Geschenk an den künftigen Gatten“ interpretiert.

Auch die Muslimbruderschaft zählt zu jenen Strömungen des Islams, die dies vertreten. Sie widersetzte sich dem Verbot bereits vor vier Jahren massiv. Trotz aller gigantischen Herausforderungen der turbulenten Phase nach den Revolutionen war ausgerechnet dies eines der ersten Themen, denen sich die neue islamistische Mehrheitsfraktion im Parlament widmete. Das islamische Recht, die Scharia, würde die Beschneidung von Mädchen sehr wohl vorsehen, deshalb sei die Kriminalisierung ein Fehler. „Es ist die Entscheidung der Erziehungsberechtigten, in welchem Umfang ein Mädchen dies benötigt. Unsere Linie ist es es, die Beschneidung zu organisieren, nicht zu kriminalisieren“, sagt Azza Araf, eine der wenigen weiblichen Abgeordneten der Muslimbrüder. Die Vorwürfe, mit mobilen Kliniken in den verarmten Regionen Ägyptens wahre Kampagnen für die Praxis durchzuführen, wurden von den lokalen Vertretern der Muslimbruderschaft trotzdem wild bestritten. Doch beim NEWS-Lokalaugenschein in Abu Aziz gibt der einzige dort tätige Arzt zu, von den Behörden gebeten worden zu sein, die Tätigkeiten der mobilen Klinik an diesem Tag im April genau zu überwachen. „Es gab eine sehr klare Warnung, dass die Ärzte der Wohlfahrtsorganisation der Muslimbrüder bei uns die Beschneidungen von Mädchen durchführen. Ich wurde gebeten, genau aufzupassen.“ „Noch“, sagt er, „steht das Gesundheitsministerium unter der Aufsicht der säkularen Militärjunta. Ich bin der Arm des Gesetzes, muss das tun, was mir die Behörden sagen“. Und wenn es künftig eine islamistisch dominierte Regierung gebe? – „Dann würde ich mich an deren Regeln halten.“ Und dazu gehöre eben vielleicht auch, Beschneidungen von Mädchen zuzulassen, sagt der Arzt. Und auf die Frage, ob man hier in dem Dorf auch mit Muslimbrüdern sprechen könnte, antwortet er: „Reden Sie doch weiter mit mir.“ Anders sieht dies eine junge Mutter aus Abu Aziz, die sich eines der Flugblätter aufgehoben und es NEWS gegeben hat: „Sie machen Werbung dafür, sie führen es durch. Die mobile Klinik fuhr durch die gesamte Region Minya. Sie nutzen die Armut der Leute aus. Hier gibt es kaum medizinische Versorgung, und die Leute haben das Gefühl, es den Ärzten der Muslimbrüder recht machen zu wollen. Sie haben Dutzende Mädchen behandelt. Die Eltern bekamen dafür Öl und andere Lebensmittel.“

Frauenrechte in Gefahr
Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation sind in Ägypten – je nach Region – zwischen 78 und 95 Prozent aller Frauen dieser grauenhaften Behandlung unterzogen worden. „Beschneidung von Mädchen“ ist ein Euphemismus für eine brutale Verstümmelung der weiblichen Genitalien, eine Prozedur, die in ihrem Ausmaß an Qualen und Gefahren kaum mit jener von Knaben verglichen werden kann. Immer wieder sterben Mädchen während der Eingriffe: infolge eines Schocks wegen der Schmerzen oder weil massive Blutungen auftreten. Für ägyptische Frauenrechtlerinnen sind die Vorfälle um die mobile Klinik in Oberägypten eine Warnung für die Zukunft. „Die Muslimbrüder nehmen Frauen sukzessive ihre Rechte und begründen dies mit der Scharia, dem Gesetz
Gottes“, so Mervat Tallawy, Vorsitzende des „Nationalen Frauenrates Ägyptens“. Anders sieht dies der Bauer Magdy Mahdi aus Abu Aziz. „Ob die Islamisten meiner Frau nun vorschreiben werden, dass sie ein Kopftuch tragen soll, oder nicht oder ob sie andere Moralvorstellungen verkaufen, kümmert mich nicht. Wir sind konservativ und Muslime, und nun haben wir eben eine konservative, muslimische Regierung.“ Abu Aziz und seine 15.000 Bewohner einfach nur als arm zu bezeichnen wäre eine Untertreibung. Die Felder werden mit einfachsten Werkzeugen bestellt. Viele leben und kochen quasi unter freiem Himmel. Das Bewässerungssystem, abgeleitet aus dem Nil, fungiert hier auch notdürftig als Kanalisation. „Willkommen am Ende der Welt“, ätzt Raddar Mahmud Abdelfattah, Arabischlehrer in dem Dorf. „90 Prozent aller Menschen hier haben keine Arbeit. Die Einzigen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu uns gekommen sind, um zu helfen, waren die Muslimbrüder. Uns und den anderen 40 Prozent der Ägypter, die so arm sind. Ihr System wird das bessere sein, darin sind wir uns sicher.“

Kommentare

Ägypten Ich muss schon sagen, die Ägypter haben Chuzpe. Es war die Wahl zwischen ein Ex-Gefolgsmann von Hosni Mubarak und einem Kandidaten der Muslim-Brüderschaft. Das waren die beiden ernst zu nehmenden Kandidaten.

Damit haben sich die Äqypter selber einen Bärendienst erwiesen. Somit werden wir hier die sunnitische Version eines islamischen Gottesstaates erleben. Im Iran herrschen die radikaleren schiitischen Geistlichen und Ihr wahnsinniger Präsident.

Bei diesen Voraussetzungen wird es denkbar schwierig das Land auf wirtschaftlich gesunde Beine zu stellen, denn bei diesen Rahmenbedingungen werden sich viele Touristen überlegen ob sie kommen. Damit ist in Ägypten nur mehr die Billigtourismusschiene von Interesse.

Muslimbrüder propagieren die Beschneidung von Mädchen...!!! Na wenn das KEIN RÜCKSCHRITT ins MITTELALTER ist, wenn die Muslimbruderschaft mit "mobilen Kliniken" die BESCHNEIDUNG von Mädchen propagieren, dann soll noch einmal wer sagen, daß das nicht FRAUENVERACHTEND ist.
Ägypten wird das TIEFSTE MITTELALTER werden mit solchen Ansinnen und uninteressant, da schon gefährlich als Urlaubsland und ohne Devisen kanns nur mehr in den RADIKALISMUS gehen....

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