Viennale 2012 von

Generation Ideenlos

Halbzeitbilanz zweigeteilt: Juwelen und einfallslose Werke wechseln sich ab

"somebody up there likes me" auf der viennale © Bild: © Viennale

Die diesjährige Ausgabe der Viennale, gleichsam die 50. Jubiläumsausgabe ist nun schon wieder zur Hälfte vorbei. Zur Halbzeit des Wiener internationalen Filmfestivals bietet es sich an, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Und die ist, wie das Festival selbst terminmäßig, ebenfalls zweigeteilt.

Wir leben in der Zeit des Internets: Facebook und Co dominieren die Welt. Alle Informationen sind immer und überall zugänglich, immer mehr Auswahl und die darauf folgende Tendenz, diese in immer kleinere, kompaktere Häppchen zu teilen. Die Dauer der möglichen Aufmerksamkeitsspanne der Menschen, die immer mehr Zeit mit Medien verbringen, nimmt ständig ab - sowie die Fähigkeit, Dinge in einem großen Zusammenhang zu sehen.

Konzepte und Emotionen Mangelware

Diese gesellschaftspolitische Entwicklung ist zu Teilen auch in den Filmen der diesjährigen Viennale wiederzuerkennen. So zum Beispiel in der US-Indie-Produktion „Somebody Up There Likes Me“ . Diese folgt Max, einem unauffälligen und auch uninteressanten Protagonisten. Max ertappt anfangs seine Ex-Frau mit einem anderen Mann im Bett. Enttäuscht zieht er wieder ab, um dem Rat eines Freundes zu folgen und die nächstbeste Frau zu heiraten „weil es ohnehin keinen Unterschied macht“, wie dieser rät. Schafft es Regisseur Bob Byington anfangs auch noch, dem Publikum den einen oder anderen Schmunzler zu entlocken, so legt sich das mit Fortgang des Filmes.

Der Grund: Max erlebt vieles, der Film begleitet ihn in Fünf-Jahres-Schritten durch sein Leben, doch die ganze Story (wobei man sich fragt: Was ist eigentlich die Story?) wirkt einfach hingeworfen, ohne ein großes Konzept dahinter. Dadurch verliert man als Zuschauer schnell das Interesse sowie das dringliche Bedürfnis, wissen zu wollen, was als nächstes passiert. Zudem kommt noch die völlige Emotionslosigkeit mit der alles geschieht. Stirbt jemand? Egal, ist eben so. Geht die Frau oder der Mann fremd? Egal, ist eben so.

"Tower"
"Tower"

Ähnlich unstrukturiert und durch fehlende Emotion geprägt ist auch „Tower“ , eine kanadische Indie-Produktion, die ebenfalls als Komödie angelegt sein will. Sie folgt Derek, einem ohnehin schon ambitionslosen Burschen. Er wohnt noch bei seinen Eltern und geht wie ein Schlafwandler am eigenen Leben vorbei. Dabei verfolgt ihn die - unerträglich ruckartige - Kamera bei völlig irrelevanten Begegnungen und Tätigkeiten. Ebenfalls ohne Konzept werden auch hier wieder einfach Szenen eines uninteressanten und beinahe unsympathischen Protagonisten hingeworfen, denen es an Emotionen – und vor allem einem großen Ganzen – fehlt.

Den Vorwurf der Ideenlosigkeit müssen sich auch die italienischen Filmemacher Maria Helene Bertino, Dario Castelli und Alessandro Gagliardo gefallen lassen. Vielleicht auch zu Unrecht, aber „Un Mito Antropologico Televisio“ („Ein anthropologischer Fernsehmythos“) wirft dem Zuschauer ohne jegliche Erklärung Archivbilder von sizilianischen TV-Privatsendern der frühen 1990er-Jahre hin. Ein Fakt, der sich erst nach der Diskussionsrunde im Anschluss erschließt. Ganz nach dem Motto „Friss oder stirb“. Und erneut: Häppchen, ganz ohne Zusammenhang.

Ausnahme-Juwelen

Electrick Children von Rebecca Thompson

Doch gibt es auch immer Ausnahmen, die eine Regel bestätigen. So eine bildet allen voran die Coming-of-Age-Komödie „Electrick Children“ , ein herzliches, liebevolles und emotionsgeladenes Regie-Debüt der Mormonin Rebecca Thomas, die den Film auch in diesem Mileu ansiedelt. Dabei erfährt Rachel, die Tochter des örtlichen Mormonen-Priesters, eine unbefleckte Empfängnis durch das geheime Anhören einer Rock’n’Roll-Kassette. Glauben tut ihr das natürlich niemand und so macht sich das Mädchen (gespielt von der wunderbar-brillanten, 18-jährigen Julia Garner) auf nach Las Vegas, um die Wunder-vollbringende Rock’n’Roll-Stimme zu finden. Dass hier zwei Welten aufeinanderprallen, versteht sich von selbst. Ein grandioses, in sich stimmiges und rundes Indie-Märchen.

Eine weitere Ausnahme bildet der österreichische Film „The Strange Case of Wilhelm Reich“ von Antonin Svoboda. Ganz untypisch für eine Austro-Produktion wird hier von vorne bis hinten eine durchdachte Geschichte erzählt, nämlich jene des Psychoanalytikers und Forschers Wilhelm Reich, der aufgrund seiner revolutionären Lehren in seinen letzten Lebensjahren vom US-Geheimdienst verfolgt wurde. Trotz komplexen Themas schaffen es Svoboda und Hauptdarsteller Klaus Maria Brandauer, den Zuseher in seinen Bann zu ziehen und ihn auch nach Verlassen des Kinos nicht so recht daraus zu entlassen.

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