Viennale 2011 von

Tops und Flops

Das Festival ist fast zu Ende - NEWS.AT zieht Bilanz. Die absoluten High- und "Low"lights.

Viennale 2011 - Tops und Flops © Bild: Viennale, Montage: NEWS.AT

Die Viennale 2011 neigt sich langsam aber doch ihrem Ende zu. Der Großteil des zweiwöchigen Festivals liegt bereits in der Vergangenheit, die Highlights wohl auch. Grund genug, Bilanz zu ziehen. (Einen kurzen Rückblick über das erste Festival-Drittel gibt es hier.)

"Il Maestro" Moretti
Als echtes Highlight des diesjährigen internationalen Filmfestivals in Wien kann gewiss die Vorstellung von Nanni Morettis „Habemus Papam“ bezeichnet werden. Der Film, der bereits aus dem Vorjahr ist, es aber bis jetzt nicht nach Österreich geschafft hat, wurde letzten Freitag im Gartenbaukino zum ersten Mal aufgeführt, was natürlich Massen in das ausverkaufte Lichtspieltheater bewegte. Kein Wunder, immerhin war auch „Il Maestro“ Nanni Moretti persönlich anwesend. Der Film selbst erzählt von einem neu gewählten Papst, der sich jedoch ganz und gar nicht dazu berufen fühlt, das Oberhaupt der katholischen Kirche zu repräsentieren. So büxt der mehr als überzeugend von Michel Piccoli dargestellte Geistliche aus und irrt durch Rom, um sich selbst zu finden, während der Vatikan Kopf steht und alle Kardinäle (inklusive Therapeut Nanni Moretti) das Gelände rund um den Petersdom nicht verlassen dürfen - und sich die Zeit mit einem Volleyball-Turnier vertreiben. Dem italienischen Meister gelingt es wieder einmal, ein Thema mit humoristischem Geschick anzufassen und den Zuseher 110 Minuten lang gekonnt zu unterhalten, zum Lachen zu bringen aber auch zum Nachdenken anzuregen. Dass der Regisseur nach der Vorstellung die durchwegs enervierenden Fragen des Publikums mit seinem italienischen Schmäh zu beantworten vermochte, war noch das Tüpfelchen auf dem i. Grazie Signore Moretti!

Tragisch-komisches aus dem Iran
Einem weitaus ernsteren Thema widmet sich der „Nicht-Film“ („In Film Nist“) von Mojtaba Mirtahmasb. Der Film, der eigentlich keiner ist und in Wirklichkeit wird auch nicht von Mirtahmasb in Szene gesetzt wird, sondern von Jafar Panahi, dem zu dem Zeitpunkt der Aufnahmen unter Hausarrest stehenden iranischen Regisseur (inzwischen wurde er inhaftiert) , vereint Tragik und Komik wie kaum ein anderer Dokumentarfilm. Er zeigt einen Tag in Panahis Hausarrest-Leben und obwohl eigentlich nicht viel passiert, zeigt er mehr, als dem iranischen Staat mit Sicherheit lieb ist. Man sieht Panahi oftmals beim Telefonieren (wo er meist seine Situation analysiert) sowie beim Vorspielen seines Filmes, den er nie machen durfte und aufgrund dessen Skript er festsitzt und beim Filmen mit dem iPhone (alles andere darf er ja nicht). Trotz des Humors – der wohl oftmals gar nicht so beabsichtigt ist – und witzigen Plänkeleien zwischen dem Protagonisten und seinem Kameramann (wer eigentlich der Regisseur ist, darauf wollen sich die beiden nicht einigen) lässt sich die Sorge, die große Angst vor der Zukunft, nicht verbergen. Und sollte auch gar nicht versteckt werden. So schafft es dieser „Nicht-Film“ auf sehr kurzweilige Art ein ganz und gar nicht lustiges oder auch nur ansatzweise oberflächliches Thema darzustellen. Zieht man zudem noch in Betracht, dass der Film angeblich mittels in einer Torte geschmuggeltem USB-Stick den Weg nach Cannes schaffte, kann man wahrlich von einem Meisterwerk sprechen.

Nervöser und rasanter Blick auf die New York Times
Als ein weiterer Höhepunkt, allerdings gänzlich anderer Art, erwies sich die Doku „Page One: A Year Inside The New York Times“. Regisseur Andrew Rossi begleitet die Redakteure der renommierten Tageszeitung ein Jahr lang bei ihrer Arbeit und wagt einen nervösen Blick hinter die Kulissen, der über fast 90 Minuten keine Zeit zum Luft holen lässt – wohl absichtlich, um dem Zuseher zu vermitteln, wie es den Journalisten dort tagtäglich geht. Diese kämpfen gegen die zunehmende Digitalisierung ebenso wie gegen den stetigen Verfall der Ethik im Journalismus. Aber auch interne Skandale hatte die NYT schon zu bewältigen, die ebenso angesprochen werden. Dabei lässt Rossi Journalisten aus jeglichen Ressorts zu Wort kommen, was einen guten Überblick vermittelt. (Traurig allerdings, dass dabei beinahe gar keine Frauen zu sehen sind.) Und auch der schrullige Ex-Junkie und nunmehr Profi-Aufdecker David Carr kommt wiederholt zu Wort – ebenso wie Wikileaks-Gründer Julian Assange.

US-Alltag ganz alltäglich
Gleich zwei Filme beschäftigen sich mit dem Alltag – und zwar dem Alltag in den USA. Einerseits widmet die Österreicherin Ruth Beckermann ihren neuesten Film „American Passages“ diesem Thema, der auf der Viennale seine Premiere feierte. Beckermann reist darin zwei Stunden lang durch die USA. Angefangen von New York über die Ostküste und die Südstaaten bis nach Las Vegas. Das Ganze ist eine Aneinanderreihung kurzer Szenen über nicht mehr und nicht weniger als den Alltag seiner Bewohner. So darf man an einer Amtshandlung der Polizei in einer Sozialbau-Siedlung teil haben sowie an einer Südstaaten-Hochzeit. Zum Schluss hört der Zuseher noch einen kurzen Ausriss aus dem Leben eines Zuhälters aus Vegas. Diese Willkür lässt einerseits ein sehr schönes Bild der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft zu, andererseits hätte dem Film aber ein wenig Führung in Form von Ortsangaben oder wozu diese Reise gemacht wurde, nicht geschadet, um den zwei Stunden zusätzlich noch einen runden Bogen zu geben.

US-Alltag Teil 2
Auch „The Last Buffalo Hunt“ von Lee Anne Schmidt beschäftigt sich mit dem Alltag – und zwar jenes eines Büffel-Jägers im mittleren Westen des Landes. Die Tiere sind inzwischen beinahe ausgestorben, doch Jagdführer Terry Albrecht und die Region verdienen eben immer noch ihr täglich Brot mit dem Jagdtourismus. Viel mehr will (oder kann) dieser ein wenig zu amateurhafte Film auch gar nicht sagen.

Action aus Hong Kong für starke Nerven
Ganz und gar nicht reduziert oder den Anflug von Langeweile hält „Gau Ngao Gau“ („Dog Bite Dog“) des Hong-Kong-Regisseurs Soi Cheang bereit. Schlag auf Schlag geht es in dem Polizei-Action-Reisser über die gesamten 109 Minuten. Ein kambodschanischer Auftragskiller reist nach Hong Kong, um eine Richters-Gattin zu ermorden, was dieser in den ersten Minuten bereits erledigt. Was folgt ist ein Versuch der Polizei, den Killer einzufangen. Mit dem fatalen Ergebnis, dass das gesamte Mord-Dezanat brutalst ausgelöscht wird. Bis auf Wai, der dem Vollstrecker bis nach Kambodscha zurückt folgt, um Rache zu üben. Soi Cheang, dem auf der Viennale die erste umfassende Werkschau gewidmet wurde, setzt hier starke Nerven des Publikums voraus. Bringt man die mit, steht aber einer guten und spannenden Unterhaltung nichts im Wege.

Party statt Film beim absoluten Viennale-Flop
Ein als Highlight angekündigter und zum Negativ-Highlight des Festes geratener Beitrag ist „Hesher“. Der erste Spielfilm des Amerikaners Spencer Susser hätte wohl besser auf ein „Ich bin ein pubertierender Jugendlicher, bitte lasst mich hier raus“-Festival gepasst als auf die Viennale. Dies schienen die Vertreter dieser Altersklasse zu spüren und strömten in Scharen zur Mitternachtsvorstellung ins wieder einmal vollgefüllte Gartenbaukino, wo demnach eher Party- (man ging ungeniert ein und aus während des Filmes, um Bier-Nachschub zu besorgen) denn Filmfest-Stimmung zu verspüren war. In gewisser Weise auch zurecht, denn ernst kann man „Hesher“ ohnehin nicht nehmen. Joseph Gordon-Levitt (das brave „Bubi“ aus „10 Dinge, die ich an dir hasse“) gibt einen möchtegern harten Typen und Heavy-Metal-Radaubruder (Hesher), der so sehr allen Klischees entspricht, dass es öder nicht sein könnte. Hesher mischt die Familie Forney, bestehend aus dem 12-jährigen TJ, Vater Paul und Oma auf, die gerade den Verlust von TJs Mutter, Pauls Ehefrau zu bewältigen haben. Mit Brutalität, Zerstörung und vor allem in Derbheit kaum zu übertreffenden (teils Kindergarten-)Witzen, führt Hesher die Forneys aus dem Jammertal. Das bleibt der Film leider auch die gesamte Zeit – ein einziges Jammertal. Dass Natalie Portman darin eine wirklich herzige Kassiererin mit übergroßer Hornbrille gibt, hilft dem Film leider auch nicht aus seiner Misere, ganz einfach nicht lustig zu sein. Somit hat es das feierwütige Publikum eigentlich nur richtig gemacht: „Party on!“ – denn zu sehen gibt es in „Hesher“ wirklich gar nichts.

Info:
Die Viennale läuft noch bis 2. November. Info und Programm unter viennale.at .

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