Verkehr von

Leben ohne Auto

Abschied vom eigenen Pkw. Teures Benzin, nervender Stau: Immer mehr Leute steigen auf Öffis um. ÖBB und Wiener Stadtwerke wollen den öffentlichen Verkehr neu gestalten.

Verkehr - Leben ohne Auto © Bild: NEWS/Roman Zach-Kiesling

Montagfrüh, Alltag in Wien: Sie stecken im Stau. Sie haben das ungute Gefühl, es nicht mehr rechtzeitig zum ersten Termin zu schaffen. Die bevorstehende Parkplatzsuche bedrückt. Und Sie bereuen, nicht den Zug genommen zu haben.

Das eigene Auto ist schon lange nicht mehr Mittel zur Selbstbestimmung. Vielmehr wird die "Karre“ immer mehr zum permanenten Ärgernis. Und teuer ist sie obendrein.

"Smile“ gegen Stau-Ärger
Der Trend geht weg vom eigenen Auto. Immer mehr Menschen greifen auf Alternativen wie Carsharing, Bus oder Bahn zurück. Auf diesen Zug wollen Österreichs führende Verkehrsunternehmen aufspringen: Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und die Wiener Stadtwerke starten dazu das Projekt "Smile“, mit dem sie den öffentlichen Verkehr individualisieren, vereinfachen und transparenter gestalten wollen. Ziel: ein System, das so einfach ist wie das Navi im Auto. Sie sagen, wo Sie hinwollen, das System macht Vorschläge, mit welchen Verkehrsmitteln, auch Leihautos, das rasch und einfach geht. Am besten per Handy. Der Besitz eines Autos erübrigt sich.

Verzicht statt Ärger
Immer weniger Menschen nutzen das Auto, gerade in Ballungsräumen mit gut ausgebautem öffentlichem Verkehr. Während jeder Österreicher 2005 durchschnittlich 13.740 Kilometer auf den eigenen vier Rädern zurücklegte, waren es 2010 nur noch 13.100 Kilometer.

In Wien leben bereits 41 Prozent der Haushalte komplett ohne Auto. Auch in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern besitzt nur noch jeder Siebente einen Pkw. "Es gibt mittlerweile eine beachtliche Anzahl an Menschen, die bewusst auf ein eigenes Auto verzichten“, so Christian Kern, Vorstandsvorsitzender der ÖBB.

Tausende Euro Ersparnis
der Wandel der Mobilität geht von den rasch wachsenden Städten aus. 2050 werden bereits drei von vier Menschen in Ballungszentren leben. Dass sie alle hauptsächlich mit dem Auto unterwegs sein werden, bezweifelt selbst die Autoindustrie.

Studien zeigen, dass die Autonutzung mit der Siedlungsdichte sinkt. Bereits jetzt findet in wachsenden Ballungsräumen zwischen Fußgängern, Rad- und Autofahrern ein Kampf um den öffentlichen Raum statt. Autos benötigen überdurchschnittlich viel Platz, der in der Stadt fehlt. Staus und endlos lange Parkplatzsuche sind das nervenaufreibende Resultat.

Verkehrsstockungen gehen aber nicht nur auf das Gemüt der Lenker, sondern belasten auch den Wirtschaftsstandort Österreich: Schätzungen zufolge liegen die Staukosten bei bis zu sieben Milliarden Euro pro Jahr. Jeder Pendler, der vom Auto auf den öffentlichen Verkehr umsteigt, erspart dem Wirtschaftsstandort jährlich etwa 3.000 Euro. "Aus diesen Gründen muss man dem Städter zeigen, dass er kein eigenes Auto braucht“, so Gabriele Payr, Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke, zu denen auch die Wiener Linien gehören. "Persönlich sehe ich die Zukunft nicht ganz ohne Auto. Aber es wird kein eigenes mehr sein müssen.“

Nutzen statt besitzen
Schließlich gibt es bereits jetzt eine beliebte Alternative zum Autobesitz. Carsharing nennt sich der neue Hit in der Verkehrswelt. Wer zum Beispiel für den Wochenendeinkauf ein Auto braucht, kann es sich einfach kurz ausleihen. Nicht umsonst sind die großen Autohersteller die führenden Carsharing-Anbieter. Mit Car2Go (Daimler) und Denzeldrive gibt es in Österreich derzeit zwei große Anbieter von "Gemeinschaftsautos“, die in Städten zu jedermanns Nutzung bereitstehen. Gemeinsam haben sie bereits 18.000 Kunden. Und bald werden auch BMW, Volkswagen und die Deutsche Bahn mit eigenen Carsharing-Lösungen am österreichischen Markt Einzug halten.

Die Vorteile eines solchen Mobilitätsmodells liegen auf der Hand: Kosten für einen dauerhaften Parkplatz und Kfz-Versicherung entfallen, man ist aber genauso mobil wie mit einem eigenen Auto. "Carsharing hat großes ökonomisches Potenzial“, so Kern.

Gegen Stau ist man aber auch mit einem geliehenen Auto nicht gefeit.

Zeit gewinnen, Geld sparen
Doch es gibt ja noch die Öffis: Mit Bus, U-Bahn und Zug entgeht man nicht nur Verkehrsstockungen. "Öffentliche Verkehrsmittel geben den Menschen auch ihr wichtigstes Gut zurück: die Zeit. Um zu lesen, zu plaudern oder einfach nur aus dem Fenster zu schauen“, bringt es ÖBB-Chef Kern auf den Punkt.

Auch in Hinblick auf den steigenden Spritpreis macht der Umstieg auf Bahn und Co Sinn. Experten der Internationalen Energieagentur (IEA) erwarten mittelfristig einen Rohölpreis von 150 Dollar pro Barrel. Folge: Für einen Liter Treibstoff wird man über kurz oder lang zwei Euro zahlen müssen. Tanken für hundert Euro wird zum Alltag. Verzichtet man komplett auf ein eigenes Auto, kann man laut aktuellen Berechnungen des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) 4.000 Euro pro Jahr sparen - Tendenz: steigend. In einem weniger radikalen Szenario, in dem man zum Beispiel nur für den Weg zur Arbeit auf das Auto verzichtet, liegt das Einsparpotenzial bei 1.000 bis 2.000 Euro jährlich.

Kein Überblick
Viele scheuen sich dennoch, die Öffis zu nutzen. Denn zurzeit besteht der öffentliche Verkehr aus vielen kleinen "Inseln“ mit unterschiedlichen Schnittstellen. Das macht das Angebot unübersichtlich. "Der öffentliche Verkehr ist zu wenig vernetzt. Es gibt keine gemeinsamen Datenbanken aller Anbieter. Man bekommt Wegbeschreibungen und Tickets nicht aus einer Hand, das macht die Sache oft kompliziert“, so Wiener-Stadtwerke-Chefin Payr.

Mit Auto und Navigationssystem weiß man hingegen schnell, wie man von A nach B kommt, wird zur genauen Zieladresse navigiert. Und wenn der fahrbare Untersatz gleich direkt vor der Tür steht, kostet es schon einige Überwindung, auf Bus und U-Bahn umzusteigen. "Zwar wenden sich immer mehr Menschen vom Auto ab, aber es ist schwierig, wirklich eingefleischte Autofahrer für uns zu gewinnen“, sagt Payr.

Alles aus einer Hand
Genau deswegen haben ÖBB und Wiener Stadtwerke das gemeinsame Forschungsprojekt "Smile“ ins Leben gerufen. Ziel der Kooperation ist es, Schiene und Straße zu verknüpfen. Alle Angebote des öffentlichen Verkehrs, egal ob Bahn, Taxi, Carsharing oder Fahrradverleih, sollen vernetzt werden. "Wir wollen alle Daten, die der Kunde braucht, um zum Ziel-ort zu kommen, strukturieren und einfach aufbereiten“, so Payr. "Denn für Kunden, die nicht dauerhaft mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, stellt oft schon die Bezahlung am Fahrscheinautomaten eine Hürde dar.“ Deswegen ist im Rahmen des Forschungsprojekts geplant, dass man für alle zur Verfügung stehenden Verkehrsangebote nur noch ein einziges Ticket braucht. Alles soll in Zukunft über eine Rechnung bezahlt, die Wegbeschreibung über ein System gefunden werden.

Für ÖBB-Boss Christian Kern ist es wichtig, bei dieser Entwicklung vorn dabei zu sein. "Wir wollen die mobile Zukunft mitgestalten, die neue Mobilität und die Abkehr vom eigenen Auto als Business-Chance nutzen, bevor es andere tun“, betont er. "Wir wollen das größte Stück vom Kuchen.“

Am Puls der Zeit
Bei dem Projekt geht es also darum, jedem bei Bedarf eine Art persönliches Navigationssystem für öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung zu stellen. Über eine App am Smartphone sollen Kunden individuell zu ihrem Ziel gesteuert werden, mit Auto, Fahrrad und Bahn. Auch die Bezahlung soll über das Handy erfolgen. Eine Idee, die am Puls der Zeit ist: Schließlich sind gerade die jungen Leute mittlerweile hoch vernetzt. Technologie wird für immer mehr Menschen einfach zugänglich, Smartphones sind am Vormarsch. "Die technologischen Möglichkeiten sind riesig, der Zugang ist leicht“, bringt es Kern auf den Punkt.

Auch die E-Mobilität wird zukünftig eine wichtige Rolle spielen. Payr: "Gerade in der Stadt oder für kurze Wege bieten sich Elektroautos aus Umweltgründen an. Da gibt es noch großes Potenzial.“ Schon jetzt borgen sich viele Fahrer für kurze Strecken Autos aus. Eine Vernetzung mit Anbietern "grüner“ Autos ist für Payr und Kern also durchaus vorstellbar: "Wir sind fest davon überzeugt, dass E-Mobilität in den Bereichen Bahn, Straßenbahn und Auto die Zukunft ist.“

Der Fahrplan
In einem Jahr soll das Konzept für "Smile“ stehen. Gefördert wird das Projekt vom Klima- und Energiefonds mit 2,9 Millionen Euro. Insgesamt rechnet man mit einem Aufwand von 6,7 Millionen Euro. Ab wann Kunden das System tatsächlich in Anspruch nehmen können, ist noch offen. "Es wird aber sicherlich mindestens fünf Jahre dauern, bis es so weit ist“, schätzt Kern. Kostenpunkt: eine dreistellige Millionensumme.


Individualverkehr hat heute nur noch wenig mit Selbstbestimmung und Freiheit zu tun. Stattdessen wird an Möglichkeiten gebastelt, den Massenverkehr individueller und bequemer zu gestalten. Kern: "Es geht darum, mehr Menschen in den öffentlichen Verkehr zu bringen, Kombinationen und Lösungen zu schaffen, die dem Kunden einen Mehrwert bringen. Trotzdem sollte man den Abschied vom Auto nicht zu früh herbeireden.“