Der scheidende Industrie-Präsident Veit Sorger rechnet in NEWS mit der »Lähmung« des Landes ab. Sorger hat Österreich vor allem in der Zeit der Wenderegierung mitgeprägt. Sein kompromissloser Privatisierungskurs hat dem Steirer auch Kritik eingebracht.
NEWS:
Sie waren zwei Perioden lang ein starker Präsident der Industriellenvereinigung. Manche sagen, Ihre Stimme war über Gebühr stark.
Veit Sorger:
Mit einem Satz gesagt: its industry. Wir tragen die Hälfte der Wirtschaftsleistung von Österreich. Wir beschäftigen zwei von drei unselbständigen Dienstnehmern und sind damit der größte Arbeitsplatzsicherer des Landes. Die Stimme der Industrie kann gar nicht stark genug sein.
NEWS:
Sie meinen also, unser Wohl hänge an der Industrie?
Sorger:
Wenn wir Europa seine Stärke beibehalten, muss die Industrie eine große Rolle spielen. Skandinavien, Holland, Deutschland, Österreich und Polen haben eine niedrige Arbeitslosigkeit und eine starke Position der Industrie.
NEWS:
Und die Gegenthese?
Sorger:
Wo das nicht der Fall ist, sehen wir hohe Arbeitslosigkeit, kein Wachstum und viele Schwierigkeiten. Wenn man in die südlicheren Länder schaut, ist die Rolle der Industrie untergeordnet, und diese Länder prosperieren nicht. Deshalb liegt die Zukunft Europas in einer starken Strategie und einem intelligenten Wachstum. Es kann nicht genug Industrie geben.
Entindustrialisierung
NEWS:
Jetzt findet gefühlsmäßig eher das Gegenteil statt.
Sorger:
Es gibt Kräfte, die eine Entindustrialisierung wollen.
NEWS:
Was sollte es für einen Grund dafür geben?
Sorger:
Es gibt beispielsweise sehr heftige Energie- und Klimadiskussionen.
NEWS: Sollen wir uns davor fürchten?
Sorger: Wir als Industrie werden international ein starkes Auge haben müssen, um unsere Position zu verteidigen. Mit Gutmenschlichkeit werden wir keine Arbeitsplätze schaffen. Wir wollen alle gute Menschen sein, aber auch professionell, wettbewerbsfähig und leistungsorientiert. Wir haben uns international mit Asien, Nord- und Sudamerika zu matchen. Wir haben genug zu tun, um unsere Industrie zu erhalten.
NEWS:
Nach der Wahl in Griechenland ist der Euro gerettet?
Sorger
: Die Grundvoraussetzung dafur, dass dieses Konstrukt gelingt, ist, dass wir alle in Europa dorthin zurückkehren, wo wir hingehören: nämlich nicht mehr auszugeben, als wir einnehmen. Jedes Land hat seine Sünden in unterschiedlichster Form begangen. Wir kennen die unseren besonders gut.
Wettbewerbsfähigkeit verloren
NEWS:
Was sind die großen Sünden Österreichs?
Sorger:
Die Frage der Pensionen ist eine der allerkritischsten geworden. Unsere niedrige Arbeitslosigkeit sollte uns eigentlich Spielraum geben. Aber wir verlieren diesen Vorsprung wieder durch die föderalen Strukturen, die teure Verwaltung der Universitäten, beim Gesundheitssystem und bei den Frühpensionierungen.
NEWS:
Wenn man Deutschland als Lokomotive Europas sieht, welches Bild gibt Österreich im Vergleich dazu ab?
Sorger:
Wir sind nicht im Windschatten Deutschlands, sondern in einigen Bereichen Weltmarktfuhrer. Aber während sich Deutschland durch Reformen in den letzten fünf bis sieben Jahren gut positionieren konnte, haben wir an Wettbewerbsfahigkeit eingebüßt.
NEWS:
In der Zeit der schwarzblauen Wenderegierung hatte Österreich diesen Schwung?
Sorger:
Diese sechs bis sieben Jahre haben einen erheblichen Reformschub, einen Aufschwung und ein hohes Mas an Zuversicht gebracht.
Brauchen neues Wahlrecht
NEWS:
Wie könnte dies aussehen?
Sorger:
Ein System, in dem der Wahlgewinner 50 Mandate mehr bekommt und sich bei der Regierungsbildung leichter tut, ist ein Ansatz, über den man nachdenken sollte. Man kann eine knappe Mehrheit ermöglichen, ohne die Opposition stimmrechtslos zu machen.
NEWS:
Was wäre Ihre Wunschkoalition?
Sorger:
Eine gestärkte ÖVP mit einem progressiven Wirtschaftsprogramm sollte die Regierung anführen.
NEWS:
Was wird die größte Herausforderung für Ihren Nachfolger?
Sorger:
Die Standortqualität Österreichs zu erhalten und die Begehrlichkeiten der Politik nach Einschränkung der Industrie aufzuhalten.
NEWS:
Und was wird Ihre Herausforderung?
Sorger:
Meine Aktivitäten neu zu ordnen. Ich werde mir mehr Zeit für die Jagd und das Golfen nehmen und mich in das eine oder andere sozial- oder gesellschaftspolitische Projekt einbringen.
Das komplette Interview können Sie in der aktuellen Printausgabe von NEWS (25/2012) nachlesen!