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Das hier war Hillaryland

US-WAHL - Das hier war Hillaryland © Bild: Spencer Platt/Getty Images

Maria Hanna Huber, 16, verbringt ein Highschool-Jahr in den USA. Donald Trumps Sieg hat sie hautnah mitbekommen: auf dem Parkplatz ihrer Schule. Ein sehr persönlicher Bericht

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Der gefährlichste Platz der Welt ist der Schülerparkplatz einer Highschool. Täglich rasen hier Hunderte Schüler herum, die gerade erst den Führerschein bekommen haben, also keine Ahnung haben, was sie tun, und genau so Auto fahren. Ich weiß, wovon ich spreche, ich wage mich nämlich jeden Morgen in so eine Nahkampfzone. In meinem Fall ist es der Parkplatz der Summit High in Breckenridge, Colorado, und weil ich täglich mit meiner Gastschwester anreise, die so ein Talent ist, dass sie aus Prinzip zwei Stellplätze braucht und deswegen immer ganz hinten parkt, bin ich jeden Morgen hellwach, wenn ich es über den Parkplatz geschafft habe.

Nie war ich so wach wie am vergangenen Mittwoch, dem Tag nach der Wahl. Direkt vor dem Eingang zur Schule stand ein Auto quer, nämlich so, dass jeder daran vorbeimusste. Ich erkannte das Auto sofort, es gehört Toni, einem Mädchen, das ein Jahr über mir ist. Ich finde sie eigentlich ganz cool, weil sie manchmal ziemlich verrückte Sachen macht. Und am Tag nach der Wahl war Toni offenbar zornig. Sie hatte ihr Auto zu einer Plakatwand umfunktioniert und Schilder montiert. Darauf stand zum Beispiel die Entschuldigung "To all my female, lgbt, black and latino/a friends: I am so sorry". Oder auch einfach nur: "Fuck you, Trump."

Fuck you, Trump?

Ich muss vorausschicken: Colorado insgesamt ist tendenziell Demokratenland, bei Wahlen ist der US-Staat oft der einzige blaue Fleck zwischen den beiden Küsten, auch wenn Colorado diesmal als Swing State bezeichnet wurde; am Ende ging es an Clinton. Breckenridge, der Ort, in dem ich wohne, ist eine Hochburg der Demokraten. Die Stadt, kurz Breck genannt, hat 4000 Einwohner und liegt auf 3000 Meter Seehöhe. Einst war es eine Bergbaustadt, heute lebt hier jeder vom Tourismus, also vom Wintersport, und die Stadt ist ziemlich reich.

60 Prozent für Clinton

Breck ist ein idyllisches Nest mit einer Main Street und ein paar Coffeeshops, Souvenir-und Sportgeschäften, sonst tut sich hier aber nicht viel. Nach Breck kommt man zum Skifahren, Snowboarden und Abhängen, vielleicht gibt es deswegen an der Hauptstraße jede Menge Grasläden. "Natural Roots" heißt der größte. Ich war noch nie drin, weil man dafür 18 sein muss, aber zumindest bei der Liftstation und auf den Skipisten riecht es permanent so, als wäre ich eine der wenigen hier im Ort, die keine Kundin bei "Natural Roots" ist.

Breck ist liberal, Hillary Clinton kam hier auf 60 Prozent.

Aber andererseits haben eben dennoch 40 Prozent der Menschen in Breck Donald Trump gewählt. Ganz bestimmt auch an meiner Highschool. Aber wer?

Ich bin im August hier angekommen, und die meiste Zeit bis zum Wahltag hat es auf mich so gewirkt, als würden wir uns in Europa viel mehr für die Wahl interessieren als die Amerikaner selbst. Ich hatte damit gerechnet, einen Wahlkampf zu erleben, aber erstaunlicherweise war genau das Gegenteil der Fall. Bis zum Wahltag sah man nirgendwo Plakate oder Ähnliches. "Vote irgendwen"-Schilder in den Vorgärten kenne ich weiter nur aus den Filmen, genauso wie diese Aufkleber auf den Autos - zuletzt habe ich sie in Wien gesehen, und das, obwohl es hier wirklich viele Autos gibt. Große Allradautos, die man hier schon mit 16 fahren darf.

Ich habe nicht einmal wirklich Fernsehwerbung für die Kandidaten gesehen. Was, zugegeben, auch daran liegen kann, dass ich auf einer Pferdefarm 20 Kilometer außerhalb von Breckenridge wohne, ohne Fernsehschluss, ohne Handy-Verbindung und mit sehr, sehr langsamem Internet. Werbung wurde nur für die regionalen Wahlen gemacht -für die Abstimmung über den Sheriff zum Beispiel (wurde der Demokrat) oder für den Senatssitz der Region (wurde ebenfalls ein Demokrat). Aber wir haben lange nicht einmal in der Schule über die Wahl gesprochen. Nicht mit den Lehrern und auch nicht unter uns Schülerinnen.

Ich bin davon ausgegangen, dass mein gesamter amerikanischer Freundeskreis Hillary super findet, so wie meine österreichischen Freunde das auch tun. Und dass vor allem ihre Eltern auch Hillary wählen würden. Die meisten Eltern der Mädels, mit denen ich hier befreundet bin, haben ein Business. Sie leben sehr direkt vom Tourismus, der hier boomt. In Breckenridge gibt es zwar eine Hispanic-Gemeinde, immerhin 15 Prozent der Bewohner haben einen Hispanic-Hintergrund, aber auf mich hat es nie so gewirkt, als würde es da Probleme geben.

Die Communitys sind sehr getrennt, die Leute bleiben meist unter sich, sowohl was die Wohngegenden als auch was die Schule betrifft. Die Mädchen, mit denen ich befreundet bin, haben mit den Hispanics kaum Kontakt. Selbst beim Schulsport, der hier sehr wichtig ist, gibt es keine Berührungspunkte. In meinem Fußballteam sind nur Weiße, genauso wie im Skiteam, bei dem ich mittrainiere, oder beim Mädchenrugby, das meine Freundinnen spielen, seit ihre Cheerleading-Gruppe aufgelöst worden ist.

Keiner will eine Mauer

Für mich war also klar: Hier will keiner eine Mauer zu Mexiko, wozu auch, es gibt ja keine Probleme. Und es gibt auch keine Kriminalität. Hier sperren die Menschen ja nicht einmal ihre Autos ab, wenn sie in den Supermarkt gehen. Und das liegt nicht daran, dass jeder hier mindestens zwei Waffen hat. Es wählt niemand Trump, weil niemand Angst um seinen Job hat. Ich bin, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Austauschschülern, die ich kennengelernt habe, in Hillaryland.

Das änderte sich erst wenige Tage vor der Wahl. Da haben mich nämlich zum ersten Mal Freundinnen darauf aufmerksam gemacht, dass wir die nächsten Wochen mit Tanner, einer Freundin, besser nicht mehr über die Wahl reden sollten: Tanner ist Trump-Fan, wenn man ihr sagt, dass man Trump nicht so super findet, dann rastet sie aus und erklärt einem, dass man Trump nicht nicht super finden kann. Ich habe es probiert, aber nur einmal.

Irgendwann wurde dann auch im Unterricht über die Wahl gesprochen, sehr vorsichtig, die meisten Lehrer waren sehr darauf bedacht, dass man nicht mitbekommt, wen sie wählen werden. Allmählich wurde mir klar, dass die Menschen hier gar nicht solche Hillary-Fans sind, wie wir daheim in Wien dachten. Es wirkte oft so, als würden sie keinen der beiden Kandidaten wirklich gut finden und sich am Ende für das kleinere Übel entscheiden.

Aber dass das Donald Trump ist, war für mich bis zum Wahltag unvorstellbar. Wobei: Bestimmt hundertmal habe ich am Wahltag den Witz gehört, dass wir ja bald sehr viel weniger Schüler an der Highschool haben werden, weil sich, wenn Trump gewinnt, die Hispanics verabschieden müssen und hinter die Mauer nach Mexiko geworfen werden. Im Nachhinein haben das vielleicht einige gar nicht als Witz gemeint. Am Wahlabend selbst ging es auf Twitter weiter. Einige der Mädchen aus der Stufe über mir fetzten sich mit Trump-Anhängern, es entstand ein Twitter-Beef, den ich aber nur am Rande mitbekam. Für mich ist Twitter eine uninteressante Sache, eine Plattform, auf der sich Leute wie mein Vater gegenseitig beweisen, wie witzig sie sind, aber hier in den USA wird es offenbar ganz anders genützt.

Mittwoch nach der Wahl haben wir in der Schule dann über kaum etwas anderes gesprochen. Plötzlich waren es einige Schulkollegen mehr, die Trump gar nicht so schlecht fanden. Die Mädchen, die sich am Wahlabend über Trump-Wähler auf Twitter lustig gemacht haben, sind in der Schule jedenfalls nun verhasst. Sie wurden am nächsten Tag zum Direktor gerufen, genauso wie übrigens auch Toni, die am Morgen nach der Wahl ihr Auto zu einer fahrenden Protestkundgebung gegen den zukünftigen Präsidenten gemacht hat. Der Direktor forderte sie auf, in Zukunft ihr Auto woanders zu parken, wenn sie damit Politik machen möchte, was sie noch zorniger gemacht hat.

Das Auto parkt mittlerweile aber nicht mehr direkt vor der Highschool-Tür.

Kommentare

Roland Mösl

Was soll Super am 3. Weltkrieg sein? Wenn Europa mal so aussieht wie Irak, Libyen, Syrien? Wie gestört muss etwa die Deutsche Regierung sein, es zu bedauern, dass in Syrien die Regierung Aleppo von den Terroristen befreit?

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