Unveröffentlichter Text Thomas Bernhards in NEWS: Biographische Skizze aus 1960

Bruder stellt Werk zum 75. Geburtstag zu Verfügung

Ein kleines literarisches Ereignis zum 75. Geburtstag Thomas Bernhards in der aktuellen NEWS-Ausgabe: Bernhards Halbbruder und Nachlassverwalter Dr. Peter Fabjan stellte eine bisher unveröffentlichte biographische Skizze aus dem Jahr 1960 zur Verfügung. Gedacht war sie für den S.-Fischer-Verlag, doch das zugehörige Werk erschien erst Jahre später.

Bernhard war damals 29, erfolglos und verbittert und nutzte den Auftrag, seine Biographie zu verfassen, für eine Attacke gegen Institutionen und Personen.

"Geboren am 9. oder 10. Februar 1931 in Heerlen, Golland, zwischen Maastricht und Aachen", beginnt der Text (tatsächlich recherchierte Bernhard sein Geburtsdatum 9. Februar erst viel später).

"1949 Lungenkrankheit mit vierjährigem Aufenthalt in Spitälern und in der Heilstätte Grafenhof im Pongau. Während des Aufenthalts dort - immer bettlägerig - viele Operationen, Pneumopertoneum usw. Idee, aufzuschreiben in Gedichtform. Schon 1949 nach den Sterbesakramenten, das Gefühl, zum zweiten Mal das Leben anzufangen. Ein Geschenk - eine Grausamkeit - eine Gelegenheit sich dem Leben einfach zu überlassen - sich in nichts mehr einzulassen, was nicht mit dem Dahinleben zu tun hat. Keine Pläne, keine Interessen eigentlich, gar nichts, alles zu tun, um schreiben zu können, um nichts tun zu können. Überhaupt keine Beziehung zu irgendeiner Religion, aber Gespräche, Anreden, Anklagen, Auskünfte suchen mit, von Gott - was ist das? 1953 - 1955 Gerichtsberichterstatter und Kunstkritiker zuerst des ,Demokratischen Volksblattes’ (sozialistisch) und dann der ,Salzburger Nachrichten’ (die grauenhafteste Form von Zeitung, von ,Blatt’, die es gibt). 1955 Antritt der Studien am Schauspielseminar des Mozarteums (Paumgartner, Leisner und andere Nichtswürdige, aber Eitle und Belesene)."

"Niemand versteht etwas von Gedichten, oder nur zwei oder drei Leute, die mir bekannt sind: Ludwig von Ficker und noch zwei andere, ungenannte. Am besten wäre, überhaupt nichts zu sagen, weil die Leute aus allem etwas anderes herauslesen, als ich mir denke. Schweigen - Schweigen - Schweigen - Aufbegehren - Aufbegehren - Aufbegehren! Und immer sagen was faul ist und niederträchtig. Fast alles ist niederträchtig, der Rest faul. Niemand sieht die ,Schönheit der Welt’, aber alle wollen sie sie beweisen, sie wollen alles unbedingt schön machen - schön muss die Anklage, der Beweis der Faulheit, der Niedertracht sein, schön, vollkommen, die Welt ist es nicht."

Der Komponist Gerhard Lampersberg, der Bernhard auf Gut Tonhof beherbergte und Jahrzehnte später den Roman "Holzfällen" beschlagnahmen ließ, kommt als Name nicht mehr vor. "1959 Zusammenarbeit mit einem Komponisten, es entsteht in einjähriger Arbeit ,Die Rosen der Einöde’. (Eine Perle vor die Säue geworfen. Schade um sie, um den Haufen Schweiss. Dummköpfe und ätherische Säuglinge bevölkern die Blätter, die Lektorate, aber vor allem die Blätter. Es entstehen kurze Theaterstücke, Szenen, mehr als vierzig, darunter ,Köpfe’, vertont vom gleichen Komponisten, wird im Juli 1960 im ,Theater im Tonhof’, einer Scheune in Kärnten aufgeführt mit drei anderen Szenen: die Erfundene, Rosa, Frühling.Regie: Herbert Wochinz, der verleumdet wird und sich durchsetzen wird! Seit 1957 nur mehr Schreibarbeit - nein - das einzige Schreibevergnügen - . Seit fünf oder sechs Jahren immer wieder längere und weitere Reisen nach Süd- und Südosteuropa, jährlich auf den Balkan, in die mazedonischen Berge, nach Sarajewo, Split, in die albanischen Grenzwälder. Auch in europäische Grosstädte, um festzustellen, wie weit sie schon sind. Selten in Wien, der Nichtsnutzen, selten unter Deutschen. Arbeit an zwei längeren Prosabüchern (immer wieder) und mehreren kleineren Versuchen. Aber man soll nicht reden über etwas, das noch nicht unter die Leute geworfen ist, man soll überhaupt nichts reden. Ab September 60 im Österreich. Kulturinstitut in London tätig."

Dieser Aufenthalt dauerte nur wenige Tage, da Bernhards angegriffene Lungen das englische Klima nicht vertrugen.

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