"Tod für Amerika, Tod für Israel!": 250.000 Moslems protestieren auf Straßen Beiruts

Zorn nach Mohammed-Karikaturen flaut nicht ab<br>100 Kilo Gold für denjenigen, der Cartoonisten tötet Türkei könnte Vermittlerrolle im Konflikt übernehmen

Die Proteste gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen nehmen auch nach Tagen kein Ende. 250.00 Schiiten haben in Beirut ein religiöses Fest in einen Protest gegen die in Europa veröffentlichten Karikaturen des Propheten Mohammed verwandelt. Anders als Demonstrationen am vergangenen Wochenende schien ihr Marsch durch den Süden der libanesischen Hauptstadt friedlich zu bleiben. Während einer Prozession anlässlich des Aschura (Ashoura)-Festes trugen die Gläubigen Plakate mit sich, auf denen die Verhöhnung des Propheten als Angriff auf die Würde ihrer Gemeinschaft verurteilt wurde.

"Was ist nach der Schmähung unserer heiligen Werte noch zu erwarten?", hieß es auf anderen Transparenten. Zugleich riefen die Demonstranten Slogans wie "Tod für Amerika, Tod für Israel!".

Staatspräsident Emile Lahoud hatte die Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende, in deren Verlauf auch eine maronitische Kirche angegriffen wurde, als "Anschlag auf die nationale Einheit" des Libanon schärfstens verurteilt. Die Empörung über die Karikaturen sei von der "Gesamtheit der Libanesen" ausgedrückt worden, unterstrich der maronitische Präsident. Es sei nicht hinzunehmen, dass Demonstranten die Situation zu missbrauchen versuchten, "um Akte im Dienst der Feinde des Libanon zu begehen".

Hamas bietet Vermittlung in Konflikt an
Angesichts der heftigen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen hat die radikal-islamische Palästinenser-Organisation Hamas ihre Vermittlung angeboten. Die Hamas sei bereit, sich für eine Beruhigung der Situation zwischen moslemischen und westlichen Ländern einzusetzen, sagte der Vorsitzende des Hamas- Politbüros, Khaled Meshaal, bei einem Besuch in der katarischen Hauptstadt Doha.

Im Gegenzug müsse der Westen den "Beleidigungen der Gefühle der Moslems" ein Ende setzen. Die westliche Presse spiele mit dem Feuer, wenn sie die umstrittenen Karikaturen immer von Neuem veröffentliche.

Nach Bekanntwerden der Karikaturen hatte die Hamas noch im Jänner die islamischen Staaten zu einem Boykott dänischer Produkte aufgerufen und Strafmaßnahmen gegen das "unverantwortliche Verhalten" Dänemarks gefordert. Die Organisation hatte bei der Parlamentswahl in den Palästinenser-Gebieten am 25. Jänner die absolute Mehrheit errungen und die bisher regierende Fatah-Bewegung auf den zweiten Platz verwiesen. Die EU und die USA stufen die Hamas als Terrororganisation ein.

Politiker rufen zu Mäßigung auf
Politiker und Religionsvertreter in aller Welt haben zu Mäßigung, Toleranz und Dialog aufgerufen. Auch US-Präsident George W. Bush hat Regierungen aufgerufen, der entbrannten Gewalt ein Ende zu bereiten.

"Wir lehnen Gewalt ab als Mittel, Unmut über etwas zum Ausdruck zu bringen, das in der freien Presse gedruckt wurde",
so Bush. Das Leben unschuldiger Diplomaten, die ihren Ländern im Ausland dienten, müsse geschützt werden. Kurz darauf hat auch der EU-Außenbeauftragte Javier Solana eine Vermittlungsreise durch mehrere arabische Staaten bestätigt.

Plassnik und Gül hoffen auf Deeskalation
Außenministerin und EU-Ratsvorsitzende Ursula Plassnik (V) und der türkische Vize-Premierminister und Außenminister Abdullah Gül setzen gemeinsame Bemühungen in Richtung Deeskalation im Streit nach der Publikation von Mohammed-Kariakaturen in europäischen Zeitungen. Nach einem Gespräch am Mittwoch betonten beide Minister in einer Presseaussendung des Außenministeriums vom Donnerstag, dass Meinungsfreiheit ein fundamentales Recht sei, zugleich müsse aber religiösen Überzeugungen mit dem gebührenden Respekt begegnet werden.

"Meinungsfreiheit und Respekt vor Werten, die Verehrung genießen, widersprechen einander nicht, sondern ergänzen einander", ist in der Aussendung zu lesen. Gül und Plassnik unterstrichen, dass Gewaltakte wie die jüngsten Angriffe auf europäische Botschaften und Büros unter keinen Umständen geduldet werden können. Die Ereignisse der vergangenen Tage hätten gezeigt, dass "bedauerlicherweise ein Mangel an Dialog zwischen der westlichen und der islamischen Welt besteht".

Taliban bietet Belohnung für Mord an Karikaturisten
Ein ranghoher Befehlshaber der afghanischen Taliban-Rebellen hat eine Belohnung von hundert Kilogramm Gold für denjenigen geboten, der den für die "gotteslästerlichen" Karikaturen verantwortlichen Zeichner töte. Fünf Kilogramm Gold solle jeder erhalten, der einen dänischen, norwegischen oder deutschen Soldaten in Afghanistan töte.

Tschechien fordert "klares Signal" von der EU
Der tschechische Außenminister Cyril Svoboda wird die EU drängen, im Karikaturen-Konflikt ein "klares Signal" ans Ausland zu senden. Brandanschläge auf Botschaften und Drohungen gegen Bürger dürfe nicht tatenlos zugesehen werden. Dies schrieb Svoboda in einem Gastkommentar für die tschechische Tageszeitung "Mlada fronta Dnes". "Was auch immer die Gründe für die stürmischen Ereignisse in den moslemischen Staaten sind, die dortigen Regierungen müssen für die Sicherheit der diplomatischen Missionen und die Einhaltung des Rechts garantieren", betonte Svoboda.

Das Nicht-Agieren einiger Regierungen und politischer Vertretungen sei "befremdend". Im Hinblick auf die vielköpfigen Armeen und Polizeiorgane in Syrien und im Libanon wunderte er sich darüber, dass die dortigen Regierungen nicht im Stande gewesen seien, Brandanschläge auf Botschaften zu verhindern. "Wie konnte man zulassen, dass eine Menschenmenge in das Hoheitsgebiet eines anderen Staates eingedrungen ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Botschaft eines arabischen Landes in Europa verbrannt wäre", so der tschechische Diplomatiechef.

Auf der anderen Seite kritisierte der Christdemokrat Svoboda die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in mehreren europäischen Zeitungen als "zumindest geschmacklos". "Mit einer Karikatur Gott oder ein heiliges Symbol - christliches, jüdisches oder moslemisches - zu beleidigen, bedeutet gleichzeitig eine Beleidigung der Bekenner dieser Religionen. Und das ist nicht richtig", schrieb der Minister.

Türkei als Vermittler im Konflikt?
Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen steht einer Initiative mit der Türkei als Mittler im Streit um die Mohammed-Karikaturen positiv gegenüber. Wie die Nachrichtenagentur Ritzau berichtete, will Rasmussen mit dem aus der Türkei stammenden dänischen Parlamentsabgeordneten Hüseyin Arac über einen entsprechenden Vorschlag sprechen. Ein Sprecher des Regierungschefs erklärte in Kopenhagen, er sehe diese Idee "außerordentlich positiv".

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan hatte erklärt, sein Land sei "Anwalt" des Projekts einer "Allianz der Zivilisationen". Erdogan hatte zusammen mit dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodriguez Zapatero zu Besonnenheit in dem Konflikt aufgerufen. "Wir werden alle Verlierer sein, wenn es uns nicht gelingt, die Situation sofort zu entschärfen", schrieben die beiden Regierungschefs in einem gemeinsamen Artikel für die "International Herald Tribune".

De Winter verteidigt Proteste
Der jüdisch-niederländische Schriftsteller Leon de Winter hat die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed verteidigt. Dänische Islamisten hätten die Empörung angefacht, indem sie zu den zwölf Karikaturen in der Zeitung Jyllands Posten" drei weitere selbst hinzugefügt hätten, die weit provokativer" seien als die anderen, sagte de Winter am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur.

Für "entbehrlich" hält die österreichische Autorin Barbara Frischmuth die dänischen Mohammed-Karikaturen, wie sie heute, Donnerstag, im Ö1-Morgenjournal erklärte. In ihrem Werk befasst Frischmuth, die Orientalistik, Türkisch und Ungarisch studiert hat, sich mit dem sensiblen Verhältnis zwischen dem Westen und dem Islam. Aber auch von den Einwanderern erwartet sich die Autorin eine europafreundliche Einstellung: "In Europa ist man Europäer, man hat Europas Gesetze einzuhalten und sich um die Zukunft Europas zu sorgen."

Kritik übt Frischmuth an der Darstellung Mohammeds mit der Bombe auf dem Kopf. Diese Karikatur hält sie für "wenig geeignet. Weil sie nicht den Selbstmord-Attentäter darstellt, sondern eben Mohammed. Er ist nun mal die Galionsfigur." Wenn man Christus als Inquisitor darstellen würde, "würden die Katholiken auch sagen, das hat mit Jesus nichts zu tun", so Frischmuth. Die westliche Welt müsste jedoch bedenken, dass die Proteste und Massengewalt nicht von der Basis aus entstünden, sondern von Führern organisiert würden, die die Bevölkerung missionierten.

"Jyllands-Posten": Kein Abdruck der Holocaust-Karikaturen
Die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" hat den Abdruck von Karikaturen zum Holocaust ausgeschlossen, für die eine iranische Zeitung einen Wettbewerb ausgerufen hatte. Diese Bilder würden "unter keinen Umständen" veröffentlicht, schrieb Chefredakteur Carsten Juste am Mittwochabend auf der Internetseite seines Blattes. Juste widersprach damit auch den Worten eines Kulturredakteurs seiner Zeitung, der zuvor gesagt hatte, die Redaktion erwäge eine Veröffentlichung der Zeichnungen.

(apa/red)