Streit um Mohammed-Karikaturen nimmt kein Ende: Rice warnt vor totaler Eskalation!

Dänische Diplomaten fliehen aus Botschaft in Jakarta Rasmussen: "Wir fühlen uns wie im falschen Film"

Angesichts der gewaltsamen Proteste in der islamischen Welt gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen hat US-Außenministerin Condoleezza Rice vor einer Eskalation gewarnt. Die Lage könnte außer Kontrolle geraten, wenn die Regierungen in diesen Ländern nicht verantwortungsvoll handelten, sagte Rice. Aus Angst vor Übergriffen aufgebrachter Moslems schloss Dänemark am Wochenende bereits seine Botschaften in Indonesien, Syrien und dem Iran.

Besonders die syrische und iranische Regierung sollten ihre Bevölkerung zur Ruhe aufrufen und nicht zu Protesten gegen westliche Botschaften ermuntern, sagte Rice dem Sender ABC. Sie äußerte zugleich Verständnis für die Empörung der Moslems wegen der Karikaturen ihres Propheten. Dies sei aber kein Grund, auf die Straße zu gehen und Botschaften in Brand zu setzen. "Bringt eure Empörung friedlich zum Ausdruck", sagte sie an die Moslems gewandt.

Rasmussen angriffslustig
Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen warf bestimmten Regierungen vor, den Streit um die Karikaturen für ihre Zwecke auszunutzen, um von eigenen Problemen mit der internationalen Staatengemeinschaft abzulenken. Rasmussen nannte wie Rice besonders den Iran und Syrien. Die Regierung in Teheran wies die Vorwürfe zurück, sie ermuntere zu den Protesten.

Indonesien: Personal flieht aus Dänen-Botschaft
Nach Drohungen aufgebrachter Moslems floh unterdessen das Personal der dänischen Botschaft in der indonesischen Hauptstadt Jakarta aus dem Gebäude. Botschafter Niels Erik Anderson und seine Mitarbeiter hätten einen geheimen Ort aufgesucht, teilte der indonesische Außenminister Hassan Wirajuda am Sonntag mit. Das dänische Außenministerium erklärte am Samstagabend, es gebe konkrete Hinweise auf geplante Übergriffe einer extremistischen Gruppe.

Die Regierung in Kopenhagen forderte alle Dänen auf, Indonesien unverzüglich zu verlassen. Auch die Botschaften in Syrien und im Iran seien geschlossen worden. Die konsularischen Aktivitäten Dänemarks in Syrien werden dem Ministerium zufolge fürs erste von der deutschen Botschaft in Damaskus übernommen.

Präsident Susilo Bambang Yudhoyono forderte Zeitungen weltweit auf, die Karikaturen nicht mehr abzudrucken. Der Nachdruck verstärke nur die gewaltsamen Proteste in der islamischen Welt, schrieb der Präsident des bevölkerungsreichsten moslemischen Landes in einem Gastbeitrag für die "International Herald Tribune". Die Mohammed-Karikaturen waren Ende September vorigen Jahres von der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht und Anfang dieses Jahres von Zeitungen in anderen Ländern nachgedruckt worden.

Moslem-Präsentationen halten an
Moslems demonstrierten derweil auch am Wochenende wieder in zahlreichen Ländern gegen die Karikaturen, darunter in Deutschland, der Schweiz und erstmals auch in Kanada. Demonstrationen in Berlin, Düsseldorf und Bonn verliefen ebenso friedlich wie Kundgebungen in London, Paris, Amsterdam, Bern, der spanischen Exklave Melilla und Montreal. In Ankara bewarfen türkische Demonstranten am Sonntag das französische Konsulat mit Eiern. Die Polizei konnte jedoch einen Sturm auf das Gebäude verhindern, wie der Sender NTV berichtete. Dagegen verlief eine Demonstration von etwa 30.000 Menschen in der südosttürkischen Stadt Diyarbakir friedlich.

Im Zuge des Streits um Mohammed-Karikaturen gingen weitere moslemische Länder gegen Journalisten vor. Im Jemen wurden drei Journalisten festgenommen, nachdem sie satirische Darstellungen des Propheten nachgedruckt hatten. Ihre Zeitungen wurden geschlossen. In Algerien kam es zu ähnlichen Vorfällen. In der vergangenen Woche hatten Polizei und Regierung in Malaysia und Indonesien Schritte gegen Journalisten eingeleitet. Die umstrittenen Karikaturen waren zuerst von einer dänischen Zeitung gedruckt worden.

Die Menschen dort erklärten einer Umfrage zufolge mehrheitlich, dass sie die anhaltenden Proteste von Moslems weltweit nachvollziehen könnten. Der von der dänischen Zeitung "Berlingske Tidende" in Auftrag gegebenen Umfrage zufolge verstehen 56 Prozent der befragten Menschen im Land, dass sich Moslems beleidigt fühlen. 41 Prozent verneinen dies. Knapp die Hälfte habe den Abdruck der Karikaturen als falsch bezeichnet, 43 Prozent hingegen als richtig, hieß es weiter.

Rasmussen: "Fühlen uns wie im falschen Film"
Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen kann "kaum fassen, was sich zurzeit wegen der zwölf Karikaturen alles abspielt". "Wir Dänen fühlen uns wie im falschen Film", sagte Rasmussen. Der Premier betrachtet den Streit um die Mohammed-Karikaturen nicht als "Kampf der Kulturen". Im Gegenteil, es müsse jetzt darum gehen, genau diese Auseinandersetzung zu verhindern. "Wir müssen zurückfinden zum Dialog, zu gegenseitigem Verständnis und zur Anerkennung der Meinungsfreiheit", strich Rasmussen hervor.

"Daheim pflegen Dänen ihre Konflikte einvernehmlich zu lösen. Deshalb ist es einfach surreal, diese Bilder von Gewalt im Fernsehen zu sehen. Aber als Ministerpräsident darf ich mich nicht von meinen Gefühlen gefangen nehmen lassen", sagte Rasmussen. (apa)