Spitzentöne von

Das Weststadion und die Kunst

Die Anrainer eines Fußballplatzes belangen Verdi wegen Lärmbelästigung

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Das Weststadion in Wien-Hütteldorf würde man nicht a priori mit kulturellen Aktivitäten in Verbindung bringen: Nicht nur bekennende Austrianer (wie ich) erblicken im dort ansässigen Sportklub Rapid die eher erdverbundene Seite des Fußballsports. Dennoch haben das Weststadion und seine Vorläufer Weltliteratur auf den Weg befördert: Elias Canetti studierte am Geröhre rivalisierender Anhängerschaften die Mechanismen von „Masse und Macht“; und Elfriede Jelinek, die seit ihrer Kindheit in Brüllweite des Rapid-Stadions lebt, bezog daraus die Inspiration zu den Chören im „Sportstück“. Deshalb ist – das Geschenk eines Bewunderers – an der Wand ihrer Bibliothek auch ein Klappsitz aus dem abgerissenen Hanappi-Stadion (so hieß das Weststadion zwischenzeitlich) appliziert. Zu den beiden Literaturnobelpreisträgern gesellt sich nun der emeritierte Tenor Plácido Domingo: Er bringt nächstes Jahr im Weststadion eine Tourneeproduktion von Verdis „Aida“ heraus. Allerdings nicht konfliktfrei, denn eine Bürgerinitiative protestiert gegen die drohende Schallüberflutung. Mit anderen Worten: Die Anrainer eines Fußballplatzes belangen Verdi wegen Lärmbelästigung. Nun könnte, da Domingo selbst zu dirigieren droht, der Tatbestand sogar erfüllt sein. Aber ich bin nicht sicher, dass bei den Hütteldorfern ästhetische Kriterien walten.

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