Sicherheit in den Wiener Museen: Experte nach einem Lokalaugenschein "erschüttert"

Belvedere, MUMOK, KHM und Albertina betrachtet Techniker Goliasch: Es ist schlimmer als befürchtet<br>PLUS: Museen weisen schwere Vorwürfe zurück!

Sicherheit in den Wiener Museen: Experte nach einem Lokalaugenschein "erschüttert"

Robert Goliasch zeigte sich "erschüttert". Der Sicherheitstechniker und gerichtliche Sachverständige hatte soeben inkognito in Begleitung der APA vier Wiener Museen einem Lokalaugenschein unterzogen. Sein Resümee zu den Schutzeinrichtungen: "So schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt." Vorbildlich präsentierte sich lediglich das Museum Moderner Kunst (Mumok), am schlechtesten bewertete Goliasch die renovierte Albertina und das Kunsthistorische Museum (KHM): "Trotz Saliera hat man dort nichts gelernt."

Die Häuser im Detail: Regelrecht entgeistert zeigte sich Sicherheitstechniker Robert Goliasch über die Albertina und das KHM, obwohl in beiden Häusern die Mängel nicht auf den ersten Blick sichtbar waren. Das KHM beispielsweise hat seine ebenerdigen Fenster durch gut verankerte Gitter gesichert - bis auf sechs Stück auf der Seite zur Babenbergerstraße. Die Eingangshalle ist durch zwei Videokameras überwacht, die sich laut dem Sicherheitstechniker auch in der richtigen Höhe befinden.

Über andere Kameras - in rund vier Metern Höhe über den Fenstern innen installiert - zeigte sich Goliasch wenig erfreut: "Ich weiß nicht, welchen Sinn die haben sollen. Von einem etwaigen Täter können die höchstens den Kopf von oben und ein Stück Rücken aufnehmen." Bewegungsmelder waren in den Ausstellungsräumen vorhanden, die Vorhangmelder teilweise durch Sitzgelegenheiten oder Vitrinen mit Skulpturen verstellt.

Kein Wachpersonal im KHM präsent
Erschüttert zeigte sich der Experte über die "Präsenz" des Wachpersonals im KHM. In Ausstellungsräumen mit Gemälden von Tizian, Tintoretto und anderen war wiederholt über drei Zimmer hinweg kein Museumsangestellter zu sehen. "Ein Vandale hätte eine Spur der Verwüstung ziehen können", sagte Goliasch. Sein Fazit: "Was ich hier gesehen habe, verleitet mich schwer dazu zu sagen, dass Sicherheit hier nicht ernst genommen wird."

Albertina "konzeptlos" im Inneren
"Sprachlos, und das kommt selten vor", war der Sicherheitstechniker in der Albertina. Beim Stiegenaufgang zur Hanuschgasse hin war die Fensterfront durch Kameras, Gitter und Alarm gesicherte Scheiben vorbildlich. Was Goliasch im Inneren des Hauses fand, bezeichnete er dagegen als "konzeptlos": "Ich glaube, hier hat sich niemand etwas gedacht."

In den Prunkräumen entdeckte er erst im letzten Zimmer einen Bewegungsmelder. Albrecht Dürers "Feldhase" zeigte sich völlig ungeschützt, von Wachleuten weit und breit keine Spur - in diesem Fall verständlich, denn es handelt sich um eine Kopie.

Ein Gang auf die Toilette über ein Stiegenhaus ohne jede Überwachung offenbarte den größten Mangel. Die Bullaugen beim Stiegenaufgang vom Albertinaplatz sind anscheinend völlig ungesichert und zumindest eines leicht erkletterbar. Beim Lokalaugenschein waren sie problemlos von innen zu öffnen. Für Einbrecher würden sie kein großes Hindernis darstellen. Kommt ein Täter von dort, wird er erst beim Eingang zur Schiele-Schau erstmals erfasst, so Goliaschs Recherchen. "Ich frage mich, ob die Sicherheit hier überhaupt ein Thema ist. Ich glaube, sie ist reines Alibi."

Unsichere Türen im Belvedere
Fast schon skurril präsentierte sich die österreichische Galerie im Belvedere im Vergleich zur Sicherung eines benachbarten WC. Mit den Schlössern mancher Außentüren hätte ein Eindringling "an schlechten Tagen für eine Minute, an guten für 40 Sekunden ein Problem", sagte Goliasch. Mechanische Defizite ortete er hier. Dafür präsentierte sich die Toilette in einem Nebengebäude bei der Prinz-Eugenstraße durch einen Balkenriegel verschließbar.

Innen fand sich im Vergleich zur Albertina und zum KHM wesentlich mehr Wachpersonal, das zudem durch Funk miteinander verbunden ist. Ebenfalls vorhanden sind Bewegungsmelder und Kameras. Unüberwacht blieben erneut die Stiegenhäuser. Goliaschs Fazit: "Ich habe einige Möglichkeiten gesehen, wie ich hineinkommen würde. Es gibt eine gewisse Fahrlässigkeit gegenüber den hier ausgestellten Kunstschätzen."

Vorbildliches Mumok
Klassenprimus war eindeutig und mit großem Abstand das Mumok im Museumsquartier. Der Experte: "Natürlich habe ich es bei einem Neubau wie hier leichter, die Sicherheit von Haus aus mitzudenken. Aber das heißt nicht, dass ich ein altes Gebäude nicht ordentlich schützen kann." Die wenigen Fenster sind mit Bruchmeldern versehen. Selbst wenn ein Krimineller diese Hürde überwinden würde, käme er durch Schutztüren im Innern des Museums nicht weit. Zudem sind hier auch Stiegenaufgänge überwacht. Ebenfalls vorbildhaft ist der Brandschutz: "Beim Mumok ist das Restrisiko kalkulierbar", sagte Goliasch.

"Restrisiko muss kalkulierbar bleiben"
Der Experte betonte, dass Sicherheit niemals hundertprozentig sein könne. Aber: "Das Restrisiko muss kalkulierbar bleiben." Diese Bedingung erfüllte Goliasch zufolge lediglich das Mumok. "Entscheidend ist, dass es ein Sicherheitskonzept gibt. Zunächst mache ich eine Risikoanalyse, dann eine Schwachstellenanalyse. Darauf basierend lege ich ein Sicherheitskonzept vor, in dem die Risiken Punkt für Punkt - nach Priorität - abgearbeitet sind. Selbstverständlich müsste man in dem Konzept auch beispielsweise auf etwaige Gebäudesanierungen mit Baugerüsten Rücksicht nehmen", sagte der Sicherheitstechniker in Anspielung auf den "Saliera"-Diebstahl.

Vor Beginn stellte er zudem klar: Im Vergleich zu den Werten, die sich in den Museen befinden - wie etwa die viel diskutierten Klimt-Bilder in der Österreichischen Galerie im Belvedere - kostet eine vernünftige Gebäudesicherung nicht die Welt. In einem Haus mit rund 100 Zutrittsmöglichkeiten, also Türen und Fenstern, müsste man je nach Aufwand etwa 50.000 Euro "für die Hardware" veranschlagen. "Natürlich ist dann die Frage: Wie sieht es mit der Aufzeichnung des Videomaterials aus? Wie ist das Personal ausgebildet?", so Goliasch.

Ein gutes Sicherheitskonzept zeichnet sich laut dem Experten zunächst einmal dadurch aus, dass etwaige Einbrecher nach Möglichkeit überhaupt daran gehindert werden, ein Gebäude zu betreten. Das funktioniert mittels Alarm gesicherter Fenster, die zumindest Scheiben aus Verbundglas haben, mit Überwachungskameras, Bewegungsmeldern, Gittern vor Fenster und Türen und - nicht zuletzt - entsprechenden Schlössern und Verriegelungen. Vorweg: Weder die Albertina noch das KHM und das Belvedere genügten hier dem Experten zufolge den Anforderungen.

Nur 50.000 Euro für Gebäudeschutz nötig
Goliasch: "Angesichts der Werte, die sich in diesen Häusern befinden, kann eine entsprechende Sicherung keine Kostenfrage sein." Wenn die Saliera auf einen Wert von 50 Millionen Euro geschätzt worden sei, "was ist dagegen die Investition von 50.000 Euro in den Gebäudeschutz?".

Erst die zweitbeste Möglichkeit ist der Innenschutz. Hier kommt es vor allem auf die Überwachung der so genannten Bewegungslinien - Stiegenhäuser, Gänge etc. - an. Lediglich das Mumok entsprach den Anforderungen. Goliasch stellte zudem klar, dass es überhaupt keinen Sinn mache, Sicherheitseinrichtungen zu verstecken. Bei Alarmanlagen und Co. gehe es immer auch darum, potenzielle Täter von vornherein abzuschrecken.

Die letzte Möglichkeit ist der unmittelbare Schutz der Kunstwerke, beispielsweise durch so genannte Vorhangmelder wie im KHM. Diese überwachen eine gesamte Wand, greift jemand über diese unsichtbare Barriere, lösen sie aus. Das Problem dabei ist, dass sich ein etwaiger Täter bereits in unmittelbarer Nähe des Kunstwerks befindet und so trotz des Alarms genug Zeit hat, sein Vorhaben zu realisieren. Goliasch verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass sich ein Museum nicht nur vor Dieben, sondern etwa auch gegen Vandalen schützen muss.

Sicherheitspersonal schien nicht wachsam
Wichtig ist nicht zuletzt die Präsenz des Wachpersonals. "In der Eremitage von St. Petersburg hat man in normalen Räumen zumindest zwei Personen pro Zimmer, die auch wirklich aufpassen und sich auffällig verhaltende Besucher ansprechen, in besonders wertvollen Teilen ist die Wachmannschaft deutlich verstärkt", erzählte Goliasch.

Wien ist offenbar auch hier anders: Obwohl sich der Experte beim Lokalaugenschein in allen vier Museen offensichtlich nicht für die ausgestellte Kunst, aber sehr für die Sicherheitseinrichtungen interessierte und das gar nicht zu verbergen versuchte, wurde er in keinem einzigen Haus auf sein Verhalten angesprochen. Lediglich das Personal im Mumok - Angehörige eines privaten Sicherheitsunternehmens - zeigte deutlich, dass es ihn im Auge behielt.

(apa)