Shalom Wien: Junge Juden zwischen Traditionspflege und modernem Lifestyle

Aufbruchstimmung in der jüdischen Gemeinde Wiens, sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust

Shalom Wien: Junge Juden zwischen Traditionspflege und modernem Lifestyle © Bild: Göthans

Wie junge Juden die Tradition pflegen und zugleich daran arbeiten, jüdischen Lifestyle zum selbstverständlichen Teil einer multikulturellen Gesellschaft zu machen.

Rabbi Shlomo Schwartz kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da ist er extra aus Los Angeles angereist, um seelisches Aufbautraining für eine zaghafte Schar verschreckter junger Leute zu leisten: „So stellt man sich in Amerika jedenfalls den Zustand der jüdischen Gemeinden in Europa vor.“ Stattdessen steht er nun im Festsaal des Hilton Vienna zwischen 700 Partymenschen, die euphorisch feiern. Es ist der Höhepunkt eines Wochenendtreffens für junge Juden aus ganz Europa, veranstaltet von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der größten europäischen jüdischen Studentenorganisation, dem European Center for Jewish Students (ECJS). Viele junge Männer tragen die Kippah, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, und die Liveband spielt nicht nur R&B, sondern auch israelische Popsongs, zu denen die Gäste eingehakt im Kreis tanzen. Ein paar Klischees müssen natürlich trotzdem erfüllt werden. Erstens: Die Russen bestellen Wodka ohne Ende. Zweitens: Am lautesten sind die Deutschen und die Niederländer. Drittens: Bei Robbie Williams singen alle mit.

Zu fortgeschrittener Stunde führt Rabbi Schwartz eine Art Papier-Sonnenbrille mit Spezialfilter vor: Wenn man durchschaut und ins Licht blickt, sieht man tanzende Davidsterne. „Eine Instant-Konvertierungs-Brille“, grinst er. Shlomo Schwartz ist Wiener Abstammung, seine Eltern flüchteten im Zweiten Weltkrieg in die USA, wo er als jüngster Sohn der Familie geboren wurde. Heute lebt er in Los Angeles und ist unter anderem der persönliche Rabbi von Prominenten wie Richard Dreyfuss oder Robin Williams. „Ich muss denen unbedingt davon erzählen, wie viel hier los ist“, sagt er. „Wer weiß, zum nächsten Treffen kommen vielleicht ein paar Hollywoodstars nach Wien!“

Die Meinung, die jüdische Gemeinde in Österreich sei ein verzagtes Häuflein gebrochener Menschen, die sich nicht von ihren Erinnerungen lösen können, ist in den USA noch immer weit verbreitet. Die Nachrichten, die aus der alten Heimat über den Atlantik dringen, lassen freilich auch selten ein anderes Bild zu: die Affäre um die Rückgabe der Klimt-Gemälde, zahllose weitere Streitfälle um geraubte Güter, Häuser und Grundstücke, dazu Umfragen, die auch im 21. Jahrhundert ewiggestrige Stereotype zutage fördern.

Aufbruchstimmung. Und trotzdem: In der jüdischen Gemeinde selbst herrscht Aufbruchstimmung. Jüdischer Lifestyle soll hier endgültig seinen Platz finden – nicht als nostalgische Kopie einer verloren gegangenen Kultur, sondern als selbstverständlicher Mosaikstein in einem modernen, bunten Gesellschaftsbild.

Der Weg dahin ist heute aber nicht unbedingt leichter als vor 21 Jahren, als ein junger Mann namens Ariel Muzicant die provokante Frage stellte: „Stirbt die jüdische Gemeinde in Wien aus?“, und mit seiner „jungen Liste“ daranging, ebendies zu verhindern. Heute ist Muzicant, inzwischen einstimmig gewählter Präsident der Kultusgemeinde (IKG), optimistisch, bis 2008 die strukturelle Basis für eine 20.000- bis 25.000-köpfige jüdische Gemeinde in Wien schaffen zu können.

Die entsprechende Infrastruktur scheint gesichert. Vieles wird dadurch leichter – aber längst noch nicht alles. Nach wie vor bedeutet jüdisches Leben in Österreich, einen heiklen Spagat zwischen vorsichtiger Zukunftshoffnung und notwendiger Rückschau zu vollziehen: „Nicht vergessen, aber irgendwo doch eine Art Schlussstrich ziehen“, beschreibt Maxim Slutski die Stimmung unter vielen Juden. „Das ist vor allem bei den Jungen zu spüren.“

Slutski, 26, ist für die Israelitische Kultusgemeinde so etwas wie der personifizierte Aufbruch: Als erster Jugend- und Kulturreferent der IKG ist er seit sechs Monaten im Amt. In dieser Funktion organisierte er auch das Treffen, das Rabbi Schwartz so begeisterte. „In den zwei Jahren, die ich jetzt in Wien bin, hat sich so viel getan“, sagt der gebürtige Ukrainer, der zuletzt in New York lebte. „Die progressiven, jung denkenden Juden wollen etwas weiterbringen in dieser Stadt.“ Für den kommenden Sommer plant er eine einwöchige Veranstaltung mit 500 Teilnehmern. „Es ist wichtig und gut, dass etwas Derartiges gerade in Österreich stattfindet. Es vermittelt Aussöhnung und eine gewisse Normalisierung des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden, die gerade wir Jungen uns so sehr wünschen.“

Knapp 7000 Mitglieder zählt die Israelitische Kultusgemeinde in Österreich, die sich zum überwiegenden Teil auf die Bundeshauptstadt konzentriert. Wobei die „Gemeinde“ heute zu einem Gutteil aus jenen Menschen besteht, die in erster oder zweiter Generation in Wien leben: Zuwanderer, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion, die die örtliche jüdische Gemeinde und ihre wenigen österreichischen Heimkehrer (und noch weniger Überlebenden) vor dem endgültigen Niedergang bewahrt haben. „Heute ist unsere Gemeinde breit gefächert“, sagt Slutski. „Wir haben aschkenazische Juden mit europäischen Wurzeln und sephardische Juden aus Regionen wie Usbekistan, Tadschikistan, Georgien und Aserbaidschan. Alle haben ihre eigenen kulturellen Hintergründe und Mentalitäten. Bei unseren Veranstaltungen versuchen wir, all diese Gruppen zusammenzubringen. Auch das ist Aufgabe eines Kulturreferenten.“

Kulturelle Vielfalt. Diese Vielfalt der Kulturen hat in Wien Tradition. Zwischen 1848 und 1916 zogen rund 170.000 Juden aus allen Teilen der Monarchie nach Wien und ließen die bis dahin knapp 10.000 Mitglieder umfassende Gemeinde vorübergehend zur zweitgrößten Europas werden (nach jener in Warschau). 1945 lebten noch 5500 Juden in Wien. Der Rest: vertrieben, geflohen, ermordet.

Bis heute bemüht sich die Israelitische Kultusgemeinde um die vollständige Restitution und Entschädigung der per „Arisierung“ geraubten oder im Novemberpogrom 1938 zerstörten Gemeinde-Eigentümer. Mit den Geldern aus den Entschädigungszahlungen sowie mit Eigenmitteln von rund 70 Millionen Euro wurden fünf österreichische Kultusgemeinden wiederbegründet (Wien, Linz, Graz, Salzburg, Innsbruck) und einige wenige Synagogen wieder aufgebaut. Heute unterhält oder unterstützt die Kultusgemeinde Schulen, Sozialeinrichtungen, Kindergärten, ein Berufsbildungszentrum, das psychosoziale Zentrum ESRA (in dem Opfer der Nazi-Verfolgung und ihre Kinder psychologischen Beistand finden), das Maimonides-Zentrum für ältere Mitbürger sowie drei Kultur- und Sportvereine. Außerdem gibt es die Wiener Jüdischen Filmwochen und, seit bald drei Jahren, ein großes jüdisches Straßenfest in der Wiener Innenstadt.

Doch vor allem im zweiten Gemeindebezirk bekommt man allmählich wieder eine Ahnung davon, wie es hier einmal ausgesehen hat – und vielleicht auch wieder aussehen kann. In die so genannte „Mazzesinsel“, die sich über den zweiten sowie Teile des 20. Bezirks erstreckt und seit dem 17. Jahrhundert, freilich mit Unterbrechungen (etwa während der Vertreibung 1670 durch Kaiser Leopold, der dem zweiten Bezirk auch gleich seinen Namen gab: Leopoldstadt), zum traditionell jüdischen Wohngebiet entwickelt hatte, ist wieder ein Hauch jüdischen Lebens eingekehrt. Hier sind die meisten koscheren Fleischhauer und Bäckereien zu finden, hier begegnet man orthodoxen Frauen mit den traditionellen Perücken, bärtigen Männern in langen Mänteln, mit „Peikeles“, den charakteristischen Schläfenlocken, und breitkrempigen Hüten.

Doch die Orthodoxen und Ultraorthodoxen stellen nur eine zwei- bis dreitausend Menschen umfassende Minderheit, die außerhalb der „offiziellen“ Kultusgemeinde lebt und arbeitet. Die Mehrzahl der Wiener Juden lebt jenen weltlichen Multikulti-Lifestyle, wie er inzwischen jede europäische Großstadt definiert.

Besuch bei der Jugendorganisation „Hashomer Hazair“ in der Wiener Innenstadt. Hier treffen sich Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, organisieren gemeinsame Ausflüge und Skikurse. Die Älteren tragen blaue Hemden, manche mit aufgenähten israelischen Flaggen und Abzeichen. Fürs Gruppenfoto heben die Jugendlichen drei Finger der rechten Hand. „Das steht für die drei Säulen unserer Gruppe“, erklärt die 16-jährige Daliah. „Sozialismus, Zionismus, Chaluzinismus.“ Letzteres ist eine Wortschöpfung aus dem hebräischen Wort „chaluz“ (Pionier). Die Chaluz-Bewegung prägte neben der Kibbuz-Bewegung die Entstehungsgeschichte des heutigen Staates Israel. Daliah ist Wienerin. Ihre Großeltern wurden von den Nazis vertrieben, wagten in den fünfziger Jahren einen Neuanfang. Sie besucht das Gymnasium Wenzgasse in Wien-Hietzing, hat jüdische und nichtjüdische Freunde. „In der Schule sind meine Schwester und ich die einzigen jüdischen Kinder“, erzählt Daliah. „Aber ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Meine Mitschüler sind sehr bewusst im Umgang mit der Geschichte Österreichs. Und sie kommen auch mit Fragen zu mir. Das finde ich gut, denn es zeigt, dass wir jungen Leute keine Scheu haben, aufeinander zuzugehen.“

Sicher gibt es auch andere Situationen. „Mein Bruder ist mal blöd angegangen worden“, erzählt die 19-jährige Daniela, „als er in der Schule gefragt hat, ob es auch etwas anderes als Schweinsschnitzel gibt.“ Manchmal hört sie, wie Leute „Jud“ als Schimpfwort verwenden. Einmal sah sie in der U-Bahn, wie zwei Buben die Hand zum Hitlergruß hochstreckten. „Solche Dinge nehme ich natürlich anders wahr als ein Nichtjude“, sagt sie, „und ich frage mich dann, ob die überhaupt wissen, was sie da machen – oder ob sie einfach nur die Lust an der Provokation antreibt.“

Neuer Antisemitismus. Antisemitische Übergriffe hat noch niemand aus der Gruppe erlebt. „Erstens sehen wir aus wie alle anderen Jugendlichen, und zweitens ist es in Wien eh nicht so schlimm“, meint die 17-jährige Laura. Daliah ergänzt: „In Israel glauben sie vielleicht, dass man hier nicht leben kann, aber wenn man hier wohnt, merkt man, dass es in Wirklichkeit ganz anders ist.“

Tatsächlich ist die Zahl antisemitischer Übergriffe in Österreich für europäische Verhältnisse „minimal“: Von Juni bis August 2005 wurden dem Wiener Forum gegen Antisemitismus (www.fga-wien.at) 28 antisemitische Vorfälle gemeldet, darunter 13 Beschmierungen. Einige Male kam es auch zu tätlichen Angriffen, durchwegs auf orthodoxe Wiener Juden.

Doch die antisemitischen Drohgebärden des iranischen Präsidenten Ahmadinejad, Holocaust-Karikaturwettbewerbe und immer wieder aufflammende Diskussionen über die Rechtmäßigkeit des Staates Israel zeigen, dass die Ewiggestrigen zusehends durch ähnlich denkende Antisemiten von heute und morgen ersetzt werden. Der Journalist Hans Rauscher umreißt dieses Phänomen in seinem Buch „Israel, Europa und der neue Antisemitismus“ folgendermaßen: „eine aus dem Israel-Palästina-Konflikt heraus argumentierte Form antijüdischer Propaganda“ – getragen von Kreisen der neuen Linken, der neuen Rechten, der Islamisten und all jenen, für die eine einfache Lösung immer schon die beste war.

So ist Israel als bewaffnete Nation auch ein Thema, das niemand in der Gemeinde gern anspricht, schon gar nicht öffentlich. „Ich habe einfach keine Lust, immer wieder missinterpretiert zu werden“, sagt ein Teenager. „Egal, was man als Jude zum Israel-Konflikt sagt, sie drehen einem das Wort im Mund um.“ – „Israel für Frieden – Frieden für Israel“ steht auf einem selbst gemalten Transparent, das im Aufenthaltsraum der Jugendorganisation „Hashomer Hazair“ hängt. Das Stück Stoff sagt mehr aus, als die jungen Leute in Worte fassen können. Sie versuchen es trotzdem. „Ich lebe gern in Österreich und fühle mich hier zu Hause“, erklärt der 17-jährige Niki. „Aber Israel ist meine spirituelle Heimat. Es gibt mir einfach eine gewisse Sicherheit.“ Dass seine Mutter Israelin ist, trägt zu dieser Verbundenheit bei. „Bei mir ist es ganz ähnlich“, erklärt Daliah. „Ich lebe noch lieber und unbefangener in Wien, wenn ich weiß, dass es ein Land gibt, in das ich jederzeit gehen kann und wo ich auf jeden Fall sicher bin.“ In Israel verstehe man vielleicht nicht, wie man überhaupt darüber nachdenken könne, im ehemaligen Nazi-Land zu wohnen. „Dort sehen das manche vielleicht extremer, weil sie glauben, es hätte sich nichts geändert. Aber wenn man hier lebt, weiß man, dass es ganz anders ist.“

Der gebürtige Israeli Avi Yosfan kennt dieses Phänomen aus eigener Erfahrung: „Als ich vor 16 Jahren nach Wien zog und dieselben Straßen und Plätze sah, die ich von alten Fotos und aus Dokumentationen über den Holocaust kannte, kamen sofort die Emotionen hoch. Aber das ging schnell vorbei. Es sind zwar die gleichen Straßen, aber die Zeit ist doch eine andere. Ich fühle mich als richtiger Wiener.“ Yosfans Innenstadt-Lokal „Maschu Maschu“ ist ein beliebter Treffpunkt für Israelis, aber auch die arabischen Mitarbeiter der nahe gelegenen OPEC gehören zu seinen Stammgästen. Es wird „angeregt, aber friedlich“ über Politik diskutiert. Oder über den Karikaturen-Streit. Oder einfach nur über das Wetter.

Lokalszene. Vor drei Jahren gründete Yosfan mit seinem Kompagnon Shimon Deutsch eine „Maschu Maschu“-Dependance im siebten Bezirk. Das Publikum dort ist bunt gemischt. „Die Jungen sind völlig unbekümmert“, sagt Yosfan. „Die sehen: aha, israelische Küche, okay, das probieren wir aus. Ältere Gäste fragen schon mal nach und wollen mehr über jüdische Rezepte erfahren. Das finde ich gut.“ Und wenn jemand partout keine Falafel will, gibt’s eben Wiener Schnitzel. „Hier soll sich jeder wohl fühlen.“

Avi Yosfan vergleicht die moderne, globalisierte Gesellschaft gern mit der israelischen Küche: „Alles ist in Bewegung, entwickelt sich ständig weiter. Die Menschen, das sind die Zutaten aus der ganzen Welt. Du gibst alles in einen Topf – von der scharfen Zhug-Sauce der Yemeniten bis zum gefilten Fisch der Polen –, experimentierst ein bisschen herum, und am Schluss kommt etwas Neues, Gutes dabei heraus.“

Manchmal sind es aber auch Rauchwolken, die aus dem Topf quellen – etwa im Fall von Sonja und Warren Rosenzweig. Als die gebürtige Kärntnerin vor mittlerweile 18 Jahren den aus New York stammenden Gründer des Jüdischen Theaters Austria heiratete, war ein Teil ihrer Familie alles andere als erfreut: „Es kam zu einigen bösen Szenen“, erinnert sich Sonja Rosenzweig: „Ich frage mich bis heute, wie mein Mann das wegstecken konnte.“

Aber auch die Rosenzweigs selbst haben ab und zu an den religiösen Unterschieden zu arbeiten: „Anfangs stellt sich die Frage der Religion meist nicht. Erst wenn Kinder ins Spiel kommen, wird das zum Thema.“ Im Judentum ist nämlich die Mutter für die religiöse und kulturelle Erziehung der Kinder verantwortlich. „Diese Aufgabe kann ich nicht erfüllen, weil mir einfach der Background fehlt“, sagt Sonja Rosenzweig. „Außerdem kann mein Sohn nicht in eine rein jüdische Schule gehen, weil seine Mutter nicht Jüdin ist.“ Die Frage, ob sie konvertieren soll, stellt sich Sonja Rosenzweig denn auch seit mehreren Jahren.

Schon des Öfteren nahm sie die Sache in Angriff. „Ich war mehrmals beim Rabbi, habe Unterricht genommen. Aber ich habe eben ganz andere Wurzeln. Der Knackpunkt ist für mich das Thema Jesus Christus, der im Judentum ja keine zentrale Rolle spielt. Jedes Mal zu Weihnachten krieg ich die Krise, weil es mir so viel bedeutet.“ Auch deshalb ist das Thema zur Zeit auf Eis gelegt. „Ich habe mich noch nicht entschieden. Aber ich bin froh, dass mein Mann mich zu nichts drängt. Ich kenne einen Fall, wo ein Mann seine Freundin verlassen hat, weil sie nicht konvertieren wollte. Eine andere jüdische Freundin ist mit einem Nichtjuden zusammen. Sie feiern einfach Weihnachten und Chanukka. Das finde ich schön, weil’s ehrlich ist.“ Sollte sie doch einmal konvertieren, „dann gehe ich vielleicht zur reformierten Or-Chadasch-Gemeinde. Die entsprechen eher meinem Bild von moderner Religionsauffassung. Und sie nehmen mich so, wie ich bin, mit all meinen Zweifeln und Fragen.“

Neue Wege zum Glauben. Konvertieren oder nicht – eine Frage, die in Österreich nur sehr wenige beschäftigt: Pro Jahr treten etwa fünf Personen zum jüdischen Glauben über, berichtet Natalja Najder von der Israelitischen Kultusgemeinde: „Das sind entweder Personen mit jüdischen Wurzeln oder Frauen, die heiraten und zum jüdischen Glauben übertreten wollen.“ In der reformierten Or-Chadasch-Gemeinde unter der Rabbinerin Irit Shillor gibt es zurzeit drei junge Konvertiten, „die mit dem Christentum nicht glücklich sind und neue Wege zum Glauben suchen“.

Für Sonja Rosenzweig, geborene Egger, war der Eintritt in die jüdische Welt mit einer plötzlichen Erweiterung ihres Erfahrungsspektrums verbunden. „Mit meinem neuen Nachnamen bekam ich hauptsächlich Reaktionen à la ‚Ah, Rosenzweig, so ein schöner Name. Sind Sie Jüdin? Sie schauen gar nicht jüdisch aus.‘ Ansonsten erlebe ich eigentlich mehr Neugier als Abneigung.“ Wirklich schlechte Erfahrungen machte sie bisher nur einmal: „Da habe ich einen Job nicht bekommen, der mir eigentlich schon sicher war, als die zuständige Dame meinen Namen gehört hat.“ Mit ihrer Heirat hat die 39-Jährige ein ganzes Paket an Diskussionsstoff übernommen. „Aber ich bin auch froh darüber“, sagt sie. „Manchmal denke ich, dass die Juden auf der Welt sind, um uns immer daran zu erinnern, dass wir tolerant sein müssen. Wenn man sich einmal auf das Thema einlässt und am eigenen Leib die Ablehnung erfährt, die Diskussionen und all das – das ist zwar mitunter hart. Aber es bedeutet auch, rege zu bleiben, Dinge zu hinterfragen, sich alles immer von zwei Seiten anzusehen. Im Grunde ist es eine unglaubliche Bereicherung.“

Dass ihr Mann unermüdlich – und bisher umsonst – um eine Spielstätte für sein Theater kämpft, imponiert ihr. Seit Jahren bemüht sich Warren Rosenzweig um ein eigenes Haus – „nicht nur für das Jüdische Theater Austria, sondern ganz allgemein für jüdisches Theater in Österreich“. Sein Wunschobjekt ist das ehemalige jüdische Theater im Nestroyhof in Wien-Leopoldstadt, das 1938 zwangsarisiert wurde und sich bis heute im Besitz der damaligen Käuferfamilie befindet. Im Keller entdeckte Rosenzweig Hakenkreuze an den Wänden, die erst entfernt wurden, als er – nach mehreren fruchtlosen Aufforderungen an die Eigentümer – die Polizei verständigte.

Ob er je in dieses Theater einziehen wird, weiß Warren Rosenzweig nicht. „Wir bekommen leider keine Kulturförderung. Man sagt, es gibt keine finanziellen Mittel. Aber wir kämpfen weiter.“

Ein jüdisches Theater in der Leopoldstadt, in diesem Haus, in dem es das schon einmal gab, „das wäre die beste Lösung – kulturell, wirtschaftlich und politisch. Es würde dem österreichischen Image nützen, dem Bezirk und der kulturellen Landschaft sowieso.“

Noch fehlen allerdings die Mittel – und vor allem fehlt die Einsicht der Besitzer. „Sie haben uns verklickert, dass sie vielleicht ein Theater akzeptieren würden, aber kein jüdisches. Das sind die Enkel von Menschen, die in dieser Stadt mehrere Immobilien durch Arisierung an sich gebracht haben und dank diverser rechtlicher Schlupflöcher bis heute nicht zurückgeben mussten. Auch das ist Wien.“

Von Sylvia Steinitz