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Der Verschrotter

Christoph Lehermayr über Matteo Renzi, der beim EU-Sondergipfel die Nerven verlor

Politik - Der Verschrotter © Bild: Ian Ehn

Wer seinen Sommer in Italien verbrachte und sich an einem verregneten Urlaubstag durchs dortige TV zappte, dürfte die Veränderung bemerkt haben: Die Showgirls sind weg! Zugegeben, jene leicht bekleideten Frauen, die seit der Ära Berlusconi durch die Shows hüpften, sind nicht ganz verschwunden. Aber ein fescher Kerl hat ihnen einiges an Bildschirmzeit abgerungen: Die Rede ist von Matteo Renzi, Italiens jungem Regierungschef. Der Toskaner tourte durch alle Kanäle, redete locker, scherzte salopp, gab sich selbstsicher. Seit zwei Jahren versucht er nun schon, Italiens notorisch instabiles politisches System zu heilen.

Renzi, auf Daueroptimist getrimmt, wählte schöne Worte an all den langen Fernsehabenden, in denen er sein Schaffen pries. Ganz der hemdsärmelige Manager, verbreitete der Sozialdemokrat Zuversicht. Und das, obwohl die Wirtschaft weiter stottert, Italiens Schulden bald griechische Ausmaße annehmen und die Arbeitslosigkeit partout nicht sinken will. Renzi konnte das anfangs wenig anhaben, da ihn die Italiener als Anpacker sahen. „Il rottamatore“ nannten sie ihn, den Verschrotter; einen, der das alte, verlotterte System zertrümmert. Für die EU war das ein Segen, da sie neben all den Krisen froh war, wenn zumindest in Rom Ruhe herrschte.

Nun aber dreht Renzi auf. Vorige Woche verlor er beim EU-Sondergipfel die Nerven. Während Kanzlerin Merkel dort Aufbruchsstimmung verbreitete und den „Geist von Bratislava“ beschwor, sah Renzi darin nur ein „Gespenst“. Der Deutschen wirft er vor, ihn in der Flüchtlingsfrage hängen zu lassen. Was Merkel später auch implizit zugab, als sie sagte, die Ausmaße des Migrationsdrucks über Jahre hinweg unterschätzt zu haben. An Renzis Flüchtlingsproblem der Gegenwart ändert das dennoch nichts.

Hinzu kommt, dass auch das Herzstück seines Regierens, die an sich richtige Verfassungsreform, wackelt. Diese soll die Macht der zweiten Kammer, des Senats, beschneiden und künftig jene Blockaden verhindern, an denen Italien so oft litt. Das von Renzi initiierte Referendum im November droht jedoch zu einer Generalabrechnung des Wahlvolks mit dem Schönredner zu werden. Der solle nun, nach den vielen Abenden voller Verheißungen, endlich liefern, heißt es. Schon werben gar erste „Parteifreunde“ für ein Nein beim Referendum. Gegenwind kommt auch von der Partei des Komikers Beppe Grillo. Die Populisten, deren neue Bürgermeisterin in Rom nicht einmal den dortigen Müll beseitigen kann, träumen davon, Italien aus dem Euro zu führen. Und zuvor wollen sie Renzi stürzen. „Il rottamatore“ muss also aufpassen, dass er nicht selbst vorschnell auf dem politischen Schrottplatz landet.

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