ÖFB-Team Marcel Koller von

Kick it like Koller

Der Schweizer ÖFB-Teamchef arbeitet an seiner ganz eigenen Fußballphilosophie

ÖFB-Team Marcel Koller - Kick it like Koller © Bild: GEPA/Roittner

Das Spiel des Jahres wirft bereits seine Schatten vor aus: Am 11. September muss Österreich gleich im ersten Qualifikationsspiel für die WM 2014 in Brasilien gegen Deutschland ran – die aktuelle Nummer zwei der FIFA-Weltrangliste. Im Prinzip eine unlösbare Aufgabe. Trotzdem war das Duell mit dem „großen Nachbarn“ im Wiener Ernst-Happel-Stadion binnen weniger Tage restlos ausverkauft. Die ganze Nation hofft einmal mehr auf ein Fußballwunder. Auch deshalb steigt Teamchef Marcel Koller auf die Euphoriebremse: „Wenn ich manche Berichte in den Zeitungen hier lese, habe ich manchmal das Gefühl, dass wir zu den Top 10 gehören.“

Die Generalprobe
Dabei ist die Ausgangslage ganz klar: Seit 1998 hat sich Österreich aus eigener Kraft für keine WM- oder EM-Endrunde mehr qualifiziert. Bei der Heim-EM 2008 war bereits nach drei Gruppenspielen Schluss mit lustig. In der Qualifikation für die EM in Polen und in der Ukraine landete das rot-weiß-rote Team unter ferner liefen. Aktuell rangiert Österreich in der Weltrangliste auf Platz 60 . Und neben Gruppenfavorit Deutschland bekommen wir es in der WM-Qualifikation unter anderem auch mit Schweden und Irland zu tun, beide waren bei der EURO 2012 mit von der Partie. Am kommenden Mittwoch, 15. August, steigt nun die „Generalprobe“ für das Deutschland-Spiel. Gegen die Türkei . Ein „Jubiläumsspiel“ noch dazu: Es ist das 300. Länderspiel der österreichischen Nationalmannschaft in Wien. Teamchef Marcel Koller hat 15 Legionäre in seinen 24-Mann-Kader berufen, darunter gleich neun aus der deutschen Bundesliga.

Von den Namen und von der Papierform her ist es die wahrscheinlich mit Abstand spielstärkste Nationalmannschaft der letzten zehn Jahre. Aber garantiert das allein schon den Erfolg? Das Schlüsselwort für Marcel Koller heißt Kontinuität. Spätestens beim 14-tägigen Lehrgang im Juni will der Teamchef das „große Gerüst“ für künftige Erfolge gefunden haben. Das heißt: Ob Sieg oder Niederlage, die Mannschaft soll in Zukunft nicht ständig durcheinandergewürfelt werden. Koller: „Ich will mit diesem Kader unsere eigene Fußballphilosophie entwickeln. Das funktioniert nur dann, wenn wir nicht immer bei null beginnen müssen.“

Teamspirit über alles
Wie ernst es dem Teamchef damit ist, zeigt der Kader für das Türkei-Spiel. Vor dem Juni-Trainingslager hatte es sehr zum Ärger Kollers reihum Absagen gehagelt. Gleich neun Teamspieler zogen es vor, vorzeitig in Urlaub zu gehen oder kleine Wehwehchen auszukurieren. Salzburg-Verteidiger Franz Schiemer zum Beispiel, vorher eine fixe Größe im Team, wollte seine Hochzeit nicht verschieben. Er fehlt jetzt im Kader. Koller: „Wer bei diesem Lehrgang nicht dabei war, muss mich erst wieder durch außergewöhnliche Leitungen überzeugen.“ Andere, wie der erst 18-jährige Admira-Stürmer Marcel Sabitzer, nützten die unerwartete Chance und spielten sich im Trainingslager in die Gunst des Teamchefs.

Ähnliches gilt für den Mattersburger Patrick Bürger. Marcel Koller, der 51-jährige Schweizer auf dem österreichischen Teamchefposten, gibt sich zwar nach außen hin verbindlich, zieht aber seine Linie intern beinhart durch. Wer im Team nicht hundertprozentig mitzieht, dessen Karriere in der Nationalmannschaft endet, bevor sie noch so richtig begonnen hat.

Fußball rund um die Uhr
Kollers Fußballphilosophie orientiert sich an den ganz großen Fußballnationen. Ist seine Mannschaft im Ballbesitz, dann sollen sich alle zehn Feldspieler in der Offensive einbringen. Bei Ballverlust läuft’s umgekehrt. Alle Spieler müssen sich an der Defensivarbeit beteiligen und den Ball möglichst rasch zurückerobern. Leichter gesagt als getan. Denn Ballbeherrschung in hohem Tempo muss von klein auf geübt werden, in den Nachwuchsakademien und bei den Klubs. Deshalb hält Marcel Koller ständigen Kontakt mit den Klubtrainern, sitzt bei so vielen Bundesligaspielen wie nur möglich auf der Tribüne. Und legt auch bei den Teamzusammenkünften im Training neben der taktischen Ausrichtung sehr viel Wert auf die Arbeit mit dem Ball.

Über allem steht aber der Teamspirit: „Wir haben jene Spieler gesucht, die den besten Fußball zusammen spielen können. Für mich zählt nicht der Name eines Spielers oder bei welchem Klub er gerade spielt. Für mich ist wichtig, wie sich einer in die Mannschaft einbringt und dass er im Team seine beste Leistung abruft.“

Schlüsselkraft Alaba
Umso mehr schmerzt der verletzungsbedingte Ausfall von David Alaba , einem der Schlüsselspieler in Kollers Konzept. Der 20-jährige Bayern-Legionär ist nach einem Ermüdungsbruch und der notwendigen Operation rekonvaleszent. Sein Einsatz im Deutschland-Spiel in weniger als einem Monat ist unwahrscheinlich. Koller: „Er war nach der Verletzung ziemlich geknickt, aber er ist jetzt wieder guter Dinge. Für das Spiel gegen Deutschland wird es sehr, sehr eng, aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben.“

Ein gutes Händchen hat Marcel Koller inzwischen auch im Umgang mit „Problemboy“ Marko Arnautovic bewiesen. Dessen „Ausraster“ gegenüber einem Wiener Verkehrspolizisten nimmt Koller ernst, will den Vorfall aber auch nicht überbewerten: „Natürlich ist es wichtig, dass sich ein Nationalspieler in der Öffentlichkeit entsprechend präsentiert. Aber einem jungen Menschen muss man auch zugestehen, dass er aus Fehlern lernt.“ Wohnen werden die Teamspieler vor dem Türkei-Match erstmals in einem Wiener Innenstadt-Hotel. Das soll laut Marcel Koller für mehr Lockerheit sorgen. Den Versuch ist es allemal wert.

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