Warum geht man zum Public Viewing? Es ist das Gemeinschaftserlebnis, die Massenbegeisterung, das Event - der Fußballfan möchte das auch außerhalb des Stadions erleben. Dann sollten Sie aber um die Fanzone in Donezk einen großen Bogen machen. Denn das ist ein ziemlich intimes Beisammensein, wie Sie auf dem Foto erkennen können.
35.000 Menschen sollen beim Public Viewing in Donezk zusammenkommen können. Optimistisch geschätzt waren bei meinem Besuch vielleicht 2.000 wirklich da. Und das ist der Normalzustand, sagen die Menschen vor Ort. "Nur bei Spielen von Russland oder der Ukraine ist mehr los", bekommt man als Antwort. Dazu sollte man vielleicht erwähnen, dass man in Donezk und Umgebung Russisch spricht. Auf die Frage, ob man sich denn eher als Russen oder Ukrainer betrachet, erhält man keine eindeutige Antwort. Die eigene Identität dürfte also nicht endgültig geklärt sein.
Dabei ist das Public-Viewing-Gelände in Donezk nicht unsymphatisch. Um die auf dem Foto gezeigte Betonwüste klammert sich ein kleiner Park samt Imbissbuden und allem, was dazugehört. Denkt man an Wien 2008 zurück würde ich sagen: Hier ist es deutlich entspannter. Die Kontrollen am Eingang sind angemessen, aber zügig und die Getränkepreise erfreulich niedrig. Etwa 1,5 Euro muss man für ein großes Bier auf die Bar legen - und es gibt sogar mehr, als den Carlsberg-Einheitsbrei, mit dem man in Wien versorgt wurde. Und auch wenn der Österreicher gerne glaubt, dass es im Ausland kein gutes Bier gibt: Das ukrainische Produkt ist wirklich gut.
Mein Freund, der Russe
Denn weil das Public Viewing dermaßen fad war, blieb Zeit, sich mit einem russischen Kollegen anzufreunden. Dem war nämlich auch langweilig - für einen Fotografen gab es in der Fanzone nicht viel zu holen. Sollten Sie einmal in eine vergleichbare Situation kommen, muss ich Sie warnen: Überlegen Sie es sich gut, bevor Sie mit einem Russen einen heben gehen. Und suchen Sie fluchtartig das Weite, wenn Sie von ihm folgenden Satz hören: "And now we have whiskey." Aber es war ein sehr lustiger, spannender Abend, der eine der schönsten Seiten des Sports zeigt: Er kann über Landes- und Sprachgrenzen hinweg Freundschaften entstehen lassen. Denn wenn mein neugewonnener Freund erzählt, was er in Afghanistan gesehen und fotografiert hat, wird einem erst bewusst, wie wertvoll diese Dinge sind.
Bezüglich des Grundes, warum in der Fanzone gähnende Leere herrscht, habe ich übrigens einen Verdacht: Die EURO 2012 ist zu groß, hat zu viele Spielorte und dazwischen liegen zu große Distanzen. Mehr dazu aber am Montag auf NEWS.AT.