Nach überlegenem Sieg im Irak: Schiiten wollen das Wahlergebnis trotzdem anfechten

Einspruch vs. kompliziertes System der Sitzverteilung Sieben Tote bei zwei Anschlägen in Tikrit und Bagdad

Trotz ihres überlegenen Sieges bei der irakischen Parlamentswahl wollen die religiösen Schiiten das Ergebnis anfechten. Der Protest richte sich gegen das komplizierte System der Sitzverteilung, das die Partei bis zu zehn Mandate koste, sagten Vertreter des Bündnisses Vereinigte Irakische Allianz am Samstag. Die US-Regierung und UN-Generalsekretär Kofi Annan forderten die Parteien zur Bildung einer Regierung auf, die die Interessen aller Iraker unabhängig von Volksgruppe und Religion vertritt. Das Ultimatum der Entführer der US-Journalistin Jill Carroll lief am Freitagabend ohne neue Informationen über ihr Schicksal ab.

"Wir haben eine Kommission gebildet, die unseren Einspruch formulieren soll", sagte der Vizechef der Dawa-Partei von Ministerpräsident Ibrahim al-Jaafari, die zu dem Schiitenbündnis gehört. Das Bündnis, dem auch die Partei Oberster Rat der Islamischen Revolution im Irak (SCIRI) angehört, gewann bei der Wahl am 15. Dezember laut dem am Freitag veröffentlichten vorläufigen Endergebnis 128 der 275 Mandate. Mit ihrem Einspruch bei der Wahlkommission wollen die Schiiten acht bis zehn Sitze zurückfordern, die sie ihrer Ansicht nach zu Unrecht an andere Parteien abgeben mussten. "Es ist nicht normal, dass unsere Stimmen an Kandidaten anderer Listen gegangen sind", sagte SCIRI-Führer Ammar Hakim. Das Schiitenbündnis hatte schlechter abgeschnitten als bei der Wahl zum Übergangsparlament.

Versöhnlicher zeigten sich die Vertreter der sunnitischen Parteien, die ihren schiitischen Konkurrenten zuvor zum Teil Wahlbetrug vorgeworfen hatten. Trotz der Betrugsvorwürfe werde seine Partei für eine Regierung der "nationalen Einheit" kämpfen und weiter "am politischen Prozess teilnehmen", "weil wir uns unserer nationalen Pflicht bewusst sind", sagte Adnan el Dulaimi von der Partei Konferenz für das Volk des Irak, die dem Sunniten-Bündnis Front der nationalen Eintracht angehörte. Die stärkste sunnitische Gruppierung kam bei der Wahl auf 44 Mandate und ist damit stärker vertreten als im Übergangsparlament, das vor einem Jahr gewählt wurde.

Die US-Regierung und UN-Generalsekretär Annan forderten die irakischen Parteien auf, nach dem Votum die alten religiösen und ethnischen Trennlinien zu überwinden. Das irakische Volk erwarte eine Regierung, die "alle Iraker vertritt, unabhängig von ihrer ethnischen oder religiösen Gruppe", sagte Außenamtsprecher Sean McCormack am Freitag.

Keine Neuigkeiten gab es im Fall der entführten US-Bürgerin Carroll. Ihre Geiselnehmer hatten mit ihrer Tötung gedroht, sollte die US-Armee nicht bis zum Freitag alle von ihr inhaftierten Irakerinnen freilassen. Ein Berater der US-Botschaft in Bagdad sagte dem US-Nachrichtensender CNN, bislang gebe es keinen Kontakt zu den Geiselnehmern. Carroll, die als freie Mitarbeiterin für die in Boston erscheinende Zeitung "The Christian Science Monitor" tätig war, wurde am 7. Januar in Bagdad verschleppt. Zu der Entführung bekannte sich eine islamistische Gruppe namens Brigaden der Rache.

Anschläge in Tikrit und Irak
In der Nähe der irakischen Stadt Tikrit sind indessen nach Polizeiangaben ein irakischer Offizier, sein Sohn und ein Soldat von Aufständischen erschossen worden. Der Wagen des Majors und seiner Begleiter sei in einen Hinterhalt geraten und beschossen worden. Bei dem Anschlag wurde ein vierter Insasse des Autos verletzt. Die Täter konnten entkommen.

Bei der Explosion der Autobombe auf einem belebten Markt in einem Vorort von Bagdad sind jüngsten Angaben zufolge vier Menschen getötet worden. Aus Krankenhauskreisen hieß es, außerdem seien fünf Marktbesucher in der Ortschaft Shaab verletzt worden. (apa/red)