Michael Haneke von

"Kunst ist Zumutung"

Kommt nach Gold in Cannes jetzt der Oscar? Das NEWS-Interview mit dem Regie-Giganten.

Michael Haneke - "Kunst ist Zumutung" © Bild: APa/EPA

Es gibt immer noch eine Steigerung, wenn man den Weg nur ruhig und konsequent angeht. So war der allseits vermutete Zenit noch nicht erreicht, als Michael Haneke 2009 für das Meisterwerk „Das weiße Band“ in Cannes die Goldene Palme empfing. Nun, im Jahr seines 70. Geburtstags, triumphierte der Österreicher abermals: Mit einem überwältigenden Statement zur Liebe und zum Sterben errang er die Trophäe wieder.

Schon spricht man vom Oscar für „Amour“, und die Weltpresse überschlägt sich mit Huldigungen an den großen Meister aus dem kleinen Österreich. „Variety“ nannte „Amour“ „eine Liebesgeschichte für die Ewigkeit“. Der „Guardian“ notierte: „Das ist Filmemachen auf dem höchsten Level von Intelligenz und Einsicht. Hanekes Meisterschaft und Überlegenheit hallen in Cannes wie ein ganzes Orchester wider.“ Mit Pauken und Trompeten. Die Botschaft hallt zwar laut und stetig, nur in der Hochkultur-affinen Heimat will sie immer noch nicht recht ankommen. „In meiner Premiere waren sowohl der deutsche Kulturminister als auch die französische Ministerin.

Nur die österreichische Ministerin war nicht da. Das finde ich doch etwas peinlich. Schade für den österreichischen Film“, kommentierte er vor Journalisten die Abwesenheit der zuständigen Ressortleiterin. Ministerielle Jubelbulletins nach der Auszeichnung vermochten nicht zu überzeugen. Von der Kulturpolitik hat sich der Weltmeister ohnehin längst abgewandt. Er konzentriert sich auf sein Schaffen.

Mit seinem bis dato persönlichsten Film glückte ein Meisterwerk von überwältigender Wahrhaftigkeit. „Amour“, für den großen Jean-Louis Trintignant geschrieben, erzählt die berührende Geschichte von Georges und Anne, die von Emmanuelle Riva grandios verkörpert wird. Die Ehegemeinschaft der pensionierten Musikpädagogen ist ein ruhiger Lebensfluss, bis Anne von einem Schlaganfall ereilt wird. Haneke stellt seine Stars (Isabelle Huppert spielt die Tochter!) in ein hochintensives Kammerspiel von Verzweiflung und Verfall des Alters. Im NEWS-Interview spricht Haneke über die Liebe, das Sterben und das Kino.

NEWS: Wie wichtig ist Ihnen die Auszeichnung noch, nachdem Sie die Palme schon 2009 für „Das weiße Band“ mitnahmen?
Michael Haneke: Schon wichtig, denn der Erfolg deines letzten Films bestimmt die Arbeitsbedingungen des nächsten. Daher muss man das Spiel mitspielen. Es wäre auch verlogen, zu sagen, Preise sind mir wurscht. Man arbeitet schon, damit die Leute diese Arbeit irgendwie anerkennen. Sonst konnte man ja zuhause bleiben und nichts tun. Aber man zittert nicht vor der Preisverleihung. Als jemand, der noch keinen Preis gewonnen hat, ware man wohl nervöser.

NEWS: Weshalb dieser Film zu diesem Zeitpunkt in Ihrem Leben?
Haneke: Weil ich, wie fast jeder heutzutage, natürlich auch in meiner Familie mit Leid konfrontiert war, dem ich hilflos zusehen musste. Das war eine sehr schmerzvolle Erfahrung, und das hat mich schließlich dazu gebracht, mich damit filmisch auseinanderzusetzen. Es gibt niemanden, der nicht von diesem Thema in seinem Leben betroffen ist. Alt wird jeder, der Verfall im Alter ist ein Thema, das wirklich jeden einmal betrifft. Und trotzdem verbannt die Gesellschaft alles, das mit „alt“ zu tun hat, aus dem Gesichtskreis, es findet alles hinter verschlossenen Turen statt, das ist schrecklich. Aber es ist, wie es ist, auch dieser Film wird das nicht ändern. Die Verhältnisse sind, wie sie sind, die Frage ist: Wie gehe ich als Individuum damit um?

NEWS: Wie wichtig war denn die Besetzung für das Gelingen des Films?
Haneke: Ich habe das Buch für Jean-Louis Trintignant geschrieben. Ohne ihn hatte ich den Film nicht gemacht. Genauso wie ich „Cache“ für Daniel Auteuil geschrieben hatte oder „Die Klavierspielerin“ für Isabelle Huppert. Das ist immer am besten, weil man dann speziell für die Vorteile des jeweiligen Schauspielers schreiben und diese besonders herausarbeiten kann. Für die Figur von Jean-Louis ist es ja ganz wichtig, dass er diese menschliche Wärme verstrahlt, und ich kenne kaum einen Schauspieler, der das in diesem Maße tut. Emmanuelle Riva kannte ich aus „Hiroshima mon amour“, das ist aber schon fünfzig Jahre her, ich hatte sie also ein wenig aus den Augen verloren. Sie kam zum regulären Casting, und es war dann sofort klar, dass die beiden perfekt zusammenpassen.

NEWS: Das Thema Sterbehilfe im Film irritierte amerikanische Kollegen – was sagen Sie dazu?
Haneke: Mein amerikanischer Verleiher hat mir gesagt, dass es dort zu Debatten fuhren konnte. Darüber freue ich mich natürlich sehr, denn wenn etwas zu Debatten fuhrt, heißt das, die Leute denken über etwas nach. Aber ich werde mich sicher nicht in diese Debatte einmischen.

NEWS: War es für Sie klar, dass der Film nur an einem Ort spielen würde?
Haneke: Das Thema ist ja sehr schwierig und anspruchsvoll, und es war eine Herausforderung, dem Thema auch formal zu entsprechen. Die Drama-Einheit von Ort, Zeit und Handlung schien mir eine gute Form, dem Thema nahezukommen. Eine künstlerische Herausforderung, denn es ist gar nicht so leicht, mit zwei Personen an einem Ort eine Geschichte zu erzählen, die nicht ermüdet.

NEWS: Die Hauptfiguren sind ehemalige Musiklehrer – welche Rolle spielt Musik in Ihren Filmen?
Haneke: Ich habe drei Lieblingskomponisten – Bach, Mozart und Schubert –, die kommen in meinen Filmen einfach immer wieder vor, das ist das musikalische Universum, in dem ich mich bewege. Schubert zum Beispiel ist ja eine wunderschone, sehr traurige Musik, und das dritte Impromptu passte dementsprechend hervorragend für diesen Film. Der Bach-Choral „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ ist natürlich schon eine Zitierung, die Georges im Film abbricht. Das war natürlich beabsichtigt und kein Zufall.

NEWS: Spielt Musik in dem Fall dieselbe Rolle wie Religion?
Haneke: Wenn Sie wollen …

NEWS: Ihre Filme werden gerne als kalt, trocken, klinisch beschrieben – sehen Sie selbst das auch so?
Haneke: Es ist leider Gottes eine allgemeine Eigenschaft, dass man alles klassifizieren muss. Die Journalisten haben aber natürlich auch die Aufgabe, die Dinge zu benennen, also bekommt jeder Regisseur, jeder Autor ein Etikett auf die Stirn, er sei jetzt der Spezialist für das oder das. Und wehe, er macht dann einmal etwas anderes, dann sind alle furchtbar enttäuscht, weil sie etwas anderes erwartet hatten. Das ist furchtbar, und ich hoffe, dass ich immer etwas anderes mache, als die Leute erwartet hatten, denn sie sollen ja überrascht sein.

NEWS: Ein anderer Stempel, den alle Ihre Filme tragen, ist der des „Zumutungskinos“.
Haneke: Dagegen habe ich gar nichts, weil ich glaube, dass Kunst eine Zumutung sein sollte. Kunst versucht, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen – und die Wirklichkeit ist ja eine Zumutung, das tägliche Leben ist auch eine Zumutung. Wenn Kunst den Namen verdient, muss sie eine Zumutung sein. Das heißt ja nicht, dass ich jemandem ununterbrochen auf die Zehen steigen soll, aber wenn ich etwas sagen will, dass jemand hören soll, aber bemerke, dass niemand zuhört, muss ich eben Mittel finden, dass die Leute zuhören.

NEWS: In keinem Ihrer Filme sind die Figuren religiös. Gibt es dafür eigentlich einen Grund?
Haneke: Das stimmt, und dennoch gibt es inzwischen Dutzende Bücher theologischer Fakultäten über mich. Ich glaube schon, dass meine Filme immer auch eine über den puren Realismus hinausgehende Dimension ansprechen. Ob Georges im Film religiös ist oder nicht, weiß ich vielleicht gar nicht genau, denn ich war ja nicht immer dabei, wenn er alleine war, ich begleitete ihn ja nur in den Szenen, die im Film zu sehen sind. Der Bach-Choral ist zudem bestimmt interpretierbar als ein Gebet, eines, dass er abbricht.

NEWS: Was bedeutet Liebe für Sie?
Haneke: Das bleibt mein Geheimnis. Es ist ein Unsinn, solche Dinge definieren zu wollen, da kann man nur scheitern. Mein Philosophie-Professor hat immer gesagt: „Wenn du jemanden verbal ruinieren willst, lass ihn definieren, schon ist er mundtot.“ Alle großen Themen lassen sich leider nicht definieren.

NEWS: Weshalb ist das Bürgertum Ihr typisches Setting?
Haneke: Weil ich selbst da herkomme und dieses Milieu am besten kenne; man soll ja über das schreiben, das man am besten kennt. In diesem Film war es auch eine sehr bewusste Entscheidung, denn ich wollte auf keinen Fall ein Sozialdrama machen. Spielte der Film in einer Familie mit wenig Geld, wurden manche vielleicht sagen: „Hatten die mehr Geld, wäre das Problem nicht so groß.“ Es ist aber egal, ob sie stinkreich sind oder mausarm, das Problem bleibt das gleiche und gleich groß. Diese Pseudo Erklärungen wollte ich sofort eliminieren.

NEWS: Auch unwichtig scheint zu sein, wie hochgebildet die Figuren sind.
Haneke: Natürlich, denn es nutzt ja die höchste Intelligenz und Bildung nichts angesichts bestimmter grundsätzlicher Problematiken. Deswegen versuche ich die Figuren in den meisten meiner Filme auf einem möglichst hohen sozialen Level anzusetzen, weil damit alle offensichtlichen Erklärungen, die man finden konnte, dann wegfallen.

NEWS: Gehen Sie selbst gern ins Kino?
Haneke: Wenn ich dafür Zeit hatte, schon. Als ich junger war, habe ich mir drei Filme pro Tag angesehen. Heute schaue ich zuhause viel an, ich gehe nicht gern ins Kino, weil es mich stört, wenn die Leute während des Films Essgeräusche machen oder telefonieren, ich bin gerne konzentriert, wenn ich mir einen Film ansehe. Erst unlängst habe ich mir „Dogtooth“ angesehen, ein grandioser Film.

NEWS: Weshalb heißen die Hauptfiguren Ihrer Filme immer wieder Georges und Anne?
Haneke: Weil ich keine Fantasie habe.

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