Meinung von

Wir brauchen mehr Europa

Gastkommentar von Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender Siemens AG

Meinung - Wir brauchen mehr Europa © Bild: Siemens AG

Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger! Keine Frage, derzeit steht Krisenbewältigung in Europa an erster Stelle. Die anhaltende Finanzkrise und ihre Folgen führen zu weitreichenden Konsequenzen, offenbaren Schieflagen in den öffentlichen Haushalten und Webfehler der europäischen Institutionen-Architektur. Aber eine Krise ist immer auch eine Chance.

Das gilt auch in der Krise Europas: Denn zum einen gilt es, die wirtschaftlichen und finanziellen Fundamente im Euroraum zu stärken, und zum anderen, sich auf den Ausgangspunkt der Europäischen Union, nämlich die politische Idee und die Wertegemeinschaft, zu besinnen. Dann kann es gelingen, Europas Legitimation zu erneuern und neue Perspektiven für das Europa der Zukunft zu entwickeln.

Europa braucht mit seiner Forschung und Entwicklung, seiner Infrastruktur, dem offenen Binnenmarkt und auch seiner Finanzkraft den Vergleich mit anderen Wirtschaftszonen wie den USA oder Japan nicht zu scheuen. Die wirtschaftliche Verfassung einiger Mitgliedsstaaten des Euroraums hat allerdings eine tiefe Krise ausgelöst, die nur durch strikte Konsolidierung und parallele Stärkung der wirtschaftlichen Fundamente überwunden werden kann. Das klare Bekenntnis zum gemeinschaftlichen Vorgehen gegen die Krise, wie es im Fiskalpakt und im ESM zum Ausdruck gebracht wird, zeigt, dass Europa seine Kräfte strategisch bündelt.

Während mit großer Energie um eine stabile Finanzarchitektur gerungen wird, erscheint ein weiteres Thema genauso bedeutsam für die Zukunft Europas: die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit insbesondere in Südeuropa. Wie sollen junge Menschen zuversichtlich in die Zukunft schauen und Vertrauen in Europa entwickeln? Europa wird sich nur bewähren, wenn wir den Missstand der Jugendarbeitslosigkeit überwinden und jungen Menschen die Gewissheit geben, dass die europäische Idee ihnen ganz konkret zu einer chancenreichen Zukunft verhilft.

Gerade Österreich ist hier mit seiner erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik und der geringsten Arbeitslosenquote in Europa ein Vorbild. Die duale Berufsausbildung, wie sie in Österreich, Deutschland oder Dänemark praktiziert wird, kann zum Leitbild für eine europäische Berufsausbildungs-Initiative werden. Daneben müssen in vielen Ländern zu starre Regulierungen am Arbeitsmarkt und im Arbeitsrecht, die jungen Menschen den Weg zu einer Beschäftigung versperren, reformiert werden. Wenn von Wachstumschancen gesprochen wird, so bietet sich die Modernisierung der Infrastruktur mit dem Fokus auf Energie- und Ressourceneffizienz an. Österreich hat vor langer Zeit beschlossen, den Weg in die Nukleartechnologie nicht zu beschreiten. Siemens hat sich entschieden, das Kapitel Kernenergie zu schließen. Die deutsche Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt, das neben Risiken vor allem große Chancen bietet – für Deutschland und Europa. In den erneuerbaren Energien liegt die Zukunft. Von den 27 EU-Mitgliedsstaaten hat jeder seine Standortvorteile, aber nicht alle dieselben. Wasserkraft, Sonne und Wind sind nicht gleichverteilt über Europa. Aber in Summe eröffnen sich viele Möglichkeiten. Damit die zur Entfaltung kommen, muss jedes Land über eigene Energiekonzepte hinaus auch offen sein für die Integration im Verbund.

All das zeigt: Es geht um mehr Europa und nicht um weniger! Ohne den Euro und Europa würden Länder wie Österreich und Deutschland erheblich an Wettbewerbskra verlieren. Europa hat in der globalisierten Welt dann eine gute Chance, wenn es gelingt, die ungeheuren Kräfte und Erfahrungen dieses Kontinents zu bündeln und gezielt einzusetzen. Wir stehen am Scheideweg – als Österreicher und als Europäer. Für mich als Bürger und für Siemens als Unternehmen ist glasklar: Wir wollen mehr Europa, und wir brauchen mehr Europa!

Peter Löscher wurde 1957 in Villach geboren. Seine Managementkarriere führte ihn von Hoechst zu Aventis Pharma (CEO Japan) und General Electric bis zu Merck & Co. 2007 wurde er CEO von Siemens und verantwortet aktuell 360.000 Jobs weltweit.