Medaillenhoffnungen vom Winde verweht: ÖSV-Skispringer haderten mit Bedingungen

Morgenstern: "Habe gespürt, wie Wind runterzieht" Innauer: "Unerträglich, da verstehst die Welt nimmer"

Der Blick auf die Ergebnisliste des ersten olympischen Skisprung-Bewerbs in Pragelato, der Konkurrenz von der Normalschanze am Sonntagabend, ist aus rot-weiß-roter Sicht ernüchternd: Thomas Morgenstern, der mit Gold-Chancen in den zweiten Durchgang gegangen war, landete als bester Österreicher nur auf Platz 9. Der Sieg ging an den Norweger Lars Bystöl, den man auf der Medaillenrechnung nicht gerade ganz oben stehen hatte. Sportdirektor Toni Innauer versuchte in der Analyse das Resultat ins rechte Licht zu rücken. Und auch wenn es für viele nach Ausrede klingen mag, hat er Recht: Die Windbedingungen sind einfach im Finish des zweiten Durchgangs immer schlechter geworden.

"Wir akzeptieren das auch als Teil des Spiels, aber bevor man unsere Arbeit, die Arbeit der Trainer, und die Leistung der Athleten ungerechtfertigterweise schlecht macht, dann ist es normal, dass man drauf hinweist, dass man unter anderen Bedingungen hat antreten müssen."

Grundsätzlich werden die wechselnden Windverhältnisse nicht gerne erwähnt, denn es gehört zum Sport einfach dazu. "Du kannst eben gegen die Physik nicht ankämpfen. Wir haben oben die Anzeige und sehen genau, der eine hat oben 1,7 m, der andere 0,7 m Rückenwind, und dann springst halt 4 oder 5 m weiter." Und diesmal habe es eben die vier Führenden des 1. Durchgangs erwischt. "Dass da keiner mehr eine Chance hat, vorzukommen, das gibt's im ganzen Jahr zwei Mal vielleicht, am Bergisel und so wie gestern", so Innauer.

Dass in beiden Bewerben Lars Bystöl der Sieger war, ist eine Ironie des Schicksals. Von vorneherein hatten "nur" Morgenstern und Kofler zu den ÖSV-Medaillenkandidaten auf der kleinen Schanze gezählt. Für Kofler, dass gab Innauer zu, war Olympia noch eine Nummer zu groß. "Er hat noch Lehrgeld bezahlt." Ihm fehle noch der Killer-Instinkt.

"Ich weiß genau, dass der Kofler und der Morgi genauso gut Skispringen können wie die Medaillengewinner. Das weiß ich 100-prozentig. Und wenn der Wettkampf morgen stattfindet, würden wahrscheinlich drei andere oben stehen", bekräftigt Innauer seinen Eindruck. Das Springen sei eine Momentaufnahme gewesen.

Auch Morgenstern, der nach dem ersten Durchgang noch vom "geilen Gefühl" gesprochen hatte und nur einen halben Zähler hinter dem Führenden Dimitrij Wassilijew gelegen war, war danach ziemlich niedergeschlagen. "Mit den Nerven hatte ich überhaupt keine Probleme, aber dann musste ich am Balken warten und habe gespürt wie der Wind runterzieht. Schade, aber vielleicht klappt es auf der Großen."

Hauptaufgabe von Innauer, Cheftrainer Alexander Pointner und Co. ist es nun, den Frust der Springer zu beseitigen. "Es ist schmerzhaft und nahezu unerträglich, wenn ein Morgenstern als Debütant bei Olympischen Spielen auf Goldmedaillenkurs liegt und dann so über die Klinge springen muss. Da verstehst die Welt nimmer und da darfst auch verzweifelt sein", äußert der Olympiasieger volles Verständnis. "Mein Zimmerkollege, der Ernst (Vettori-Anm.) und ich, können heute noch saumäßig dankbar sein als Titelträger. Wenn du so etwas erlebt hast, musst heute noch das Kreuz machen, dass es damals geglückt ist", sprach er die Olympiasiege Vettoris 1992 und seinen eigenen 1980 an.

Innauer erinnert u.a. an die WM 2005 in Oberstdorf, als es nach Einzelschlappen noch zu zwei Team-WM-Titeln gekommen ist. Zum Abschluss findet Innauer auch stärkere Worte: "Es ist halt jeder Skisprungbewerb einfach zum Kotzen, wenn der Wind die Entscheidung bringt, und nicht die Leistung der Sportler."

(apa/red)