Massenpanik im Stadion: 74 Menschen zu Tode getrampelt, fast 400 weitere verletzt

Kritik an den Behörden wächst nach der Tragödie Vor allem ältere Frauen wurden zu Tode getrampelt<br>PLUS: BILDER der entsetzlichen Tragödie in Manila

Nach der Massenpanik vor einem Stadion in der philippinischen Hauptstadt Manila mit mindestens 74 Toten mehren sich Hinweise auf Fehler von Behörden und Sicherheitsdiensten. Rund 30.000 Menschen hätten auf Einlass zu einer beliebten Fernseh-Spielshow gewartet und damit viel mehr, als das Stadion habe fassen können, sagte der Staatssekretär im Innenministerium, Marius Corpus. Dafür habe es keinen Notfallplan gegeben. Am Vortag hatte die Menge plötzlich panikartig Richtung Eingang gedrängt. Knapp 400 Menschen wurden verletzt. Die Tragödie traf vor allem arme Philippiner, die auf Geld- und Sachpreise der Show gehofft hatten.

Nach den Worten des Staatssekretärs hatten Polizei und Stadtverwaltung überdies nicht an Koordinierungstreffen mit den Stadionbetreibern und den Verantwortlichen der Show des Fernsehsenders ABS-CBN teilgenommen. Eine Sonderkommission der Regierung nahm Ermittlungen zur genauen Ursache des Unglücks auf. Die Untersuchungen sollen auf Weisung von Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo bereits binnen 72 Stunden abgeschlossen sein.

Über den Auslöser der Tragödie gab es zunächst unterschiedliche Vermutungen. Einmal hieß es, jemand habe laut vor einer Bombe gewarnt, woraufhin es zu der Massenpanik gekommen sei. Nach anderen Angaben hatten Wartende überstürzt versucht, in das Stadion zu gelangen, als Sicherheitskräfte ein Eingangstor wieder schlossen, nachdem es kurzzeitig zum Einlass geöffnet worden war. "Die Leute trampelten aufeinander, andere fiele auf jene, die schon am Boden lagen, es war das totale Chaos", sagte ein Polizeisprecher.

Zahlreiche Überlebende standen unter Schock. "Wir hatten uns so sehr gefreut, hier dabei zu sein", sagte eine Frau, die bei der Massenpanik zwei ihrer Begleiterinnen verlor, unter Tränen. Viele der Leichen wurden zunächst nur notdürftig abgedeckt. Am Ort des Unglücks lagen in der Panik zurückgelassene Taschen, Kleidungsstücke und Schuhe wie stumme Zeugen weit verstreut umher.

Der Traum vom schnellen Spielshow-Glück ist vor allem für weniger begüterte Philippiner zur Tragödie geworden. Sie hatten auf einen der wertvollen Geld- oder Sachpreise gehofft. Bei der Sendung "Wowowee!" gibt es unter anderem umgerechnet 16.000 Euro, ein Haus oder Autos zu gewinnen. Viele der Opfer sind nach den Worten von Pasigs Bürgermeister Vicente Eusebio ältere Frauen, von denen einige aus hunderten Kilometern entfernten Provinzen angereist waren.

"Sie glaubte, dies ist die Chance, unser Leben etwas besser zu machen", sagte ein 20-Jähriger schluchzend, als er neben dem Leichnam seiner Mutter sitzt. "Sie hat wirklich geglaubt, einen der Preise gewinnen zu können, und jetzt geschieht uns das." Der Wunsch nach ein wenig Glück im Leben brachte auch einen 45-Jährigen zum Stadion von Pasig. Ihn machte die Massenpanik zum Witwer. "Wir wollten nur ein bisschen Geld gewinnen, weil wir beide arbeitslos sind", erzählte er. "Jetzt habe ich meine Frau verloren. Wir sind zuerst beide gestolpert. Ich konnte mich wieder aufrappeln und mich in Sicherheit bringen. Aber meine Frau hat es einfach nicht geschafft."

Mehr als jeder Dritte der schätzungsweise 85 Millionen Philippiner muss am Tag mit weniger als zwei US-Dollar auskommen. "Die Leute haben auf Mahlzeiten verzichtet und Schlaf geopfert, nur um eine Chance auf einen Gewinn zu haben", sagte der Politologe Ben Lim. "Unser Volk ist in Armut versunken und verzweifelt."

Der Fernsehsender ABS-CBN sagte nach dem Unglück die populäre TV-Show zunächst ab. Sie soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. "Wir sind entsetzt über dieser Tragödie", sagte ein Sprecher des größten Senders auf den Philippinen. "Einfach mit der Show fortzufahren, wäre sehr gefühllos gewesen." Auch Moderator Willie Revillame zeigte sich tief bestürzt: "Wir wollten die Menschen glücklich machen und nicht, dass so etwas passiert." (apa)