Leises Mallorca von

Klasse statt Masse

Ruhige Ecken, traumhafte Hotels: Wo die größte Baleareninsel am allerschönsten ist!

  • Bild 1 von 5 © Bild: Getty Images

    Einsame Buchten, die gibt es in Mallorca sogar in der Hochsaison, z. B. bei Cap de Ses Salines oder Caló des Moro. Wer ein Boot oder eine Yacht chartert, hat die besten Karten.

Der etwas andere Reiseführer: Wo die größte Baleareninsel auf Klasse statt Masse setzt. NEWS-Redakteur Axel Meister über die schönsten Ecken Mallorcas, ganz abseits von Ballermann und Party-Wahnsinn.

Die Burschen haben einen ordentlichen Zug drauf, und ihre Manieren sind verfeinerungsfähig. Der Niki-Jet hat sich eben erst den Weg durch die Wolken Richtung Mallorca gebahnt, da ist der Bacardi auch schon alle. Sehr zum Missfallen der mittels T-Shirt als Ballermann-Eroberer ausgewiesenen Reisegruppe aus Wels, welche die Rum-Ebbe in der Bordbar auch entsprechend lautstark bekrittelt. Und auf das Nationalgetränk von der Platja de Palma umsteigt: Bier. Unsere Pläne, das andere Mallorca zu finden, wo nicht Tausende Touristen lautstark bei Sangria und Schlagermusik abfeiern, scheinen sich in knapp 12.000 Meter Flughöhe arg zu relativieren.

Hinterm Berg wird’s ruhiger
Gut zwei Stunden später hat uns der megabetriebsame Flughafen Son Sant Joan in Palma ausgespuckt, und wir gönnen uns und unserem Seat Alhambra auf dem Col de Sóller (einem der wenigen echten Pässe Mallorcas, 496 m hoch) in majestätischer Stille eine kleine Verschnaufpause. Die Überquerung (eines Teils) des Tramuntana-Gebirges ist die verwegenste Art, sich Sóller, dem Juwel an der Westküste, zu nähern. Die etwas kostspieligere (Tarife schon wieder erhöht!) ist die Passage durch den Tunnel. Und die schönste ist die Anreise per Bahn. Richtig gelesen! Der auf Schmalspurschienen laufende nostalgische „Rote Blitz“ (der in Wahrheit braun ist) benötigt 50 Minuten, um Mallorquiner wie Touristen am Bahnhof von Sóller abzuliefern. Der wurde um die Jahrhundertwende gebaut und vermittelt mit wahrhaftig originalen Kunstwerken von Picasso und Miró einen Hauch von Ewigkeit. Das vermögen übrigens auch die vielen Jugendstilbauten (dabei geht es in der 14.000-Seelen-Gemeinde äußerst beschaulich zu) um den Plaça de la Constitución. Wer stilecht wohnen will, steigt am besten im La Vila Hotel ab, das dem Modernisme bis in den letzten Winkel der nur acht Zimmer huldigt. Kleiner Tipp: unbedingt eines der Zimmer nach hinten buchen!

Sóller, mon amour
Orangen und (Europas bestes) Olivenöl begründeten einstmals den Reichtum Sóllers. Bei „Ca’n Det“ kann man noch heute beobachten, wie das flüssige Gold nach alter Tradition gepresst wird. Ebenso museal geht es ein paar Straßen weiter bei „La Luna“ zu – in der Sobrassada-Manufaktur (mit angeschlossenem Museum) wird seit 1900 nach identem Rezept die traditionelle Wurst, eine nicht geräucherte Met mit viel Paprika, hergestellt. Auch Lokalmatador Benet Vicens achtet sowohl in seinem Gourmetgeschäft wie in seinem Restaurant „Béns d’Avall“ auf kulinarische Traditionen. Sein „Balkon mit Blick auf das Mittelmeer“, auf der Straße nach Deià zu finden, huldigt der Haute Cuisine à la Sóller. Sein Credo: „Ein Koch muss die Geschichte seiner Region erzählen.“

Eine Spur schwerer ziehen wir weiter ins 5 Kilometer entfernte maritime Port de Sóller. Der Transfer läuft diesmal auf Schienen – mit der alten elektrischen Tramway, die die drei Kilometer lange Strecke gar nicht so gemächlich angeht. Gleich steht eine Bootsfahrt in die Paradiesbucht Sa Calobra (türkisblaues Wasser) auf dem Programm. Diese Attraktion Mallorcas, kein Geheimtipp, ist auch auf dem Landweg über die waghalsigste Serpentinenstrecke Europas (Höhepunkt: der Krawattenknoten) zu erreichen. Der Sturzbach Torrent de Pareis ist auch in der Hauptsaison ein Ort der Ruhe – wenn man gewillt ist, ein paar Meter durch die Schlucht zu klettern. Nach der Rückkehr nach Port de Sóller geht es ins Museo Maritimo, das die Geschichte des einst (durch das Gebirge) vom Rest der Insel isolierten Städtchens erzählt. Eine der Ausstellungen beschäftigt sich mit der Erweiterung der mallorquinischen Sprache. Der katalanische Dialekt wurde von zurückgekehrten Auswanderern um viele französische Wörter bereichert.

Fisch mit Aussicht
Die Strandpromenade am Hafen, seit kurzem autofrei, bietet ein gerüttelt Maß an Lifestyle. Tagsüber hängt man am besten in der Bar Albatros bei einem San Miguel ab. Abends bewältigt man wieder eine Serpentinenstraße, die allerdings abenteuerlicher aussieht, als sie ist. Endlich landet man im Es Faro, einem Restaurant mit atemberaubendem Ausblick über die ganze Bucht. Auf der langen Terrasse serviert Patron Juan Oliver Spezialitäten von der Insel. Highlight: rote Gambas, direkt von der Steilküste, die dem Besucher quasi zu Füßen liegt. Der Blick schweift über die Bucht und landet auf der Vis-àvis-Seite, wo ein gigantischer Hotelkomplex mit 120 Zimmern und Suiten in den Fels gemeißelt wurde. Die in diesen Tagen eröffnete arabische Luxusherberge wird der Idylle Port de Sóllers wohl nicht den Todesstoß versetzen, die Aura aber doch beeinträchtigen. Dabei gibt es an der örtlichen Hotellerie – etwa dem Los Geranios oder dem Espléndido – ohnedies kaum was zu bemäkeln.

Wein und Stiefel
Fast sieben Millionen Touristen besuchen jährlich die größte Baleareninsel – nach Alaró verschlägt es aber mit Sicherheit nur die ruhebedürftigsten. Das kleine Städtchen im Inselinneren lädt mit hübschem Zentrum, idyllischem Hauptplatz, Cafés und Unterkünften zum Chillen ein. Man shoppt in Tony Moras Stiefel-Dorado. Man isst im Es Verger – urig, rauchig, mallorquinisch. Spezialität des recht schwer zu
entdeckenden Hauses ist die Lammschulter, die drei Stunden im Ofen gebrutzelt wurde. Und man steigt im Petit Hotel ab. Oder, noch besser, im S’Olivaret, einem piekfein restaurierten Gutshaus aus dem 16. Jahrhundert, das elegant dem mallorquinischen Landhausstil huldigt. Wo früher Küche und Ställe waren, ist heute das Restaurant. Die Ölmühle wurde zur Bar umgebaut.

Trotzdem Lust auf Aktivitäten? Ein Besuch der Bodega Vinyes d’Alaró ist die beschwerliche Anreise – halb Alaró ist Fußgängerzone, der Rest besteht aus megaengen Gassen – allemal wert. Vor zehn Jahren beschloss der Architekt Lorenzo Colom, Wein anzubauen. Gesagt, getan. Eine Gerberei wurde zum Weinkeller (mit temperaturgesteuerter
Vergärung!) umgebaut, und heute produziert der Selfmade-Winzer einen hinreißenden Chardonnay, der nach Mango und Limette duftet. Und keltert schon die nächste Rebsorte – Malvasia.

Im Osten nicht viel los
In entspannter Autofahrt durchmessen wir die Insel Richtung Osten, statten dem attraktiven Landstädtchen Artà und dessen Wochenmarkt (mit nicht unbedingt bodenständigem Kunsthandwerk) eine Visite ab und landen in Capdepera. Ein Nest im besten Wortsinn, aber das allein wäre die Anreise vielleicht doch nicht wert gewesen. Unser Ziel ist auch das Castell de Capdepera – hier oben auf der besterhaltenen Festung Mallorcas weht neben einer frischen Brise auch der Hauch der zweitausendjährigen Geschichte. Nicht ganz so alt sind die Cases de Son Barbassa, einst ein wehrhaft befestigtes Landgut, heute eines der schönsten Finca-Hotels der Insel. Außen beeindrucken Bruchsteinfassaden, innen fasziniert minimalistisch modernes Design:
polierter Zementboden, weiß gekalkte Wände, wenig Einrichtung. Und die Pool-Möblage ist nicht aus Rattan, sondern von Philippe Starck. Fast könnte man meinen, das laute Mallorca sei bloß eine Erfindung der „Bild“-Zeitung. Übrigens: Der Heimflug verlief ruhig.

Die ruhigsten Orte, die schönsten Hotels und die besten Freizeit-Tipps finden Sie in NEWS 18/12.

NEWS Magazin