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Die Heuchelei der Wagner-Erben

Heinz Sichrovsky über einen „Holländer“ mit Hakenkreuz-Tattoo

Kultur - Die Heuchelei der Wagner-Erben © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Der russische Bassbariton Evgeny Nikitin war als Sechzehnjähriger bei einer Metal-Band neonazistischer Ausrichtung beschäftigt und ließ sich bei dieser Gelegenheit ein Hakenkreuz tätowieren. Das war vor 23 Jahren. Nikitin ließ das Schandmal überdecken, es gibt keine Hinweise, dass in seinem Denken Rückstände des Unrats verblieben wären. Ein altes Video förderte nun die Tätowierung zutage, und Nikitin musste den „Fliegenden Holländer" in Bayreuth zurücklegen.

Mit Recht spricht da der Münchner Opernintendant Bachler von Heuchelei: Besser, die in Bayreuth regierenden Wagner-Urenkelinnen räumten in der eigenen Familiengeschichte auf. Noch nie haben sich die Festspiele offiziell von Richards Schwiegertochter Winifred, einem Nazi-Scheusal, distanziert. Deren Sohn Wieland war nicht 16, sondern 26, als er dem „Führer“ auf dem Schoß saß. Während Nikitin nach 23 Jahren durch Existenzvernichtung büßt, wurde Wieland Minuten nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reichs blitzgeläutert und einer der kühnsten Erneuerer der Opernästhetik. Hätte man ihm damals Berufsverbot erteilt, wäre der Schaden unermesslich.
Und jetzt kann die Diskussion beginnen.