Kritik an Seipel nach Saliera-Klau: Museum
"gesichert wie Würstelstand auf Donauinsel"

SPÖ & Grüne fordern Rücktritt von Seipel und Gehrer<br>Ankläger gehen von einer lange geplanten Tat aus<br>"Tätige Reue in seinem Fall ausgemachter Blödsinn" Kostbare "Saliera" ist ab 31. Jänner wieder zu sehen

Kritik an Seipel nach Saliera-Klau: Museum
"gesichert wie Würstelstand auf Donauinsel"

Heftige Kritik am Direktor des Kunsthistorischen Museums (KHM), Wilfried Seipel, und an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) hagelt es, nachdem die "Saliera" wieder zurück ist. SP-Bundesgeschäftsführer Darabos forderte die beiden zum Rücktritt auf. Der Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, sagte, das KHM sei gesichert wie "ein Würstelstand auf der Donauinsel". Im Unterschied zu den Ermittlern ist die Anklage davon überzeugt, dass der mutmaßliche Kunstdieb Robert M. (50) durchaus seine Tat geplant hatte. Der Täter selbst zeigte sich nach der Festnahme erleichtert: "Ich bin froh, dass es vorbei ist", zitiert ihn eine österreichische Tageszeitung.

Nach Abschluss der polizeilichen Einvernahmen ist der mutmaßliche "Saliera"-Dieb Robert Mang ins Wiener Landesgerichtliche Gefangenenhaus überstellt worden. Die Staatsanwaltschaft brachte ihre Anträge auf Einleitung der gerichtlichen Voruntersuchung wegen schweren Einbruchsdiebstahls und versuchter schwerer Erpressung ein, über den mutmaßlichen Täter dürfte die U-Haft verhängt werden.

Im Unterschied zu den ermittelnden Beamten, die den Verdächtigen als "keinen klassischen Einbrecher" beschrieben und betont hatten, dieser wäre zum Tatzeitpunkt "nicht ganz nüchtern" gewesen, ist man bei der Anklagebehörde überzeugt, dass Robert M. den spektakulären Coup nicht von heute auf morgen durchgezogen hat. "Der Entschluss kann spontan gewesen sein. Aber ein Tatplan muss seit längerem existiert haben", meinte Pressesprecher Ernst Kloyber im Gespräch mit der APA.

Der Verdächtige sei in manchem "sehr professionell" vorgegangen: "Er hat 20 Prozent vom Werts des Kunstwerks als Lösegeld verlangt. Hehler fordern erfahrungsgemäß genau diesen Prozentsatz, wenn sie Geschäfte mit Diebesgut machen."

Der Sprecher wies Spekulationen zurück, wonach Mang tätige Reue bzw. fehlende Bereicherungsabsicht geltend machen könnte: "Tätige Reue ist gerade in diesem Fall ein ausgemachter Blödsinn. Er hätte fast 1.000 Tage Zeit gehabt, die 'Saliera' zurück zu geben. Er hätte sie nur in eine Schachtel geben, hinter ein Gebüsch legen und die Polizei anrufen müssen."

Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen im KHM
Die Freude, dass die "Saliera" wieder da ist, war allseits groß, doch die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen bleibt: Denn den Einvernahmen des Verdächtigen zufolge waren nur ein bisschen angetrunkener Mut, ein Brecheisen und ein Stanleymesser notwendig, um die Tat zu begehen. Für die breite Öffentlichkeit ist die "Saliera" ab 31. Jänner wieder im KHM zu sehen.

Millionen-Coup eines Familienvaters
Mutmaßlicher Dieb der "Saliera" ist der 50-jährige Wiener Robert M., Alarmanlagen-Errichter und Vater zweier Kinder. Nach der Publikation von Fahndungsfotos, auf denen er zu sehen war, hatte er sich am Freitag bei der Exekutive gemeldet, um den Sachverhalt aufzuklären. Zunächst war er sicher, dass ihm nichts nachzuweisen sei. Doch er hatte vergessen, dass er in seiner Wohnung in Wien-Neubau schwer belastendes Material versteckt hatte. Nachdem die Exekutive diese Beweisstücke gefunden hatte, legte er Samstagmittag in Anwesenheit seines Anwalts ein Geständnis ab und führte die Exekutive in einen Wald in der Nähe von Brand bei Waldhausen im Bezirk Zwettl, wo er die Skulptur in einer Kiste vergraben hatte.

In der Zeitung "Heute" meint der Täter, nach der Festnahme erleichtert zu sein. "Heute hab ich zum ersten Mal wieder gut geschlafen", so der "Saliera"-Dieb.

Donald Duck bewachte Wohnung des Täters
So spektakulär die Umstände rund um den Raub der Saliera auch waren, am Montag nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters erregten das Geschäft und das Wohnhaus des 50-Jährigen keinerlei Aufsehen. Das Haus in der Westbahnstraße zeigte keinen Hinweis darauf, dass hier die Saliera eineinhalb Jahre untergebracht war. Nur bei der Sicherheit war der Verdächtige kein Risiko eingegangen: Selbst nach seiner Festnahme blinkte das Warnlicht der Alarmanlage über einem Aufkleber von Donald Duck auf seiner Wohnungstür.

Von den wenigen Bewohnern wollte sich vorerst niemand dazu äußern, dass sie über ein Jahr lang mit dem meistgesuchten Kunstwerk Österreichs quasi unter einem Dach gelebt haben. Nur die Arbeiter, die mit Wasserhähnen in den Gängen des Hauses beschäftigt waren, konnten ihrem Einsatz in der unfreiwilligen Kunsthalle etwas Humoristisches abgewinnen. "Ist doch super", meinte einer trotz der eisigen Temperaturen.

Robert M. konnte Schwachstellen im KHM erkennen
Robert M. - laut dem Leiter der Wiener Kriminalpolizeilichen Abteilung, Ernst Geiger, "kein klassischer Einbrecher" - gab bei seinen Einvernahmen an, dass er eine Wochen vor dem Diebstahl bei einer Führung mit einer italienischen Reisegruppe die "Saliera" erstmals gesehen hatte. Dank seiner Profession wusste er die Schwachstellen im KHM sehr schnell einzuschätzen. So bemerkte er das Baugerüst und sah, dass die Fenster des Museums nicht alarmgesichert waren.

In Tatnacht alkoholisiert: "Jetzt steige ich ein"
In der Tatnacht selbst - zuvor war das Museum einer der Spielorte der Langen Nacht der Musik gewesen - war Robert M. eigenen Angaben zufolge alkoholisiert. Major Josef Kerbl von der Wiener Kriminaldirektion 1 sagte, er habe in diesem Zustand beschlossen: "Jetzt steige ich ein." Er habe aber nicht gewusst, was er danach mit dem Kunstwerk, dessen Wert er erst aus Medienberichten erfahren habe, machen solle. "Letztendlich war es für ihn neben der finanziellen Möglichkeit auch ein Abenteuer."

Der 50-Jährige kletterte am Baugerüst hinauf, hebelte mit einem Brecheisen das Fenster auf und sah die Jalousie dahinter. Er ging in aller Ruhe zu seinem Auto zurück und holte das Stanleymesser, mit dem er die Jalousie aufschnitt. Dabei ging die Fensterscheibe zu Bruch. Mit dem Brecheisen zerschlug er die Vitrine der "Saliera", nahm die Skulptur und verpackte sie in einem Sack im Wagen. Schließlich deponierte er das Salzfass in einem Koffer unter seinem Bett in der Wohnung in der Westbahnstraße in Wien-Neubau, wo es eineinhalb Jahre blieb.

Mutmaßlicher Täter hofft auf mildes Urteil
Nachdem ihm die Beamten das belastende Material vorgehalten hatten, wurde Robert M. sich offenbar bewusst, in welcher Situation er sich befindet. Bei einem Strafrahmen von zehn Jahren wusste er, dass es im Falle einer Herausgabe der "Saliera" ein relativ mildes Urteil geben werde. So führte er die Ermittler zu dem Kunstwerk. "Dort, wo das vergraben war, hätten wir das ohne seine Hilfe nicht finden können", betonte Kerbl.

Salzfass durch falsche Lagerung leicht beschädigt
Die Bergung der "Saliera" verlief unter schwierigen Umständen. Die Skulptur ist im Zuge der Lagerung nach dem Diebstahl offenbar auch leicht beschädigt worden, wie eine Sprecherin des KHM der APA sagte. Sie sei seitlich in der Kiste gelegen und nicht am Sockel gestanden, wodurch Email abgesplittert sei, sagte Irina Kubadinow.

Gehrer und Seipel weisen Sicherheitsmängel im KHM zurück
Dass Sicherheitsmängel den Diebstahl der "Saliera" erst möglich gemacht hätten, wies Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) zurück. "Experten haben uns gesagt, dass die Museen nach internationalen Standards gut ausgerüstet sind." Wenn man nun die Tat auf die Alkoholisierung des Täters reduziere, "lässt man außer Acht, dass er ein Experte war. Die Tat ist von einem hochspezialisiertem Experten begangen worden", so die Ministerin.

Seipel verwehrte sich ebenfalls gegen die Darstellung des spektakulärsten Kunstdiebstahls Österreichs als "b'soffene G'schicht". Der nun festgenommene Dieb "scheint das sehr wohl genau geplant zu haben". Es sei aber richtig, "dass es keine Außenhautsicherung gegeben hat", sagte der Museumsdirektor. Das KHM habe sich vor dem Diebstahl bei der Burghauptmannschaft um eine solche bemüht. "Die Burghauptmannschaft hat das abgelehnt".

Für Darabos sind Seipel und Gehrer rücktrittsreif
Für SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos sind auch nach dem Fund der "Saliera" Museumsdirektor Wilfried Seipel und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) rücktrittsreif. Anstatt sich nun öffentlich feiern zu lassen, sollten beide lieber die Konsequenzen aus ihrer Mitverantwortung für den Kunstraub ziehen, verlangte Darabos bei einer Pressekonferenz am Montag. Die Aussagen des mutmaßlichen Diebes würden die Kritikpunkte der SPÖ an den Sicherheitsvorkehrungen "mehr als bestätigen". Die betroffene Ministerin bezeichnet die Rücktrittsforderungen als "alte Hüte".

Lopatka: SP-Rücktrittsaufforderung geht ins Leere
Die SPÖ-Rücktrittsaufforderung an Gehrer geht für ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka ins Leere: Experten hätten mehrfach bestätigt, dass die Sicherheitsvorkehrungen der österreichischen Bundesmuseen internationalen Standards entsprechen würden, außerdem investiere man auch 2006 zusätzlich fünf Millionen Euro in den weiteren Ausbau. "Wenn bei der SPÖ eine Parteilinie zu erkennen ist, dann nur beim Schlechtreden und Neinsagen", sagte Lopatka.

Anwalt: "Hätte wir alle machen können"
Der Anwalt von Robert M., Gerald Albrecht, übte hingegen Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen. Sein Mandant habe gesagt, das die Sicherheitsausrüstung des KHM "nicht am letzten Stand" gewesen sei. Auch der Auffassung, das die Tat nur von einem hochspezialisierten Experten durchgeführt hätte werden können, erteilte Albrecht eine Absage: "Wir hätten das eigentlich alle machen können." Es sei ein "plötzlicher Tatentschluss" seines Klienten gewesen: "Er geht irgendwann einmal (beim Kunsthistorischen Museum, Anm.) vorbei und denkt sich: Das gibt's nicht, da steht ein Gerüst", schilderte Albrecht.

Saliera schon bald wieder ausgestellt
Schon bald soll die "Saliera" wieder öffentlich präsentiert werden. Am 29. Jänner werde die "Saliera" bei einem Fundraisingdinner für die Kunstkammer zu sehen sein, sagte Kubadinow. Ab 31. Jänner ist das Salzfass wieder zu Hause im Kunsthistorischem Museum. "Ob die Versicherung für eine nötige Restaurierung zahlen wird, ist noch nicht abschließend zu beurteilen", sagte der Sprecher der Uniqa, Norbert Heller, der APA."Wir haben die Saliera noch nicht gesehen und kennen die Schäden noch nicht. Auch zum Tathergang fehlen uns noch Informationen."

Stillschweigen über Versicherungssumme
Zur Versicherungssumme wollte sich Heller nicht äußern, darüber sei Stillschweigen mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) vereinbart worden. Konstantin Klien, Vorstandsvorsitzender der Uniqa, betonte, es sei kein Cent in Zusammenhang mit der "Saliera" geflossen. Für ihn war dies auch ein wichtiges Signal für ganz Europa und darüber hinaus: "Dass sich Diebstahl von Kunstschätzen und Kulturgut nicht bezahlt macht."(apa/red)