Karikaturen-Streit erreicht auch Österreich:
Hunderte demonstrierten in Wien und Graz

Sohn von Libyens Präsident Gaddafi initiierte Protest Protestmärsche in beiden Städten verliefen friedlich<br>PLUS: Gaddafi fordert Verhaftung des Karrikaturisten

Karikaturen-Streit erreicht auch Österreich:
Hunderte demonstrierten in Wien und Graz

Die Protestwelle gegen die Mohammed-Karikaturen hat am Freitagnachmittag auch Österreich erreicht. Mehrere hundert islamische Gläubige demonstrierten in Wien und Graz. Kinder und Frauen hielten Transparente mit deutschsprachigen Aufschriften wie "Ja zur Meinungsfreiheit, nein zu Provokationen". Einige hundert Protestierende marschierten in der Wiener Innenstadt in Richtung dänischer Botschaft. Die umstrittenen Zeichnungen waren zuerst in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" erschienen. In Graz, wo es rund 700 Teilnehmer gab, kam es zu kleinen Zwischenfällen.

Die laut Polizei rund 350 Demonstranten in Wien protestierten friedlich. Sie folgten einem Aufruf des Sohns des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi, Saif al-Islam al-Gaddafi. Drei Demonstranten überreichten nach Angaben von Beobachtern der dänischen Botschaft eine Petition, in der die Cartoons verurteilt werden und die Forderung aufgestellt wird, die Zeichnungen nicht in Medien zu veröffentlichen. Amir Bayati, ein aus dem Irak stammender österreichischer Beobachter des Protestmarsches, sagte gegenüber der APA, die Demonstranten sagten nein zu Gewalt und nein zu Terror. Sie wollten aber eine Entschuldigung dafür, dass man religiöse Gefühle verletzt habe.

Passanten versuchten, Proteste zu provozieren
In Graz versuchten einige Bürger, den Zug der rund 700 Teilnehmer vom Mariahilfer Platz zum Hauptplatz zu provozieren. Doch der eigene Ordnerdienst der muslimischen Organisation funktionierte gut, die Polizei musste nicht eingreifen. Die Mariahilfer Straße in Richtung Griesgasse - wo sich das dänische Generalkonsulat befindet - war mit Gittern abgesperrt. Während der Kundgebung hatten Kinder Tafeln um Hals gehängt, mit der Aufschrift: "Der Prophet Mohammed ist in unseren Herzen". Gruppen mit Kindern und Müttern waren in traditionelle Gewänder gehüllt, einige Frauen trugen die Burka. Männliche Teilnehmer waren bei der Kundgebung, bei der immer wieder "Allah'u Akbar" (Gott ist groß) skandiert wurde, in der Überzahl. Zum Abschluss wurde am Grazer Hauptplatz gebetet - bei kühlen Temperaturen ohne Schuhe Richtung Mekka.

Die Demonstranten verteilten eine Erklärung der Arabischen und Muslimischen Gemeinden in Österreich. Darin hieß es, die Gläubigen versammelten sich, "um friedlich unsere Erbitterung zu demonstrieren, wegen der zweifelhaften und gleichgültigen Haltung der dänischen Regierung und auch anderer europäischer Regierungen gegenüber der bewussten Herabwürdigung des Propheten Mohammed durch dänische Zeitungen, in dem sie mehrere beleidigende und den islamischen Glauben verletzende Karikaturzeichnungen veröffentlicht haben". Dies werde "aufs aller Schärfste" verurteilt.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich hatte keinen offiziellen Aufruf zur Teilnahme an der Demonstration gestartet. Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Glaubensgemeinschaft und SPÖ-Gemeinderat, sagte am Freitag gegenüber der APA, dass sich islamische Vereine in Wien am Vorabend für eine Deeskalation des Konflikts ausgesprochen haben. Eine ähnliche Erklärung wurde vom interreligiösen Beirat der Stadt Graz veröffentlicht. Dieser forderte darin eine Entschuldigung bei den Muslimen, die sich durch die Abbildung in ihren religiösen Gefühlen verletzt und gekränkt fühlen.

Swoboda kritisiert österreichische Ratspräsidentschaft
Unterdessen äußerte der SPÖ-Europaabgeordneter Hannes Swoboda scharfe Kritik an der Reaktion der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft auf den Karikaturen-Konflikt. "Wir haben eine mehr oder weniger sprachlose Präsidentschaft. Weder von der Kommission, noch von (dem EU-Chefdiplomaten Javier) Solana gibt es eine starke Präsentation nach außen", sagte Swoboda am Donnerstagabend gegenüber Journalisten in Brüssel. "Diese Feigheit, diese Zurückhaltung ist inakzeptabel." Der außenpolitische Sprecher der ÖVP, Michael Spindelegger, wies die Kritik umgehend als "widerwärtig" und innenpolitisch motiviert zurück. Solana will sich in der kommenden Woche bei einer Reise in den Nahen Osten um eine Entschärfung des Konflikts bemühen. Er wurde dazu in Saudiarabien, Ägypten, Jordanien und in den palästinensischen Gebieten erwartet.

Saif al-Gaddafi sieht "Kampf der Kulturen"
In einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" (Freitagsausgabe) ortete Saif al-Islam al-Gaddafi (34) einen "Kampf der Kulturen" zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Die Zeichner der umstrittenen Mohammed-Karikaturen sollten seiner Meinung nach eingesperrt werden.

In Zusammenhang mit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen meinte Gaddafi: "Wir erleben derzeit einen 'Clash of Civilisations' (Kampf der Kulturen)." Er forderte die moslemische Gemeinde in Österreich auf, am Freitag nach dem Gebet gegen die umstrittenen Karikaturen zu demonstrieren. Er habe auch den Kärntner Landeshauptmann und BZÖ-Chef Jörg Haider gebeten, zu "intervenieren".

Gaddafi fordert Verhaftung des Karikaturisten
Gefragt ob die dänischen Karikaturisten eingesperrt werden sollten, weil sie den Islam beleidigt haben, sagte Gaddafi: "Selbstverständlich. Sie haben Millionen Moslems beleidigt." Er verurteile die Gewalt. "Aber wir Moslems müssen reagieren, in einer zivilisierten und legalen Art."

Dass Libyen seinen Botschafter aus Dänemark abgezogen und einen Boykott über dänische Waren verhängt hat, sieht Gaddafi nicht als überzogen an: "Den Juden ist es gelungen, in westlichen Medien Standards zu setzen, wonach bestimmte Themen wie der Holocaust nicht berührt werden. Respekt, das haben sie gut gemacht. Wir müssen diesem Weg folgen, damit unser Glaube respektiert wird."

Verantwortlicher für Mohammed-Karikaturen beurlaubt
Der Verantwortliche für die Mohammed-Karikaturen bei der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" ist bis auf weiteres in den Urlaub geschickt worden. Wie der Chefredakteur der "Jyllands-Posten", Carsten Juste, laut der Internet-Ausgabe der Zeitung "Politiken" vom Donnerstag sagte, wurde Feuilletonchef Flemming Rose auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Rose war für die Kulturseiten des Blattes verantwortlich, das Ende September die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht hatte.
(apa/red)