Luca Fontana schlürft an einem Espresso und zieht an seiner selbst gedrehten Zigarette. Gestern lag wieder eine Absage im Briefkasten. Seine Mutter hatte das Kuvert geöffnet und das Schreiben auf den Küchentisch gelegt. Ihr ist das alles furchtbar peinlich. Luca lebt gemeinsam mit seinen Eltern in einer 80-Quadratmeter-Wohnung in einem Außenbezirk Roms. Früher war er Lehrer, jetzt bewirbt er sich bei Speditionen.
"Berlusconi hat dem ganzen Land das Gehirn amputiert, sagt Luca. Die Herrschaft des Premierministers über die Fernsehstationen des Landes hat ein ganzes Volk unmündig gemacht: Die Pensionisten und Hausfrauen sind Tag für Tag einem Bombardement aus Tanzshows und Soap-Operas ausgesetzt. Zudem scheint Berlusconi die wirtschaftliche Situation seines Volkes herzlich egal zu sein. Er verstrickt sich in einen persönlichen Prozess nach dem anderen, während die Wirtschaftsdaten abrutschen. Aktuell muss er sich in der Causa "Ruby wegen Amtsmissbrauch und Förderung der Prostitution von Minderjährigen in Mailand verantworten.
"Wir sind so
In den letzten 17 Jahren verkörperte der Premier die DNA des italienischen Patriarchats. Unter Berlusconi wurde Politik zu Entertainment. Die Italiener spotteten mit gönnerhaftem Lächeln über die Selbstbedienungsmentalität ihrer Regierung und die Skandale des Chefs. Sein Schillern färbte auch auf sie ab. So ist Italien nun mal. Jeder macht, was er will.
Mittlerweile fallen Schimpfwörter, wenn man die Italiener nach ihrer Meinung fragt. Die Horrormeldungen über die drohende Staatspleite haben gewirkt, und im Alltag ist die trübe Realität nicht mehr zu kaschieren: Acht Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze, der Arbeitsmarkt ist nur über Beziehungen zugänglich, und die politische Elite hat Grenzen überschritten. Jeder sieht die Konsequenzen der verfehlten Politik.
Tausende junge Italiener fliehen vor der Chancenlosigkeit ins Ausland. Diejenigen, die bleiben, zucken mit den Schultern und schlagen sich mit Mini-Jobs durchs Leben. Nicht einmal jeder vierte Italiener würde Berlusconi noch wählen.
Für Luca ist Auswandern keine Option. Es würde seiner Mutter das Herz brechen. Vor fünf Jahren malte er sich noch gute Chancen aus: Nach der Matura studierte er Chemie. Das Bildungsministerium vermittelte ihm eine Stelle an einer Grundschule in der Nachbarschaft. 2009 verlängerten sie seinen befristeten Vertrag nicht mehr.
Jetzt ist Luca 33, und seit zwei Jahren lebt er wie zwei Millionen seiner jungen und gut ausgebildeten Landsleute in prekären Verhältnissen. Er lungert tagsüber in Kaffeehäusern und grübelt über die Zukunft.
Gleichauf mit dem Libanon
Die Situation der Jugend ist wie gemalt für ein Programm der Opposition. Doch die Parteien links der Regierungskoalition verharren im antiquierten Schubladendenken der 70er und sind heillos zerstritten.
Ihre Schwäche war Berlusconis Stärke. Tatenlos sahen sie zu, wie der 74-Jährige die Gesetze für seine Vorteile änderte. Sie scheiterten daran, einen charismatischen Gegenpol aufzustellen. "Links oder rechts gibt es nicht mehr; nur noch unten oder oben, sagt Luca. Wahlen machen in seinen Augen keinen Sinn.
Dabei schreit das Land nach Reformen: 1,84 Billionen Euro Staatsverschuldung - ein Viertel der gesamten Schulden innerhalb Europas - drohen die Wirtschaft in die Knie zu zwingen. Die Renditen auf italienische Staatsanleihen stiegen auf 5,5 Prozent. Italien bezahlt so hohe Zinsen für seine Kredite wie der Libanon. Dabei ist das Land stark: 43 Millionen Touristen besuchen das Land jedes Jahr, die Kernindustrien verdienen Milliarden.
Ezio Mauro, Chefredakteur der Tageszeitung "La Repubblica, sieht in seinem Land keine wirtschaftliche, sondern eine politische Krise. "Es gehört zu Italiens Traditionen, dass die Leute sparen. Jeder will ein eigenes Haus haben. Unsere Banken sind gesund, aber niemand will hier investieren, weil unsere Strukturen so verlottert sind. 75 Milliarden Euro verschwinden jedes Jahr in dunklen Kanälen. Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit sind Alltag. Bilanzfälschungen sind nach einer Gesetzesnovelle nicht einmal mehr eine Straftat.
Eine Ära geht zu Ende
Während Italien auf der Liste der Spekulanten ganz oben steht, die Staatsverschuldung Europa zu verschlingen droht und die europäischen Börsen stürzen, neigt sich die Ära Berlusconis dem Ende zu. Und Italien steht vor einem Scherbenhaufen: Die Kommunen sind hoch verschuldet, an allen Ecken fehlt es an Geld. Die Angst vor einem schlechten Nachruf seiner politischen Karriere spiegelt sich auch in dem Sparpaket wider. 79 Milliarden Euro will man in drei Jahren sparen. Den Löwenanteil von über 40 Milliarden Euro im Jahr 2014 - nach den Wahlen, die wohl ohne Berlusconi stattfinden werden.
Das Sparpaket steht sinnbildlich für die Psyche einer unterwanderten Regierung: 10 Euro Arztkosten werden pro Besuch bei einem Facharzt fällig, 25 Euro bei einem ungerechtfertigten Anruf bei der Notfallambulanz. Dem Kindergeld stehen empfindliche Kürzungen bevor; der öffentliche Dienst darf mit Einstellungsstopp, die Pensionisten mit Nullrunden rechnen.
Luca kennt die Konsequenzen der Kürzungen im Bildungsbetrieb: "In den Schulen gibt es längst keine pädagogische Linie mehr. Die Mädchen wollen ins Fernsehen, die Jungs Fußballstars werden. Jeder weiß, dass er keine Chance auf einen Job hat, erzählt er bei der zweiten Zigarette.
Und für dieses Niveau müssen die Eltern der Schüler bezahlen: 150 Euro pro Schuljahr. Früher war das zumindest für die Kinder aus einkommensschwachen Familien umsonst. "Wir sind das neue Griechenland. Zumindest bei den Sozialkürzungen und der Arbeitslosigkeit, sagt der Exlehrer.
La Casta
Die Unausgewogenheit des Sparpakets spricht für sich: 945 Politiker sitzen insgesamt in den beiden Kammern des römischen Parlaments - mit dekadenten Privilegien. Die Mindestbezüge der Parlamentarier liegen mit 11.700 Euro pro Monat an Grundeinkommen mit Abstand an der Spitze Europas.
Ein ehemaliger Parlamentsmitarbeiter veröffentlicht in der Gruppe "I segreti della casta di Montecitorio auf Facebook Dokumente, die das Ausmaß der Selbstbedienung offenbaren: Neun Friseure stehen den Politikern Tag und Nacht zur Verfügung. 30.000 Euro kosten allein Physiotherapien und Kuraufenthalte der Parlamentarier - täglich. Eine Milliarde Euro kosten die Privilegien, inklusive des VW-Phaeton-Fuhrparks, die Steuerzahler Jahr für Jahr.
"La Casta - die Herrschenden sitzen fest im Sattel und halten das Land gemeinsam mit der Mafia im Würgegriff. Zu Lasten der Bildung, des Gesundheitswesens, der Infrastruktur, der Kultur und der Zukunft ihrer eigenen Kinder.
Kommentare
Eine Tragikkomödie.....: .......die darin enden wird, dass man die Demokratie,die zu Dekadenz und Ungerechtigkeit geführt hat, über Bord werfen und die Diktatur wählen wird. In ein paar Jahren wird es europaweit wieder Rechtsdiktatoren geben, die auf Ehre und Vaterland pochen und den Leuten das Blaue vom Himmel versprechen werden. Und keiner der jetzt noch an der Macht befindlichen Herrschaften- weder Herr Faymann noch Herr Spindelegger (für Österreich) sollen sich dann irgendwie bescheweren- SIE waren es dann nämlich, die uns das eingebrockt hatten...........
Unmündige Bürger Letztendlich liegt die Schuld beim unmündigen Bürger der sich von inkompetenten und korruption Politikern die Hucke volllügen läßt. In Italien kommt die Mafia noch hinzu, in Österreich sind es die Blockierer, Freunderlwirtschaft und Besitzwahrer politischer Pfründe die dieses Land in den Untergang führen. Aber vielleicht benötigt es wieder die ganz große Katastrophe damit alle wieder aufwachen. Auch ein Beitrag zur Evolution, außerdem ist die Erde ohnehin überbevölkert.
Re: Unmündige Bürger Die Italiener hatten schon vor dem Euro ihre Bilanzen frisiert, damit sie überhaupt hineindurften in die Währungsunion! Das rächt sich nun! Und wir haben keine besseren Politiker egal welcher Farbe! Seht euch unseren ehemaligen Minister an, egal welcher Coleur! Korrput, korrupter, Politiker! Wann steht das Volk endlich auf und wehr sich?
Was wird da gejammert? Einsparungen bei Kindergeld, Nulllohnrunden bei Pensionisten, Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Arztkosten sind bei uns Alltag. Auch hier gibt es 1 Million Menschen die an der Armutsgrenze dahinvegetieren. Warum sollten wir die Italiener bedauern, denen nun das blüht, das wir zu Gunsten Griechenlands schon lange haben? Wählt nur weiter Faymann und Spindelegger und euch wird es in ein paar Jahren schlechter als den Italienern gehen. Denn in Kürze werden wir auch die noch retten müssen. 74 % des BIP gehen bei uns auch schon für die Schuldentilgung drauf. Also weiter Rot und Schwarz wählen liebe Österreicher. Ich weiß, der Strache würde es auch nicht besser machen. Aber wenn er einmal Wahlen gewinnen würde, dann würden die roten Faymanns und die schwarzen Spindeleggers endlich einmal aufwachen!
Re: Was wird da gejammert? nur wenn der HCS wirklich mal wahlen gewinnen würde, wären zwar die anderen wieder "wach", aber der HCS und seine freunderlpartie hätten auch wieder 4 jahre zeit um das land so richtig auszubluten........
was so ein "weckruf" bewirkt, haben wir ja bei schüssel gesehen!
Naja,... ...Italien wird wohl zeigen, ob die bisherigen Entscheidungen gut waren oder nur ein Aufschieben des Problems.
Wie auch immer, sollte es in Italien richtig zu brodeln beginnen, werde ich mich mit einigen Gläschen Wein nochmal stilvoll vom relativen Wohlstand verabschieden. Und wenn ich irre, habe ich eben einen Brummschädel, wenn ich recht habe, alle anderen auch;-)