"Ich arbeite nicht auf Zuruf": Neuer Bawag- Boss im ausführlichen FORMAT-Interview!

Nowotny über neue Strategie der Gewerkschaftsbank

Bawag-Chef Ewald Nowotny über die neue Strategie der Gewerkschaftsbank, die Affären Refco und Mobtel sowie den bevorstehenden Verkauf von Stiefelkönig.

FORMAT: Herr Generaldirektor, die Bawag-PSK blickt auf ein von der Refco-Kreditaffäre dominiertes Krisenjahr 2005 zurück: Die Bank zittert um mehr als 300 Millionen Euro. Nach dem Rücktritt von Johann Zwettler führen Sie nun seit 1. Jänner die Geschäfte. Wieso haben Sie sich überhaupt auf dieses Himmelfahrtskommando eingelassen?
Nowotny: Die Bawag ist eine im Kern völlig gesunde Bank. Durch Refco sind aber einige Strukturmängel ans Tageslicht gekommen, die nun behoben werden sollen. Am Dienstag hatte ich meine erste Sitzung mit dem Gesamtvorstand. Dort war meine Hauptmessage, dass es in Zukunft keine Ausnahmen von den Regeln der Entscheidungsabläufe und der Risikobeurteilung mehr geben darf. Regeln müssen befolgt werden. Das gilt vom Filialmitarbeiter bis zum Vorstand.

FORMAT: Im System Bawag gab es also bedeutsame Ausnahmen von der Regel?
Nowotny: Das war sicher ein wesentliches Problem. Bei uns wurden Entscheidungen zwar rasch und bürokratielos getroffen, aber auch manchmal ohne ausreichende Einbeziehung von Kontrollgremien wie etwa dem Riskmanagement. Natürlich hat Schnellsein Vorteile. Dass damit aber auch erhebliche Risiken verbunden sind, leuchtet spätestens seit Refco jedem ein.

FORMAT: Was muss sich ändern, um ein zweites Refco-Desaster zu verhindern?
Nowotny: Wir überarbeiten derzeit in Kooperation mit der Finanzmarktaufsicht unsere Governancestruktur. Das wird vor allem die Entscheidungsprozesse betreffen. Noch im ersten Quartal wird eine neue Geschäftsordnung für Vorstand und Aufsichtsrat feststehen, wo das Risikoelement stärker herausgearbeitet wird. Konkret bedeutet das, dass ohne explizite Stellungnahme des Riskmanagements künftig keine Kredite vergeben werden. Die Risikoagenden waren bislang auf mehrere Bereiche verteilt. Die werden künftig bei einem Chief Risk Officer konzentriert. Der dafür direkt verantwortliche Vorstand wird aber keine Kundenverantwortung tragen.

FORMAT: Der Unternehmer Martin Schlaff ist langjähriger Bawag-Großkunde. Derzeit kämpft er gegen den serbischen Staat um die Kontrolle beim Mobilfunker Mobtel. Schlaff und Co haben gemeinsam rund 400 Millionen investiert. Muss nun die Bawag als Hausbank um ihr Geld bangen?
Nowotny: Martin Schlaff ist ein geschätzter Kunde, und ich habe vor kurzem mit ihm gesprochen. Im Fall Serbien gibt es für die Bawag überhaupt kein Risiko. Denn wir haben keinen Kredit vergeben, sondern lediglich eine Garantie für den Fall des Zustandekommens des Geschäfts. Derzeit ist ja noch ein internationales Schiedsverfahren zur Klärung der Eigentumsverhältnisse bei der Mobtel anhängig. Unterm Strich besteht für die Bawag kein Grund zur Sorge.

FORMAT: Im Inland ist die Konkurrenz enorm, das Ertragspotenzial gering. Wie wollen Sie da überhaupt noch wachsen?
Nowotny: Unser größtes Asset ist der Vertriebsapparat. Wir haben 157 Bawag-Filialen und 1.300 Postfilialen plus den Direktvertrieb mit Betreuung der Betriebsräte. Über dieses Vertriebsnetz lässt sich mehr verkaufen als nur Kapitalsparbücher und Betriebsratskredite. Im Wertpapiergeschäft sehe ich für uns das größte Wachstumspotenzial. Da ist bisher zu wenig geschehen. Wir haben bei den Spareinlagen einen Marktanteil von 13 Prozent, aber im Wertpapiergeschäft machen wir nur fünf Prozent. Da muss noch mehr drinnen sein.

FORMAT: Wird der ÖGB nun verstärkt darauf drängen, Bawag-Beteiligungen, wie etwa den Fernsehsender ATV+, die Klaviermanufaktur Bösendorfer, den Schuhhändler Stiefelkönig oder die Elektrohandelskette Cosmos/Köck, zu verkaufen?
Nowotny: Seitens des ÖGB gibt es keinerlei Verkaufsdruck. Ich habe trotzdem eine Vorstandsklausur für Mitte Februar angesetzt, wo das gesamte Beteiligungsportfolio durchleuchtet werden soll. Jedes einzelne Unternehmen wird dort besprochen, das Zukunftspotenzial evaluiert und die weitere Strategie festgelegt. Ich will der Klausur nicht vorgreifen, aber fest steht, dass die Bawag nur Beteiligungen halten wird, die zum Kerngeschäft gehören. Der Rest wird über kurz oder lang verkauft.

FORMAT: Für Stiefelkönig soll es bereits potenzielle Käufer geben.
Nowotny: Ja, es gibt drei Interessenten aus Österreich und einen internationalen Private-Equity-Fonds.

FORMAT: Die Namen ...?
Nowotny: ... darf ich nicht nennen.

FORMAT: Wovon hängt der Verkauf ab?
Nowotny: Das Strukturkonzept muss passen, aber auch der Preis. Denn wir wollen für unsere Sanierungsbemühungen (Anm.: Bawag rettete Stiefelkönig vor der Pleite) auch belohnt werden.

FORMAT: Wie geht es mit ATV+ weiter?
Nowotny: ATV+ entwickelt sich gut. Bei der nächsten Gelegenheit will ich mit Herbert Kloiber, dem ATV-Miteigentümer, das weitere Vorgehen besprechen. Vom Börsengang bis zum Einstieg eines strategischen Investors stehen alle Optionen offen. Es hat ja schon Gespräche mit durchaus interessanten strategischen Investoren gegeben, die könnten wir nun fortsetzen.

FORMAT: Und die künftige Eigentümerstruktur der Bawag?
Nowotny: Das muss prinzipiell der Eigentümer beantworten. Soweit ich weiß, ist der ÖGB bereit, wieder eine Minderheitsbeteiligung abzugeben. Es ist sinnvoll, verschiedene Verkaufsvarianten auszuarbeiten - vom Börsengang bis zum Einstieg eines strategischen Partners. Es gibt zahlreiche Anfragen von Unternehmen aus dem Finanzbereich, die an einer kapitalmäßigen Verschränkung interessiert wären.