Horrorbilder aus Abu Ghraib: Internationale
Empörung nach Ausstrahlung der Folterfotos

Kofi Annan fordert möglichst schnelle Untersuchung Rotes Kreuz ist schockiert über die Misshandlungen

Empörung macht sich nach der Veröffentlichung der neuen Folterbilder aus dem US-Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak breit. Das Generalsekretariat der Vereinten Nationen hat die Fotos in einer ersten Stellungnahme als überaus beunruhigend bezeichnet. Generalsekretär Kofi Annan hoffe auf eine möglichst schnelle Untersuchung, sagte sein Sprecher Stéphane Dujarric. Die neu aufgetauchten Horrorbilder sind von einem großen Teil der arabischen Presse auf den Titelseiten veröffentlicht worden; auch die auflagenstarke überregionale Zeitung "Al-Hayat" druckte Fotos, auf denen Leichen und geschundene Körper zu sehen sind.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zeigte sich schockiert über die Misshandlungen, die einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellten. Politische Beobachter gingen davon aus, dass die erschütternden Abbildungen die antiamerikanische Stimmung in der arabischen Welt weiter anheizen werden. Einige US-Soldaten, die an der Misshandlung der Gefangenen in dem Horrorgefängnis beteiligt waren, sind inzwischen zu Haftstrafen verurteilt worden, die von den meisten Irakern allerdings als zu milde empfunden werden.

Die US-Regierung nannte die Veröffentlichung der Bilder "unglücklich". Sie könnten die Stimmung in der muslimischen Welt neu "aufheizen", sagte der Rechtsberater von Außenministerin Condoleezza Rice, John Bellinger, in Washington. Der australische Premier John Howard nahm die USA in Schutz. Wenn es weitere Misshandlungen gegeben habe, müssten diese verurteilt werden. Allerdings müsse er zur Verteidigung der USA sagen, dass diese schon einiges wegen der Foltervorwürfe unternommen hätten, sagte Howard. Der Sender SBS hatte am Mittwoch bisher unbekannte Aufnahmen ausgestrahlt, die wesentlich stärker als die bisher bekannten Demütigungen und Gewalt gegen Gefangene zeigten. Zur Quelle machte der Sender keine Angaben, sein Programm "Dateline" zeigte sich aber von der Glaubwürdigkeit der Aufnahmen überzeugt. Auf einem der Bilder ist ein Mann mit durchgeschnittener Kehle zu sehen. Andere zeigen einen Gefangenen mit schweren Kopfverletzungen, einen weiteren Mann, der offenbar mit Fäkalien bedeckt ist, und einen nackten Mann, der kopfüber an einem Stockbett aufgehängt ist.

Rotes Kreuz ist bestürzt
"Wir sind bestürzt über die Misshandlungen", sagte die Pressesprecherin des IKRK, Dorothea Krimitsas. Es sei deutlich ersichtlich, dass die auf den Fotos gezeigten Misshandlungen der Kriegsgefangenen das humanitäre Völkerrecht verletzten. Die Sprecherin erinnerte daran, dass unmenschliche Behandlung und Folter von Gefangenen auch im Kriegsfall unter allen Umständen verboten seien.

Bereits 2003 hatte eine Delegation des IKRK die Gefangenen in Abu Ghraib besucht und die Zustände in dem Haftlager unter die Lupe genommen. Der Präsident des IKRK, Jakob Kellenberger, habe darauf bei zwei Besuchen in Washington im Jänner 2004 und im Februar 2005 auf höchster Ebene bei der US-Regierung interveniert, sagte Krimitsas. Kellenberger werde sich dieses Jahr erneut mit den Spitzen der amerikanischen Regierung treffen, ein genaues Datum sei noch nicht bekannt.

Ministerin: Zustände haben sich verbessert
Die jetzt veröffentlichten Bilder aus der US-Haftanstalt Abu Ghraib haben nach den Worten einer irakischen Ministerin nichts mit den heutigen Zuständen in dem Gefängnis zu tun. Seit die Aufnahmen entstanden sind, habe sich die Lage in Abu Ghraib verbessert, sagte die Ministerin für Menschenrechte, Nermin Othman, dem Fernsehsender Al-Arabiya. Es habe bis auf einen einzigen Fall vor einem Monat keine Folter mehr gegeben. Die US-Politik gegenüber irakischen Häftlingen habe sich geändert.

Nach einem großen Umbau hatte das US-Militär die Haftanstalt im August 2003 in Betrieb genommen. Im Jänner 2004 meldete ein Militärpolizist seinen Vorgesetzten Misshandlungen an Gefangenen. Einen Tag später soll auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld informiert worden sein. Die Fotos von misshandelten und sexuell gedemütigten Häftlingen gelangten im April 2004 über den amerikanischen Fernsehsender CBS an die Öffentlichkeit. Auf den Bildern waren nackte Gefangene zu sehen, die zu einer Pyramide aufgetürmt oder wie Hunde an der Leine geführt wurden. Kurz nach Bekanntwerden des Folterskandals suspendierte das Pentagon 17 Soldaten, sieben weitere wurden angeklagt.

Schuldspruch gegen England
Traurige Berühmtheit erlangten vor allem der Stabsgefreite Charles Graner und die Soldatin Lynndie England - beide damals befreundet. Sie waren auf nahezu jedem der Bilder zu sehen. England wurde im September 2005 zu drei Jahren Haft verurteilt, Graner Anfang 2005 zu zehn Jahren. Er argumentierte, Vorgesetzte hätten die Misshandlungen initiiert oder geduldet. Als einziger hoher Offizier wurde die Befehlshaberin des Militärgefängnisses, Brigadegeneralin Janis Karpinski, im Mai 2005 zum Oberstleutnant degradiert. Vier weitere Beteiligte erhielten Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und acht Jahren.

(apa/red)