Heftiger Schlagabtausch bei 'Offen gesagt'-Diskussion über den Post-Börsegang

Gewerkschaft: Für Mitarbeiter "Bedrohungspotenzial" Bartenstein: Mitarbeiterbeteiligung bis zu 10 Prozent

Zu einem lebhaften verbalen Schlagabtausch über den für die nächsten Monate geplanten Börsegang der Post ist es in der ORF-Diskussionssendung "Offen gesagt" am Sonntagabend gekommen: Der oberste Postgewerkschafter, Gerhard Fritz (S), erklärte, durch das Durchpeitschen des Börseganges erhalte das Unternehmen nicht genügend Zeit, um eine langfristig Strategie zu entwickeln - für die Mitarbeiter sei diese Situation ein "Bedrohungspotenzial". Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) verteidigte die Entscheidung als einzige Möglichkeit, einen späteren Verkauf an einen (ausländischen) strategischen Partner zu verhindern.

Ein börsentiertes Unternehmen brauche eine Wachstumsstrategie - und die habe die Post derzeit noch nicht, sondern höchstens "Umsatzfantasien", sagte Fritz, der keinerlei Aussage über mögliche Kampfmaßnahmen treffen wollte, über die ÖGB-Teilgewerkschaft am Montag befindet. Wenn die "Ideen und Fantasien" nicht in eine Strategie umgesetzt würden, dann würden das in der Folge vor allem die Mitarbeiter des Unternehmen zu spüren bekommen.

Bartenstein lobt seine Privatisierungspolitik
Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V), lobte den Erfolg der Privatisierungen in den vergangenen Jahren und erklärte, die Post sei "börsefit". Eine Notierung an der Börse begünstige das Wachstum, auch wenn die Erlöse aus dem IPO (ohne gleichzeitige Kapitalerhöhung) nicht der Post selbst zuflössen. In Sachen Mitarbeiterbeteiligung sprach Bartenstein davon, dass sie "zwischen fünf und zehn" Prozent ausmachen könnte. Post-Mitarbeiter könnten in einem solchen Schema Aktien mit einem Abschlag erwerben, müssten das Papier aber eine gewisse Mindestzeit halten. Der Gewerkschaft warf Bartenstein vor, parteipolitisch zu agieren.

SP-Matznetter gegen Privatisierung
Dezidiert gegen eine Privatisierung der (gesamten) Post stellte sich SP-Finanzsprecher Christoph Matznetter, der auf das staatliche Postwesen im "Mutterland" der Privatisierungen, den USA hinwies. Das Aufrechterhalten von Post-Dienstleistungen etwa in kleinen Gemeinden am Land stehe "in eklatantem Gegensatz, zu allem, was die Börsen erwarten." Sollte es darum gehen, Kapital für eine Expansion im Ausland erlösen, solle man eine Tochter dafür gründen und diese an die Börse bringen, schlug der SP-Finanzsprecher vor.

"Habe nichts über das Börsel des kleinen Mannes gehört"
Wenig begeistert von der Privatisierungsdiskussion zeigte sich der Bürgermeister einer niederösterreichischen Gemeinde, der im Studio anwesend war. Der Kommune war vor vier Jahren das Postamt geschlossen worden, die Einwohner müssen nun 14 km ins nächste Postamt fahren. Von Börse und Aktien habe er in den vergangenen Tagen viel gehört - "über eines hab ich aber nichts gehört: über das Börsel des kleinen Mannes", meinte der Bürgermeister.

Unterstützung von Seiten der Wirtschaft
Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl, der in den vergangenen Jahren die ÖVP wirtschaftlich beraten hat, beteuerte, dass bisher jede einzelne Privatisierung gelungen sei. Der (scheidende) Chef der Wiener Börse, Stefan Zapotocky, betonte den Erfolg des Wiener Aktienmarkts seit 2000 sowie die Notwendigkeit, künftig noch viel stärker in die eigenen, also österreichischen Unternehmen zu investieren.

Kleinanlegervertreter Wilhelm Rasinger kritisierte, dass es bisher mangelnde Aussagen zur Bewältigung eines voll liberalisierten Markts durch die Post gebe. Finanzjournalist Christian Höller hält den Börsegang für einen "Balanceakt" und glaubt an einen niedrigen Ausgabekurs - denn dessen Entwicklung werde die Wahlchancen der Regierungsparteien im Herbst 2006 wesentlich beeinflussen.
(apa/red)